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ABCB: Ein Kampf ums Überleben

Der Boxkeller von Charly Bühler gehört in Bern zum Kulturgut. Doch seit dem Rückzug des charismatischen Trainers serbelt die Schule dahin

Der unvergessene Charly Bühler (Archivbild)

Am Stephanstag wird in Bern geboxt. Das traditionelle Meeting geht auf Charly Bühler und seinen legendären Boxkeller zurück. Dieser soll nun zu neuem Leben erweckt werden.

Walter Rüegsegger, Bern (NZZ vom 24.12.2011)

«Box- und Turnlehrer Charly Bühler» steht in silbernen Lettern auf der bordeauxfarbenen Eingangstür, die zum legendären Keller an der Kochergasse 4 führt. Genau vis-à-vis vom Berner Nobelhotel Bellevue, nur einen Steinwurf vom Bundeshaus entfernt. Das dumpfe Geräusch aufeinanderprallender Boxhandschuhe verrät dem Besucher, dass hier immer noch geboxt wird - wie schon seit einer gefühlten Ewigkeit. Für langjährige Kenner der Berner Boxszene sind es vertraute Geräusche. Und doch fehlt etwas. Es ist die Stimme des Lehrers, der die Boxer antreibt und korrigiert. Die Stimme mit dem unverwechselbaren charmanten Berner Dialekt, der aus dem Welschen gewachsen ist. Die Stimme des Boxtrainers Charly Bühler.

Der Charme des «Professors»

Zwölf Jahre sind es nun schon her, seit Charly Bühler seinen Keller verliess, um in den Ruhestand zu gehen. 47 Jahre lang hatte der Romand im Souterrain gewirkt. Zunächst als Schüler von David Avrutschenko, der 1935 den Athletic Box Club Bern (ABCB) gegründet und den Boxsport in Bern salonfähig gemacht hatte. 1955 übernahm Bühler den Keller und begann, die Berner Boxgeschichte zu schreiben. Am Ende seiner Ära 1999, als er den Boxkeller dem ehemaligen Berufsboxer Max Hebeisen überschrieb, war seine Bilanz einmalig: 5000 Runden als Betreuer in der Ecke, 113 Schweizer Meistertitel, Manager und Trainer von 30 Berufsboxern, von denen die Brüder Chervet, Max Hebeisen und Enrico Scacchia 13 EM- und 2 WM-Kämpfe absolvierten.

Jahrzehntelang gehörte es in Bern zum guten Ton, bei Bühler Boxlektionen zu nehmen. So waren im Keller an der Kochergasse Alte und Junge, Sportliche und Unsportliche anzutreffen; darunter Geschäftsleute, Angestellte, Arbeiter, Politiker, Ärzte, Künstler, Prominente, aber auch einfache Berner «Giele». Sie alle betrieben den Boxsport aus Gründen der Fitness. Und sie alle erlagen dem autoritären Charme des «Professors», der auch bei den Hobbyboxern einen besonderen Wert auf die Schlagschule, das heisst auf die Technik, legte. Bühler schaffte es dank seinem Charisma und seiner eigenwilligen Persönlichkeit in all den Jahren, mit Hilfe des Boxsports Menschen aus den verschiedensten Welten zusammenzuführen. Hinter den Handschuhen waren sie, zumindest eine Stunde lang, alle gleich.

Die hilfreichen Freunde

Jetzt steht der Bühler-Nachfolger Max Hebeisen dicht am Ring. Er schaut zwei Boxern zu, die ein leichtes Sparring machen. Hebeisen war Bühlers treuster Schüler. Nie hat er, wie andere Boxer, dessen Autorität in Frage gestellt. Loyal ist er in all den Jahren seinem Lehrer gefolgt. Im Ring hat er zusammen mit Chervet die Bühlersche Philosophie perfekt umgesetzt und Boxen zur Kunstform erhoben. Und den Keller hat er unverändert gelassen. Die Plakate und Bilder an den Wänden stammen aus der Zeit von Bühler, ebenso die vielen Maskottchen mit Box-Sujets. Im kleinen Office, ebenfalls mit Insignien des Boxens vollgestopft, hängt übergross ein Bühler-Porträt. Es ist nicht möglich, aus meinem Schatten zu treten, scheint das Bild zu sagen.

