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Klitschko-Herausforderer Tony Thompson fiebert an Thuner Boxgala mit

Bericht von Dr. Gérald Kurth
Fotos von Philippe Riedi, Thun

30.06.2012 - Die Thuner Boxfans werden derzeit wahrlich verwöhnt: Das Boxteam Berner Oberland (BTO) Thun unter dem agilen Trainergespann von Ex-Weltmeisterin Christina Nigg und Ex-Nationalcoach Res Schenk setzt gegenwärtig die Massstäbe im Schweizer Amateurboxsport. Das BTO ist Schweizer Mannschaftsmeister in Elite und Jugend und hat 2012 fünf Einzeltitel errungen. An der Boxgala im Club N8Stern bestätigten die Thuner Boxerinnen und Boxer erneut ihren Anspruch, die Führungsstellung im Schweizer Amateurboxsports zu verteidigen: Sie behielten in insgesamt zehn teils hochkarätigen Kämpfen gegen starke Gastboxer aus der ganzen Schweiz knapp die Oberhand (5:4, bei einem Unentschieden).


Das bestens gelaunte Publikum kam unerwartet in den Genuss eines zusätzlichen Höhepunkts: Von kaum jemandem registriert schlich sich niemand Geringerer als Tony Thompson in den Club, um mitten unter den Fans das Geschehen im Ring zu verfolgen. Der nächste Herausforderer von Vladimir Klitschko verpasst sich gegenwärtig den Feinschliff für seinen Titelkampf in Thun, wo er auf Infrastruktur und Unterstützung des BTO-Teams zurückgreifen kann. Möglich machte dies Marcel Wisler, der den Klitschko-Fight in der Schweiz im Auftrag von Infront Ringier und Klitschko Management Group vermarktet. Der sympathische und professionelle Auftritt von Thompson in Thun – speziell seine Kniefalleinlage beim Empfang des BTO-Präsents - ist eines der publikumswirksamen Quick Events, die Wisler vor dem grossen Showdown am 7. Juli im Stade de Suisse organisiert. Die Thuner Boxfans jedenfalls waren vom Überraschungsbesuch des Champs restlos begeistert.

Thompson im Interview mit Ueli E. Adam Andreas Anderegg mit Tony Thompson

SwissBoxing Präsident Andreas Anderegg würdigte die Verdienste von Christina Nigg und André Schenk mit dem brandneuen Jubiläumswimpel des Verbandes und gratulierte in einem Interview mit Ringsprecher Ueli Adam dem BTO zu den aussergewöhnlichen Leistungen.

 

Die Kämpfe

56 kg - Drin Sadriu (BTO Thun) vs. Julien Calvete (Boxing Club Genevois)
Boxen vom Feinsten! Was die beiden Kontrahenden an Technik, Tempo und Ausdauer boten, braucht den internationalen Vergleich nicht zu scheuen. Schweizer Meister Sadriu, ohnehin mit fürs Limit perfekter Motorik und harten Händen gesegnet, hat sich unter Christina Niggs Ägide in den letzten Jahren konsequent an die Spitze gearbeitet. Julien Calvete aus Genf hingegen hat unter Coach Samir Hotić innert kürzester Zeit seine Kampfanlage umgekrempelt und bedeutende Fortschritte gemacht. Sadriu nutzte zu Beginn seine leichten Reichweitenvorteile aus und punktete in regelmässigen Intervallen mit präzisen Kombinationen, auch aus dem Rückwärtsgang. Calvete hielt aber dagegen: Der aufsässige Wühler arbeitete sich pausenlos in die Halbdistanz, aus der er jeweils drei, vier gefährliche Körperhaken abfeuerte. Ab Mitte der zweiten Runde begann dann Sadriu, dem horrenden Tempo Tribut zu zollen: Mehrfach verfehlte er den perfekt wegtauchenden Calvete. Der Genfer wusste, dass er über die Aussenbahnen kaum Punkttreffer landen konnte und arbeitete weiter konsequent zum Körper. In der Abnützungsschlacht der dritten Runde konnte er klar mehr Treffer landen als der ausgepowerte Sadriu, der sich nur dank guter Beinarbeit den Schlägen noch einigermassen zu entziehen vermochte. Calvete schaffte es aber nicht mehr, Sadrius Vorsprung aus den ersten beiden Runden aufzuholen. In einem absolut spektakulären und fairen Kampf unterlag er dem Thuner letztlich denkbar knapp mit 2:1 Richterstimmen.

  

Drin Sadriu (BTO Thun) vs. Julien Calvete (Boxing Club Genevois)

 

57 kg - Daniel Netchaev (BTO Thun) vs. Ahmed Altinas (BC Wallisellen)
Die Zuschauer sahen  einen Kampf, in dem der einheimische Junior seinem Gegner buchstäblich ins Messer lief. Netchaev und Altinas legten als klassische Jungspunde los wie die Feuerwehr. Sehr schnell jedoch begann Altinas, den Thuner ganz präzis abzukontern, auch im Rückwärtsgang. Das verleitete Netchaev dazu, noch stärker mit der Brechstange zu operieren und den Knockout anzustreben. Altinas bestrafte ihn brutal: Angesichts seiner jungen Jahre technisch schon erstaunlich ausgereift, rief er ein breites Schlagrepertoire ab. Gleichzeitig duckte er sich konsequent weg, wenn Netchaev mit aller Gewalt seine Hände oben durch die Mitte schlug. Mit einer astreinen Schwingerkombinationen schickte Altinas Netchaev in der dritten Rund zu Boden. Dieser rappelte sich zwar noch einmal auf, aber es war offensichtlich, dass der Thuner zuviel hatte einstecken müssen. Altinas gewann den mit R.S.C. gewerteten Kampf hochverdient.

