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Interview mit Davide Faraci und Engin Köseoglu



30.04.2012 - Am Olympia-Ausscheidungsturnier in der Türkei verlor der mehrfache Schweizermeister Davide Faraci nach zwei phantastischen Siegen gegen die kroatischen und polnischen Meister den Halbfinalkampf im Mittelgewicht gegen den türkischen WM-Bronzemedaillen- und EM-Silbermedaillen-Gewinner Adem Kilicci und verpasste die Zulassung zum Olympischen Boxturnier in London nur knapp. Immerhin durfte sich der Aargauer an diesem Weltklasse-Turnier die Bronzemedaille umhängen lassen. SwissBoxing (SB) führte mit Davide und dessen Trainer Engin Köseoglu ein Interview. 

SB: Zunächst einmal herzliche Gratulation zu eurem hervorragenden Abschneiden in der Türkei. Davide, wie hast du dich auf dieses wichtige Turnier vorbereitet? Waren die Vorbereitungen anders als bei früheren Turniereinsätzen?

Davide: In erster Linie hat sich mein Trainer Engin Köseoglu speziell Zeit für mich genommen um mich dafür vorzubereiten. In diesem Jahr durfte ich ausserdem einige AIBA Turniere besuchen, wie z.B. das Strandja Turnier in Bulgarien oder den Chemiepokal in Halle. So konnte ich sehen wie das Boxen auf absolut höchstem Niveau ist. Ich wusste also was mich in Trabzon erwartet. Zuletzt und auch sehr massgebend war, dass mich Federico Beresini für ein Trainingslager nach Italien geschickt hat.  Zwei Wochen lang habe ich 3mal täglich zusammen mit der  Italienischen Nationalmannschaft harte Trainingseinheiten absolviert. Ich konnte mich so für diese Zeit nur aufs Boxen konzentrieren. Ich denke diese drei Aspekte haben dazu geführt, dass ich gut vorbereitet an diesem Turnier teilgenommen habe.

SB: Engin, welche weiteren Entwicklungsschritte standen bei Davide bei den Turniervorbereitungen im Vordergrund?

Engin: Nebst dem permanenten Training im Verein mit Schwerpunkt Kondition, haben wir in Zusammenarbeit mit Federico Beresini das  internationale  AIBA Turnier vorbereitet und daran auch teilgenommen. Hinzu kommen die technische wie auch die  taktische Vorbereitung auf ein solches Turnier, welche wir  im allgemeinen Training besprochen und umgesetzt haben. 

SB: Davide, du hast in Trabzon den koratischen Champion, einen WBS-Boxer geschlagen. Das lässt doch aufhorchen. Woher nimmst du das Selbstvertrauen, das es braucht, um einen solch starken Boxer zu bezwingen? Wie hast du diesen Kampf erlebt?

Davide: Der Kroate ist ein guter und schlauer Boxer. Nach der ersten Runde stand es 3 zu 3! Da kam mir die ganze Vorbereitung, welche ich durchgemacht hatte, in den Sinn.  Dadurch bin ich fest entschlossen und mit dem Sieg vor Augen in die 2. Runde gestiegen und habe bewusst mehr Druck gemacht. Diesem konnte mein Gegner offenbar nicht standhalten. Somit gewann ich den ersten Kampf.

SB: Engin, welche taktischen Anweisungen hast du Davide mit in den Ring gegeben?

Engin: Als Trainer konnte ich von den Turnieren auch sehr profitieren. Aus meiner jahrelangen Erfahrung weiss ich, dass die erste Runde für  das Schlussresultat massgebend wichtig ist. Das heisst, der Boxer, der in der ersten Runde vorne liegt, gewinnt zu 90% den Kampf. Also war die wichtigste Anweisung, respektive Taktik für Davide,  in der ersten Runde nicht hinten zu liegen.

JS: Davide, den Viertelfinalkampf gegen den Polen Tomasz Jablonski hast du mit einem Skore von 15 zu 9 ebenfalls relativ klar gewonnen. Welcher der beiden Landesmeister war schwieriger zu boxen und warum?

Davide: Wir beide wussten, dass es in diesem Kampf um die Bronzemedaille ging. Wir schenkten uns nichts. Der Pole hatte einen etwas aggressiveren Boxstil als der Kroate. Er marschierte drei Runden lang nach vorne. Er hatte im Vorkampf den italienischer Meister geschlagen.  So wusste ich, dass es gegen ihn nicht einfach wird.  Obwohl ich nach der ersten Runde leicht im Rückstand lag, habe ich im weiteren Kampfverlauf einen kühlen Kopf bewahrt und konnte immer mehr punkten. So wurde die Bronzemedaille Realität! 

