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Rückkehr nach Las Vegas

Der ehemalige Box-Weltmeister Mike Tyson therapiert sich als Entertainer. Von Bertram Job

Früher dauerten die Auftritte von Mike Tyson in Las Vegas nur wenige Augenblicke. Dann waren die Gegner, die er vor die Fäuste bekam, entweder bewusstlos oder komplett demoralisiert - und ihr Bezwinger um etliche Millionen US-Dollar reicher. So betrachtet, gibt es an den fünf Abenden, an denen Tyson seit Freitag auftritt, entschieden mehr Gegenleistung fürs Geld. Elfeinhalb Jahre nach seinem letzten Kampf in der Wüstenstadt - Abbruchsieg in Runde 1 gegen Orlin Norris, der später wegen Marihuana-Befunds annulliert wurde - ist der vormals böseste Boxer des Planeten für je 80 Minuten in einer Solo-Show zu sehen, in der er sich selber thematisiert.

Geschundene Seele

«Mike Tyson - Undisputed Truth» lautet der Titel des multimedialen Programms im Hollywood Theatre des MGM Grand, dem gigantischen Hotelkomplex am Strip. Es hat ein ebenso klassisches wie reduziertes Setting: Der 45-Jährige im Ruhestand sitzt auf einem Barhocker und lässt zu zahlreichen Foto- und Videoeinspielungen sein unglaubliches Leben Revue passieren. Eigentlich eine Pose, die bis dahin für alternde Entertainer von Weltformat vorgesehen war. So viel wie diese hat der zweifache Ex-Champion in zwanzig Jahren als Aktiver (50 Siege, 6 Niederlagen, 2 Kämpfe ohne Wertung) zweifellos ebenfalls erlebt - nur eben im turbulenten Zeitraffer.

Der einst so schüchterne Mensch, der früher verlegen lispelte, hat sich über die Jahre offenbar enorm gewandelt. Darum ist er für Regisseur und Co-Produzent Randy Johnson «der geborene Entertainer». Begleitet von Pianoklängen, wird Tyson die grosse Tradition des Striptease in der Kasinostadt erweitern. Für 100 bis 500 Dollar pro Ticket darf jeder zusehen, wie er seine geschundene Seele nach aussen stülpt. Dabei werden laut PR-Lyrik des Hotels «Schichten von Tragödie und öffentlichem Aufruhr» freigelegt, während sich gleichzeitig «seine Geschichte von Triumph und Überleben» entfalte.

Man erfährt, dass der Pensionär nur noch Verachtung für seinen ehemaligen Promoter Don King empfindet, diesen «lächerlichen alten Mann», mit dem sogar der Teufel schon fertig sei. Und er hat fast subtilen Spott übrig für die einst fürstlich abgefundene Schauspielerin Robin Givens, mit der er eine kurzweilige Skandalehe führte.

Das beliebteste Opfer seiner seelischen Entrümpelungen aber bleibt Mike Tyson selber: ein Mann, den er selber auch nach mehreren Therapien und Entziehungskuren offenbar noch nicht so ganz versteht. Auch das ist für die meisten eine neue, medial bisher kaum gewürdigte Qualität: Tyson, der Schrecken des Abendlands, der halb bestürzt und halb amüsiert über sich selber herzieht.

Wie stark sich der frühere Boxer als «Dirty Me» inszeniert und wie viel echt ist - das bleibt weiter schwer einzuschätzen. Gesichert ist im Fall des Michael Gerard Tyson zumindest, dass sich der Affekttäter mit den kannibalischen Ausfällen gegenüber Widersachern heute strikt vegan ernährt - und dass ihm die junge Familie, die er mit Ehefrau Kiki gegründet hat, über alles geht. Zwanzig Minuten von Las Vegas entfernt leben sie in einem Vorort der Berühmten und Reichen eine fast mustergültige, bürgerliche Idylle.

Einige Kurzauftritte in Filmen wie dem Bollywood-Streifen «Fool N Final» und besonders der Hollywood-Komödie «Hangover» haben Tyson zudem wieder ins öffentliche Gedächtnis zurückgerufen - mit einem wesentlich besseren, geläuterten Image.

Forschung nach Dämonen

Zu einer intensiveren Filmkarriere wird es dennoch kaum reichen, und die Vorort-Idylle am Rande der Wüste bleibt in mehrfacher Hinsicht fragil. Die Verbindlichkeiten gegenüber den Steuerbehörden werden auf einen zweistelligen Millionenbetrag geschätzt. Ausserdem bleibt Tyson bis auf weiteres Tyson: ein Mann, dem klare Struktur und innerer Friede bis dato immer nur in unterschiedlich langen Schüben gelingen. Die Saga von Saulus, der Paulus wird: Sie hat sich in seiner Achterbahn-Biografie nunmehr so oft zugetragen, dass man an ihrer Nachhaltigkeit zweifeln muss.

Die fünf Themenabende zu sich selbst werden Tyson finanziell sicher nicht einmal annähernd entlasten. Doch sie können ihn in der Forschung nach den eigenen Dämonen nachhaltig unterstützen, das Setting erinnert nicht zuletzt an eine Grundform der Kleingruppentherapie: einfach einmal aufstehen und erzählen, mit welchen Schwierigkeiten man so kämpft. Der Mann auf der Bühne kennt sie schliesslich alle, von den manisch-depressiven Exzessen häuslicher Gewalt bis zur pathologischen Abhängigkeit von diversen Drogen.

«Ich will meine Geschichte erzählen, damit Sie sie besser verstehen können» - so hat Tyson seine One-Man-Show neulich begründet. Das ist an sich redlich und spannend genug. Bleibt darüber hinaus zu hoffen, dass die Box-Ikone im Ruhestand die Geschichte selber noch besser versteht - und die Therapiegruppe im Hollywood Theatre nicht mehr braucht.

NZZ am Sonntag, Augabe vom 15.04.2012 




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