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Arnold „The Cobra“ Gjergjaj: Abwarten und Tee trinken

Gedanken zum Profiboxen von Angelo Gallina

13.06.2012 - Arnold „The Cobra“ Gjergjaj 16 Kämpfe (16 Siege, 10 durch KO) war letzte Woche zu Gast in Südfrankreich beim Sparring der Schwergewichte. In St. Tropez (F) bereitet sich zurzeit Frankreichs Nummer zwei, Greg Tony 19K (17 Siege, 14 davon durch KO, im Bild links) auf den Europameisterschaftskampf gegen Englands Nummer fünf, Richard Towers, 13 Kämpfe (13 gewonnen, 10 durch KO) vor.



Dieser Titelkampf findet nächsten Samstag im Velodrome von Manchester (UK) statt und wird vom Fernsehsender Sky live übertragen. Für diesen Kampf wäre eigentlich der Deutsche Michael Wallisch vorgesehen, nun nimmt Greg Tony seinen Platz ein. Mit dabei im Trainingscamp war u.a. auch Tyson Fury, Englands Nummer zwei und weitere Schwergewichtler aus der Region. Die Stimmung unter den Schwergewichtlern war locker und angenehm, man kennt sich und der Umgang ist sportlich einwandfrei. Die Temperaturen stiegen an die 30 Grad und der Schweiss floss in Strömen. 

Jeder Boxer hatte sein eigenes Tagesprogramm. Nachmittags traf man sich zum Sparring und abends gab’s Laufeinheiten mit dem Konditionstrainer. Die Trainingseinheiten wurden streng geführt und forderten den Boxern alles ab. Für Greg Tony ist es der zweite Anlauf, den begehrten Gürtel zu erboxen, beim Versuch im 2010 konnte er sein Können nicht wirklich einbringen und verlor gegen  Robert Helenius diskussionslos vorzeitig. Die Vorbereitung sei zu kurz gewesen und er war für den Kampf nicht vollends bereit, fasste er im Nachhinein zusammen. Nun möchte es der Franzose nochmals wissen, von seinen Fehlern lernen und endlich einen grossen Titel gewinnen. Ausgerüstet mit einem extra für diesen Kampf engagierten Ausdauertrainings-spezialisten trainiert er seit Wochen für den grossen Kampf. 

Sein Trainerteam hat speziell dazu Konditions- und Sparringsprogramme zusammengestellt. Der Ausdauertrainer ist regelmässig anwesend, kontrolliert die Abläufe und achtet mit periodischen Pulsmessungen dafür, dass im richtigen Arbeitsbereich trainiert wird. Greg Tonys eigentlicher Trainer Rene Cordier begleitet zur selben Zeit in New Mexico die Weltmeisterin Anne-Sophie Mathis zu ihrer Titelverteidigung gegen Holly Holm. Er informiert sich täglich telefonisch nach dem Trainingsstand seines Schützlings. 

Für Arnold „The Cobra“, der im nächsten Jahr um einen Titel boxen will, war es bereits die vierte Sparringseinheit dieses Jahr. Die erste im Februar in Hamburg beim Erol Ceylan -Team wo er gegen Michael Wallisch zwei Einheiten Sparring ausführen durfte. Bei der zweiten Einheit war gar Klitschko-Trainer Fritz Sdunek zugegen. Ein geplantes weiteres Sparring mit Juan Carols Gomez bei Universum Box-Promotion kam nicht zustande. Trainer Michael Timm hatte die Vorbereitung kurzfristig umgestellt. Als  Ersatz wurden für Gjergjaj mit Sidon und Ikegi zwei weitere Boxer engagiert. Im April kämpfte Gjergjaj in Basel gegen den Bosnier Ednan Buharalija und gewann vorzeitig.

Bereits im Mai dieses Jahres stand Gjergjaj zwei Sparringstage mit Tony Thompson, der am 7.Juli gegen Wladimir Klitschko antreten muss, im Ringrevier. Eine Erfahrung mit viel Lerneffekt. Der 41 jährige Tompson, der seit 2001 als Profi boxt, ist als Rechtsausleger unangenehm zu boxen, da er seine Gegner geschickt und präzise auskontert. Gjergjaj sollte Mitte Juni im Kosovo boxen. Die Veranstaltung wurde aus finanziellen Gründen kurzfristig ersatzlos abgesagt. Im Juli beim Klitschko Kampf wäre ein Vorkampf im Gespräch gewesen. Eigentlich eine schöne Geste vom Veranstalter für dessen Besuch in der Schweiz alles unternommen wird, um den Boxgästen ein gutes Gelingen zu ermöglichen. Der beste Schweizer Profilizenz Schwergewichtler boxt in seinem Heimatland als Klitschko-Vorkämpfer, dies wäre ein Traum für jeden jungen Boxer. Eine schriftliche Absage kostet drei Sekunden. Eine gute Vorbereitung 3 Monate. Drei Wochen vor dem Kampf sieht es nicht nach einem Einsatz für Gjergjaj aus. Man erhält keine Antwort oder wird vertröstet auf mögliche Entscheidungen in der nächsten Woche. Mit solchen Abläufen muss man leben und weiter hoffen. Sich beschweren nützt bei diesen Machtverhältnissen nichts. In der Schweiz pflegen wir zu sagen: „Abwarten und The trinken“. 

