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Yves Studer im Interview

Von Adrian Ruch, „Berner Zeitung“

Yves Studer beendet seine Karriere. Diverse Faktoren haben zum Entscheid des ungeschlagenen Berner Mittelgewichtsboxers geführt. «Ich bin ausgebrannt», sagt der 29-Jährige zusammenfassend.

Sie könnten am 16.Juni in Manchester gegen Martin Murray antreten und sich als Herausforderer von WBC-Weltmeister Julio Cesar Chavez aufdrängen. Warum bestreiten Sie den Kampf nicht?
Yves Studer: Ich musste mich Ende Januar einer Ellbogenoperation unterziehen und deshalb schon den Apriltermin absagen. Leider heilt der Ellbogen nicht wie gewünscht; es wird ein weiterer Eingriff nötig sein. Ich kann den rechten Arm derzeit weder ganz strecken noch richtig biegen. Ein Hemd zuknöpfen ist schon eine Herausforderung. Es ergibt keinen Sinn, derart stark handicapiert nach England zu reisen. Ich habe beschlossen, meine Karriere zu beenden.

Ist die Ellbogenverletzung der Grund für Ihren Rücktritt?
Sie ist der Auslöser, aber letztlich nicht der ausschlaggebende Grund. Ich hätte Anfang Jahr in Australien gegen Daniel Geale um den WM-Titel der IBF antreten können. Ich war voll motiviert und hatte die Einstellung: Ich haue den Geale um und schnappe mir endlich den Gürtel. Doch letztlich scheiterte der Kampf aus finanziellen Gründen respektive an der zu geringen Unterstützung des Schweizer Fernsehens.

Das hat Sie schwer enttäuscht.
Ich habe mir meine Gedanken gemacht: Ist Yves Studer als Boxer zu wenig attraktiv, dass er keine ganz grossen Hallen füllt? Bin ich zu wenig interessant, dass das Geld fehlt? Ich hätte es wohl nicht ertragen, wenn ich mir eine weitere Chance erarbeitet hätte und sie dann wieder wegen mangelnder finanzieller Mittel gescheitert wäre. Mittlerweile bin ich müde, erschöpft. Ich spüre die Belastung, die ich meinem Körper in den letzten zwanzig Jahren zugemutet habe.

Haben Sie über den Rücktrittsentscheid lange nachgedacht?
Es war schon ein Prozess; die genannten Faktoren führten letztlich zum Entscheid. Man muss aufhören, solange man noch gesund ist. Ein Arzt des Unispitals Zürich riet mir zwar schon 2002, ich solle mit Boxen aufhören, aber ich fühle mich im Kopf noch gut. Doch es wäre nicht sinnvoll, noch mehr Schläge einzustecken.

Sie arbeiten in der Sicherheitsbranche und werden im Sommer heiraten. Hat Ihre berufliche und private Situation Ihre Einstellung zum Boxen verändert?
Nein, überhaupt nicht. Obwohl ich Boxer bin, bin ich nicht der Dümmste auf der Welt. Ich habe vorgesorgt, damit mein Leben mit Beendigung der Karriere nicht zusammenbricht. Insofern konnte ich sogar freier boxen, weil ich keine Zukunftsängste haben musste. Trotzdem: Es ist ungewiss, wie gut ich mit der ungewohnten Situation fertig werde. Aber derzeit bin ich zuversichtlich, dass ich gut zurechtkommen werde.

Was wird Ihnen künftig am meisten fehlen?
Der Kampf selber. Der Einmarsch in die volle Arena bringt einen gewaltigen Kick, und am Schluss als Sieger den Finger in die Luft zu heben und gefeiert zu werden, ist ein sehr emotionaler Moment. Da bin ich ehrlich: Die wenigen Minuten Ruhm und Ehre werde ich sicher vermissen.

Sie sind erst 29-jährig. So wie Sie reden, ist das Comeback nur eine Frage der Zeit.
Jetzt sage ich: Es ist endgültig vorbei. Ich ziehe definitiv den Schlussstrich. Doch Menschen sind dumm und schwach. Sollte ich früh in eine Midlife-Crisis geraten und auf die Idee eines Comebacks kommen, hoffe ich, dass mich niemand unterstützen und mir kein Verband eine Profilizenz mehr geben wird. Es wäre blöd, wieder anzufangen. Ich boxe seit meinem neunten Lebensjahr – ich bin ausgebrannt.

Auf welche Aspekte des Daseins als Profiboxer können Sie gut verzichten?
Auf die Tage nach den Kämpfen; die waren nie angenehm, da tat mir jeweils alles weh. Im Ring spürst du die Schmerzen nicht, am nächsten Morgen aber schon. Zudem bin ich froh, dass ich künftig über Weihnachten nicht mehr Diät halten muss. In den letzten Jahren musste ich wegen des Stephanstag-Meetings stets aufs Gewicht achten.

Sie sagten immer, Aufgeben sei keine Option, und verboten Trainer Bruno Arati sogar, während eines Kampfs das Handtuch zu werfen. Empfinden Sie Ihren Rücktritt als Aufgabe?
Nein, es ist ein vernünftiger Entscheid. Es fühlt sich nicht wie ein Aufgeben an – der Kampf ist einfach vorbei. Boxen ist ein wichtiger Teil meines Lebens, doch ich will nicht bis 35 Schläge einstecken müssen und am Schluss das grosse Ziel doch nicht erreicht haben.

Sie treten ungeschlagen ab. Sind Sie stolz auf Ihre Karriere?
Richtig zufrieden bin ich nicht. Man muss ehrlich sein: Ich habe zwar einige Titel geholt, aber mein grosses Ziel, Europameister oder Weltmeister eines grossen Verbands zu werden, nicht erreicht. Allerdings habe ich stets mein Bestes gegeben, insofern kann ich damit leben, den grossen Traum nicht verwirklicht zu haben. Jetzt muss ich mir ein neues Ziel suchen, für das es sich lohnt, jeden Morgen aufzustehen.

Haben Sie sich schon Gedanken über Ihre Zukunft gemacht?
Ich habe bisher noch keinen konkreten Plan. Sicher ist, dass ich weiterhin für die Securitas arbeite und 2015 den Eidgenössischen Fachausweis als Sicherheitsfachmann erlangen will. Ich habe zudem ein gewisses Interesse an der Jugendarbeit und könnte mir auch vorstellen, in ferner Zukunft Boxtrainings zu leiten.

Welche in Ihrer Karriere erlangten Tugenden werden Ihnen im Leben B von Nutzen sein?
Die Disziplin, der Wille, etwas zu erreichen, und die Einsicht, dass es keine Lösung ist aufzugeben.

Würden Sie rückblickend etwas anders machen?
Ich bereue keinen einzigen Schritt in meinem Leben. Ich nehme viele schöne Erinnerungen an eine gute Zeit mit in die Zukunft – allein für diese hat sich der ganze Aufwand gelohnt. Ich hoffe, es läuft weiterhin so gut für mich.  




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