News

Keine haut härter zu

09.06.2012 - Vize-Schweizermeisterin Sarah-Joy (30) wollte nur Ferien in Jamaika machen. Doch dann bot der Inselstaat die Baslerin plötzlich für die Frauen-Boxweltmeisterschaft in China auf. Eine Erfolgsstory.

Das hübsche Gesicht, die grazile Figur: Sarah-Joy Rae könnte locker als Model durchgehen. Oder als Ballett-Tänzerin. Aber das 51 Kilo schwere Fliegengewicht ist eine Amateurboxerin. Und eine gute noch dazu. Die Baslerin hat nachweislich den härtesten Schlag in der Schweiz drauf. Und das stellte sie auch in Jamaika unter Beweis…

Einzige Weisse in Jamaika 

Als Doppelbürgerin besucht Sarah-Joy Rae dort regelmässig ihre Familie. Boxen ist auch in dem karibischen Inselstaat verbreitet, doch im Ring stehen fast ausschliesslich Männer. «Mein Traum war es, einmal in einem der Boxclubs Jamaikas trainieren zu dürfen», sagt die Baslerin. Also schrieb sie dem hiesigen Präsidenten des Boxverbandes hartnäckig E-Mails. Der liess sich irgendwann weichklopfen und willigte ein. An sich schon eine kleine Sensation: Denn in dem Quartier, in dem der Club steht, verkehren normalerweise keine Boxerinnen. Und erst recht keine Weissen. Als die Baslerin im Januar dort aufkreuzte, war der Andrang dementsprechend. Überrascht vom offensichtlichen Talent der Schweizerin wurde kurzfristig die einzige Boxerin Jamaikas für einen Sparringskampf aufgeboten – in dem Sarah-Joy ihre Gegnerin regelrecht aus den Socken haute. Als sich dann auch noch herausstellte, dass ihr Grossvater ein berühmter jamaikanischer Cricketspieler gewesen war, ging alles ganz schnell: Sie wurde offiziell angefragt, für Jamaika an der Frauenbox-WM im Mai in China anzutreten. «Ich zögerte keine Sekunde. Aber dieses unwirkliche Erlebnis steckt mir immer noch in den Knochen», sagt die Sportlerin beim Treffen mit dem Regioaktuell-Reporter im Boxclub Basel. 

Ihre Fäuste explodieren im Ring

Die Trainingshalle liegt gleich gegenüber der Kaserne. Die Abendsonne taucht den Raum in goldenes Licht. Schweissgeruch liegt in der Luft – hier wird hart geschuftet. Frauen unterschiedlicher Statur prügeln auf Sandsäcke ein. Das Einzige, das man hört, ist angestrengtes Schnaufen und das schrille Quietschen der Turnschuhe auf dem glattpolierten Holzboden. Sarah-Joy klettert zwischen den gelben Seilen hindurch zu ihrem Trainer Angelo in den Ring. An der Wand hängt ein Poster von Boxlegende Muhammad Ali. Sie tänzelt, duckt sich und schiesst plötzlich pfeilschnell nach vorne. Dann explodieren ihre Fäuste. Links, rechts, links. Der Schlagabtausch hört sich wie Kanonendonner an. Bevor die 30-Jährige jeweils zuhaut, verengen sich ihre Augen zu Schlitzen – wie bei einer Wildkatze kurz vor dem Sprung. Von dieser Gefährlichkeit ist abseits des Rings rein gar nichts zu spüren. Da ist die 30-Jährige fröhlich, aufgeschlossen und liebenswert – von Wut im Bauch keine Spur. «Ich hege gegen niemanden Groll», sagt sie. «Ich boxe, weil ich so Dampf ablassen kann. Ohne Sport als Ausgleich würde ich durchdrehen.»

Rae arbeitet als Staatsanwältin

Vor ihrer Boxkarriere machte sie Ballett, spielte Tennis und wirbelte beim Breakdance über den Boden. Kampfsport faszinierte sie bereits als Kind, doch ihre Eltern schüttelten damals nur den Kopf. Heute sind sie stolz auf ihre Tochter, die sich ihren Lebensunterhalt als Staatsanwältin verdient. «Ich hatte schon immer ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden», sagt sie. Und da sie flexible Arbeitszeiten hat, tangieren sich Beruf und Passion nicht. Die Baslerin macht Sport hauptsächlich, um sich zu spüren. Titelkämpfe sind ihr nicht so wichtig. Dennoch holte Sarah-Joy 2011 die Silbermedaille an der Schweizer Meisterschaft.


Regiomagazin, das grösste Magazin der Nordwestschweiz
Text und Foto: Dominique Zahnd

 

  




Weitere News


© 2018, Swiss Boxing Federation