JS: Den Halbfinal gegen den späteren Turniersieger Adem Kilicci hast du mit einem Skore von 18 zu 6 relativ klar verloren. Warst du wirklich chancenlos oder anders gefragt: Würdest du den Kampf, wenn du diesen nochmals bestreiten könntest, taktisch anders angehen? Was traust du Kilicci an den Olympischen Spielen zu?

Davide: Ich habe Adem beim Aiba Turnier in Bulgarien schon gesehen, da wurde er auch Turniersieger. Mit seinen 28 Jahren ist er  ein reifer routinierter Boxer der momentan in der Boxszene ganz oben mitmischt. Im  Viertelfinale hat er Russlands Nummer 1 und amtierender Europameister Koptyakov Maxim geschlagen. Ich war im Kopf nicht bereit, denn ich wusste schon vor dem Kampf,  dass ich diesen nach Punkten nicht gewinnen konnte. Dementsprechend habe ich auch nicht mit Überzeugung  geboxt und das wurde mir zum Verhängnis.  Adem hat schon die Besten geschlagen wie z.B.  den kubanischen, den kazachischen und den russischen Meister. Ich würde ihm sogar  die Goldmedaille in London durchaus zutrauen.

SB: Hand auf's Herz, Engin, aber mit diesen Siegen gegen zwei Top-Boxer konnte man nicht wirklich rechnen. Oder?

Engin: Innerlich war es mein Ziel,  dass Davide in Trabzon einen Kampf gewinnt, denn ich glaube an ihn.  Nun hat er zwei Kämpfe gewonnen. Ich war immer der Überzeugung,  dass Davide mit seinem Können zu den Guten gehört. Dass er so nahe an die Qualifikation heran gekommen ist, war auch für mich eine grosse Überraschung. 

SB: Man kann es drehen wie man will. Aber deine Erfolge am AIBA-Turnier in der Türkei sind für Schweizerverhältnisse einmalig. Trotzdem hast du das Ziel, an die Olympischen Spiele nach London zu fliegen, nicht erreicht. Bist du trotz den phantastischen Siegen enttäuscht?

Davide: Jeder der sich im Boxsport auskennt weiss,  wie schwer es ist bei solch einem Turnier ist, sich noch ein „Lastminute Ticket“ zu sichern.  Das Ziel waren nicht die Olympischen Spiele. Das Ziel war, für meine weitere Karriere  Erfahrungen zu sammeln. Erst als ich die beiden Kämpfe gewonnen hatte, wurde mir klar, dass ich nur noch einen Sieg von der Sensation entfernt war. Natürlich war ich danach sehr enttäuscht aber ich bin überaus zufrieden, nicht mit leeren Händen heimgekehrt zu sein. 

SB: Wie waren die Reaktionen nach diesen tollen Erfolgen?

Engin: Die Reaktion vor Ort war sehr erlebnisreich. Nach dem Einzug in das Halbfinale bekamen wir von allen Seiten Gratulationen und Schulterklopfen. Besonders motivierend waren die Reaktionen aus der Schweiz. An dieser Stelle möchte ich mich bei allen Sportskollegen für die Teilnahme und aufmunternden Zeilen und Worte recht herzlich bedanken.

Davide: Ich möchte mich ebenfalls bei jedem, der mitgefiebert hat, ganz herzlich danken. Jeden Tag habe ich neue Kraft bekommen, als ich die vielen Glückwünsche las. Es bleibt ein unvergessliches Erlebnis.

SB: Wie geht es mit dem Gespann Faraci/Köseoglu nun weiter? Plant ihr eine Karriere im Profilager?

Engin: Aus meiner Sicht hat die Amateur-Karriere von Davide erst begonnen; es wäre falsch zu den Profis zu wechseln. Er ist erst 21 Jahre jung. Wenn er ins Profilager möchte, werde ich ihn davon nicht abhalten.  Als Elite- Boxer werde ich ihn weiterhin mit allen Möglichkeiten, die mir zur Verfügung stehen unterstützen. Als Profi müsste er sich anderweitig orientieren. 

Davide: Lasse mich noch folgendes sagen: Fakt ist, dass an solchen Turnieren nur Profis teilnehmen.  Die trainieren von morgens bis abends und nehmen an Trainingslagern teil, wie ich dies tat. Dies ist enorm wichtig, um international überhaupt mithalten zu können.  An diesem Turnier war ich einer der Jüngsten.  Mit der notwendigen Unterstützung bin ich motiviert und auch überzeugt,  in Zukunft  weitere Erfolge für die Schweiz zu erzielen.

SB: Ich danke euch für die interessanten Antworten und wünsche im Namen von SwissBoxing weiterhin viel Glück und Erfolg.


Jack Schmidli

 

 

 

 

 

 

 


 

  




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