Wer sicher gehen will, der bezahlt seine Kämpfe und organisiert diese am besten auch gleich selber. Abmachungen, ob mündlich oder schriftlich, sind in diesem Geschäft nicht viel Wert. Die wenigen, welche ihr Wort halten und auch Geld überweisen, kann man an einer Hand abzählen. Die Ungereimtheiten sind eher an der Tagesordnung. Schwierig so auch weiterführende Geschäfte zu tätigen, ein Jahr im Voraus zu planen oder Abmachungen einzuhalten. Verständlich auch, dass sich mögliche Investoren auf Distanz halten. Keiner möchte hier sein Geld einbringen bei diesen Bedingungen. 

Der Aufbau eines Profiboxers kann unterschiedlich gestaltet werden. Hier spielen seine boxerische Vorgeschichte, vor allem seine Erfolge als Amateur, eine solide Gegnerwahl bei den Profikämpfe, die Vermarktung des Boxers, die richtigen Kontakte in der Box- und Geschäftswelt, Medienpräsenz und Fernsehübertragung, ein gutes Trainingsumfeld, eine gesunde Finanzierung, regelmässige Sparrings und Kämpfe usw. eine zentrale Rolle. Den meisten Profiboxer fehlt eine oder mehrere Komponente, den meisten jedoch vor allem eins, das Geld. Es gibt nur eine Handvoll Boxer die in Europa vom Boxen leben können. Die meisten finden andere Wege um sich über Wasser zu halten oder haben aufgehört zu kämpfen. Das Boxgeschäft ist aus meiner Sicht zurzeit in einer Krise. Neben den Grossverdienern mit den TV-Verträgen (Klitschko’s, RTL, Felix Sturm, SAT1. oder die Sauerlandboxer, ARD), welche sich ihre Gegner selber aussuchen können, bleibt für die anderen nichts anders übrig als kleine Brote zu backen und zu hoffen, dass attraktives Boxen wieder salonfähig wird.

In der Schweiz werden aus Prinzip keine Boxkämpfe übertragen, auch nicht wenn es um eine Weltmeisterschaft geht und der Boxer Yves Studer heisst und aus Bern kommt. Kein Geld heisst es dann. Da helfen auch Statistiken nicht die belegen, dass Boxen nach Fussball, Tennis und Formel 1 die beliebteste TV-Sportart ist. Zudem darf man in der Schweiz nach dem 35. Lebensjahr grundsätzlich nicht mehr als Profi in den Ring steigen; eine Regelung zum Schutze der Boxer, die von den Gerichten hierzulande gestützt wird. Dass nun 41- (Thompson) oder gar mit 48- jährige (Holyfield) in der Schweiz sich im Ring duellieren ist auf den Umstand zurückzuführen, dass solche Kämpfe nicht durch SwissBoxing, sondern durch ausländische Verbände sanktioniert werden.   

Es braucht jemanden, der für eine Boxübertragung selber aufkommt. Dann geht wieder was. Ein gutes Bespiel ist das Schwingen in der Schweiz. Eine Sportart, welche bis vor einem Jahr nur am Rande wahrgenommen wurde. Da hat, auch dank einer volksnahen Partei, welche schweizerische Traditionen wieder aufleben lassen möchte, ein Umschwung stattgefunden. Und siehe da, das Fernsehen überträgt nun Schwingen live, und dies bei tollen Einschaltquoten. Eine Sportart, welche bisher nur geringe Fernsehpräsenz hatte, kommt nun in „Prime-Time“ daher. Und die Sponsoren lassen nicht lange auf sich warten. 

Bei den ausbleibenden Geldern für den Profiboxsport durch den Ausfall der Fernsehgelder, und grossen Sponsoren müssen Wege gefunden werden, um diese zu kompensieren. Erste Anzeichen sind in England zu spüren, wo regelmässig geboxt wird und man keine Angst hat vor einer Niederlage in der Kampfbilanz. Auch die AIBA baut die Profiangebote aus und lässt auch Boxer unter ihren Verträge kämpfen. Eine eigene AIBA-Liga wurde bereits einberufen. Auch braucht es überdauernde Verbindlichkeiten unter den Veranstaltern, Boxern und Managers. Gute Boxkämpfe bleiben weiterhin attraktiv und können Massen bewegen. Gute Boxer gibt es genügend in allen Gewichtsklassen, Im Schwergewicht wird russisch, polnisch und englisch gesprochen.

Für den Basler Gergjaj heisst es schlicht, abwarten und weitertrainieren und das Beste aus der Situation zu machen. Letzte Woche standen mehr als 20 Runden mit Greg Tony an. Diese brachten Gjergjaj an seine Leistungsgrenze und einen kleinen Schritt weiter in Richtung Titel. Das Profiboxen hat schon manche Krise überlebt, diese ist hoffentlich bald vorbei.

 

  




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