Aus dem Schatten treten - das wollte Max Hebeisen nicht. Er hat versucht, die Tradition des «Grand maître de la boxe» fortzuführen. Doch der beliebte und umgängliche Berner ist schon seit längerer Zeit gesundheitlich angeschlagen. Es fällt ihm nicht leicht, das Training zu leiten. Er kann es nur mit Hilfe und Rücksicht der Hobbyboxer tun, die ihn seit vielen Jahren kennen und die über seinen Zustand Bescheid wissen. Die meisten von ihnen kommen seit zwanzig und mehr Jahren in den Keller. Sie sind es, die die Schule am Leben erhalten. Sie können sich selber organisieren, sie wissen, wie das Training läuft, und sie wissen auch, wie geboxt werden muss, damit das Sparring nicht zu einer Schlägerei ausartet. Aus diesem Kreis stammen die Freunde von Hebeisen, die versuchen wollen, den dahinserbelnden Boxkeller zu retten.

Vier Boxschulen in Bern

Denn der Boxschule und damit auch dem Athletic Box Club Bern fehlen die Mitglieder. Junge Leute und Nachwuchsboxer kommen schon lange nicht mehr. Auch die Studenten und Lehrlinge trainieren heute anderswo. Sie sind vor drei Jahren gegangen, zusammen mit Pascal Brawand, der Hebeisen als Co-Trainer assistierte. Der mehrfache Schweizer Amateurmeister zog die Konsequenzen, als die Zusammenarbeit mit Hebeisen schwierig wurde. Er eröffnete selber eine Boxschule, die vierte, die es in der Bundesstadt gibt. Drei dieser Schulen werden von ehemaligen Bühler-Boxern geführt. In dieser kritischen Phase waren es einige der langjährigen Freunde von Max Hebeisen, die, wie einer von ihnen sagt, Flagge zeigten und dafür sorgten, dass nicht alle in die boomenden Studios der Konkurrenz wechselten.

Die Tradition erhalten

Aus diesem Freundeskreis kommen jetzt auch die Bemühungen, in den nächsten Monaten eine Lösung für die renommierte Boxschule zu finden. Der Keller, sagen die Initianten, sei eine Marke, die wieder belebt werden müsse. Es gebe keinen anderen Klub mit einer solchen Tradition. In den USA hätten die «Gyms» Erfolg, die auf eine Geschichte zurückblicken können. Entscheidend sei, dass die Ausbildung und die Boxschulung verbessert würden, um so wieder junge Leute in den Keller zu bringen. Es gibt Vorstellungen, wie das geschehen soll. Sie seien jedoch erst in ein paar Monaten spruchreif.

Ein Konzept für ein erfolgreiches Trainingszentrum hat die frühere Boxerin Christina Nigg in Thun erfolgreich umgesetzt. Die ehemalige Box-Weltmeisterin führte ihren Klub Boxgym Thun bereits im zweiten Jahr nach der Gründung zum Titelgewinn in der Klubmeisterschaft des Eliteboxens. Nigg hat damit bewiesen, dass es möglich ist, junge Leute für den Boxsport zu begeistern und erfolgreiche Amateure auszubilden. Das soll in Bern an der Kochergasse dereinst auch wieder möglich sein. Die Ideen dazu, wie Tradition und heutige Anforderungen zu verbinden sind, um den Athletic Box Club Bern zu neuem Leben zu erwecken, sind vorhanden. Es werde auf jeden Fall ein Neuanfang, bei dem auch Max Hebeisen mit eingebunden sei. Der 64-Jährige soll und darf seinen Lebensinhalt nicht verlieren.

Der Keller als Lebensretter

Unter den vielen Hobbyboxern gibt es den einen oder andern, der von sich sagt, dass er nicht mehr leben würde, wenn ihm das Boxen in der Kochergasse in einer schwierigen Lebensphase nicht Halt und Zuversicht gegeben hätte. Ein anderer sagt, dieser Ort dürfe nicht sterben, weil Charlys Boxkeller ein Stück Berner Kulturgut sei, weil seine Geschichte, seine Tradition, seine Mitglieder und seine Lage in unmittelbarer Nähe zu Bellevue und Bundeshaus einzigartig seien. Unten im Keller seien alle gleich, egal was sie oben in der vermeintlich richtigen Welt täten. Er träumt nun davon, sich eines Tages im Training wieder mit einem Berufsboxer messen zu können - so wie das früher bei Charly Bühler möglich war.

 

 

 

  




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