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Sie nannten ihn Pitbull

Boxchampion Johnny Tapia, der stets am Rand des Abgrunds lebte, ist 45-jährig gestorben



Von Regula Freuler

Er gewann alles und verlor wieder alles. Fünfmal wurde er Boxweltmeister. Viermal hörte sein Herz nach einer Überdosis Kokain auf zu schlagen, viermal wurde er wiederbelebt.

«Hab ich nun Glück oder Pech?», fragt er am Anfang seiner Autobiografie «Mi Vida Loca - Das verrückte Leben des Johnny Tapia».

Es war ein verrücktes Leben, vom pränatalen Schicksalsschlag bis zum einsamen Tod. Begonnen hat es im Jahr 1967 an einem Freitag, dem 13., im Barrio, dem hispanischen Viertel von Albuquerque, New Mexico. Noch als er im Bauch der Mutter lag, wurde sein Vater erschossen. Die Mutter war arm, aber lebenslustig. Die Weihnachtsbeleuchtung, rot und grün wie Pfefferschoten, liess sie das ganze Jahr über hängen. Wenn sie tanzen ging (und für Tage wegblieb), gab sie den Buben zu den Grosseltern.

In deren Zwei-Zimmer-Haus lebten noch die meisten seiner elf Onkel und Tanten sowie zahlreiche Cousins und Cousinen. Es herrschte ein strenges Regime. Weinen, sich beschweren, spät nach Hause kommen - und schon kassierte man eine Ohrfeige, manchmal gab's die Bratpfanne an den Kopf. Zähne zog der Grossvater mit der Beisszange. «Es ging um Disziplin. Und um Respekt. Ehre. Stolz.» Dass einige der Verwandten drogenabhängig waren und im Gefängnis sassen, war weniger schlimm. Sie schlugen und sie verhöhnten ihn. Aber er gab zurück: «Die Tapias waren Eroberer, sie waren schon immer Kämpfer.»

Der Grossvater, ehemaliger Boxer, trainierte die Kinder am Punchingball. Gut für den schmächtigen Johnny, der ein Zappelphilipp war (später wurde ADHS diagnostiziert). Er war so hibbelig, als müsste er dauernd vor etwas davonrennen. Gründe hätte er genug gehabt. Mit 5 bekam er einen gewalttätigen Taugenichts zum Stiefvater, der aber bald wieder verschwand. Als Johnny 7-jährig in ein Busunglück verwickelt war, wurde direkt neben ihm eine schwangere Frau durch die Frontscheibe geschleudert und vom Bus zerquetscht. Als er 8 war, entführte jemand die Mutter vor seinen Augen (er schlief auf der Veranda), stach mit Schraubenzieher und Schere 33-mal auf sie ein und erschlug sie zuletzt, als sie im Koma im Spital lag. Im selben Jahr sperrte ihn ein Nachbar tagelang in einen Schrank und fügte ihm mit Zigaretten und Kaffee Brandwunden zu. Die Verwandten riefen nicht die Polizei - Regel Nr. 1 im Barrio: Der Cop ist dein Feind.

Essen war knapp, ständig war der Bub hungrig. Als der Grossvater ihn als 9-Jährigen zum ersten Ringkampf anmeldete, liess er ihn fünf Milchshakes trinken und steckte Steine in seine Hose, damit er den Gewichtstest bestand. Aber Johnny vermasselte es, indem er den Gegner trat und biss wie ein Strassenköter. Es war nicht sein erster Boxkampf. Dieser fand auf der Strasse beim Streit mit einer verfeindeten Gang statt. Die Onkel setzten fünf Dollar auf ihn wie auf einen Kampfhund. «Sie nannten mich Pitbull.» Fortan kämpfte er jeden Freitag. Gewann er, bekam er einen Dollar, verlor er, prügelten ihn die Onkel blutig. «Bald verlor ich nie mehr.»

Mit 11 stand er wieder im Ring. Er suchte sich den Grössten als Gegner aus - und schlug ihn nach 40 Sekunden k. o. Von da ging es los, lokale Kämpfe, regionale, dann in anderen Staaten. Als Amateur gewann er 101 Kämpfe, 65 durch K. o. Seine Grosseltern adoptierten ihn: «Das Boxen gab mir die Liebe, nach der ich mich so gesehnt hatte.» Trotz Erfolgen liess ihn die Strasse nicht los. Freunde wurden ermordet, manche dealten, bunkerten Stoff bei ihm. Eine zu grosse Versuchung, denn da war ja «dieses Loch tief in mir drinnen»: das Schuldgefühl wegen der geliebten Mutter, der er nicht hatte helfen können.

Mit dem ersten Kokainrausch geriet die Achterbahn von Johnny Tapias Leben immer steiler. Er boxte, stürzte ab, kam ins Gefängnis, rappelte sich auf, stürzte ab . . . ein Zirkel. 1993 heiratete er. Noch in der Hochzeitsnacht setzte sein Herz wegen einer Überdosis aus. Reanimation. Die junge Frau half mit Strenge, wollte ihn mehrmals aufgeben, nahm ihn immer wieder auf. Dank ihr schaffte er es an die Spitze: Am 12. Oktober 1994 gewann Tapia seinen ersten Weltmeistertitel, 1997 den zweiten, 1998 den dritten, 2000 den vierten, 2002 den fünften und letzten, im Federgewicht.

Kaum war jeweils der Siegesrausch abgeebbt, riefen die Dämonen. Lange hielt ihn allein die Gier nach Vergeltung für seine Mutter in dieser Welt, den Mörder hatte man nie gefunden - wen interessierte schon der Tod einer Latina? Als Tapia 31 wurde, liess er den Fall neu aufrollen. Man wurde fündig: Es war der damalige Geliebte gewesen. Aber Tapia kam zu spät für die ersehnte Blutrache: Sechs Monate zuvor war der Mörder bei einem Autounfall ums Leben gekommen.

«Ich liebe dich», sagte er einmal zu seiner Frau. «Aber ich liebe die Drogen mehr.» Nun wurde Johnny Tapia tot in seinem Zuhause in Albuquerque gefunden. Die Polizei schliesst Fremdeinwirkung aus.
 

Neue Zürcher Zeitung vom 03.06.2012 




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