62 kg - Durim Sadrija (BTO Thun) vs. Daniel Egbide (Boxing Club Genevois)
Der Thuner Titelträger lieferte gegen die Genfer Nachwuchshoffnung eine überzeugende Vorstellung ab. Beide Kämpfer verfügen über eine hervorragende Grundschnelligkeit und sind technisch beschlagen. Sadrija arbeitete grundsätzlich mehr nach vorne und schlug präzise einfache Kombinationen, die er nie überhastet abschloss. Egbide hingegen liess sich zu sehr in die Defensive drängen. Auch wenn er über die gesamte Kampfdauer immer wieder mit Kontern punktete, fragt sich, ob diese Kampfanlage für ihn richtig gewählt ist. Egbide ist dermassen athletisch und leichtfüssig unterwegs, dass er daraus viel mehr Kapital schlagen müsste. Sadrija zwang ihm deshalb seinen Stil auf und konnte den Genfer ständig in der Ecke festnageln, wo er über die gesamte Kampfdauer mehr Punkte verbuchen konnte. Das klare Resultat (3:0 Richterstimmen für den Thuner) war deshalb auch in dieser Deutlichkeit absolut verdient.

 

Daniel Egbide (Boxing Club Genevois) vs. Durim Sadria (BTO Thun)


69 kg - Edith Dänzer (BTO Thun) vs. Ornella Domini (Boxing Club Genevois)
Der einzige Frauenkampf fiel leider etwas ab. Schnell wurde klar, dass die beiden Kämpferinnen körperlich nicht optimal vorbereitet waren und deshalb bald einmal konditionelle Mängel an den Tag legten. Dänzer marschierte in den ersten beiden Runden nach vorne, wurde aber von Domini mit guten Treffern aus dem Rückwärtsgang problemlos kontrolliert. Dann aber verlängerte sie ihre Auszeiten, so dass Dänzer nun problemlos ihre Trefferquote durch die hängende Deckung der Genferin hindurch erhöhte. So konnte sie den Kampf am Ende noch unentschieden gestalten, weil Domini zuletzt stehend k.o. war und sich zunehmend haltsuchend an die Thunerin klammerte.

Ma Kim John (BTO Thun) vs. Davor Lukić (BC Carouge)
Der Kampf offenbarte rasch einen Klassenunterschied. Obwohl Lukić überdurchschnittlich oft mit Innenhänden operierte, landete er mit seinen Schlagsalven auch immer wieder harte Wirkungstreffer. John hingegen versteckte sich zunehmend eingeschüchtert hinter einer wenig kompakten Doppeldeckung und brachte nur wenig Hände ins Ziel. Obwohl beide genau gleich viele Kilos auf die Waage brachten, gewann man schnell den Eindruck eines Klassen- und Gewichtsunterschieds gleichermassen. Lukić bearbeitete John zwar nicht immer präzise, aber so athletisch und druckvoll, dass die klare Wertung zugunsten des Gastboxers absolut verdient war (3:0).

Stefan Bernet (BTO Thun) vs. Lukas Barbosa (BC Carouge)
Barbosa war mit einigen Vorschlusslorbeeren und begleitet von einer Equipe des Radio de la Suisse Romande angereist. Diese löste er gegen einen Gegner ein, der alles andere als inferior war: Der Einheimische Bernet wehrte sich lange sehr geschickt. Selbst in Bedrängnis kämpfte er zäh und brachte immer wieder einzelne Schwinger als Konter ins Ziel. Mit zunehmender Kampfdauer zeigten aber die harten Hände des Genfers Wirkung. Am Ende der zweiten Runde wurde der Einheimische angezählt, aber vom Gong vorerst gerettet. Danach strebte Barbosa mit Gewalt den Niederschlag an und verlor deshalb etwas an Präzision. Eine Serie von harten Treffern brachten aber die Entscheidung: Bernet drehte sich erst weg und kniete sich nach dem Unterbruch hin. Verdienter Sieger im mit K.O. gewerteten Kampf war damit Lukas Barbosa.

72 kg - Silvan Bühler (BTO Thun) vs. Marco Carvalho (BC Wallisellen)
Der Kampf war technisch nicht auf dem Niveau der anderen Begegnungen des Abends. Beide Boxer arbeiteten fast ausschliesslich oben durch die Mitte. Carvalho, der Gastboxer aus Wallisellen, schlug leider allzu oft währschafte Ohrfeigen statt Fäuste. Bühler wiederum sprang, im Bestreben, die Reichweitennachteile auszugleichen, wiederholt den Gegner an. Da beide zudem konditionell nicht optimal vorbereitet wirkten, wurde mit zunehmender Kampfdauer immer mehr geklammert. Die Kampfwertung (3:0 Richterstimmen für den Thuner) war zwar insgesamt korrekt. Bühler aber konnte dem Kampf nie seinen Stempel aufdrücken und verbuchte insgesamt nur wenig Punkttreffer mehr als sein Gegner.

77 kg - Mischa Nigg (BTO Thun) vs. Alis Sijarić (BC March)
Lokalmatador Nigg bekam mit dem Marcher Sijarić einen Gegner vorgesetzt, der vorübergehend als Profi lizenziert war, mittlerweile aber wieder zu den Amateuren zurückgekehrt ist. Gegen diesen erfahrenen, hart schlagenden Gegner spielte Nigg all seine Vorzüge aus: hohe Bewegungsintelligenz, überdurchschnittliche Schlagvorbereitung und –technik. Bei aller Intensität verlor der Thuner zu keinem Zeitpunkt die Übersicht. Bei Niggs Auftritt sprang sogar Barry Hunter, Coach von Tony Thompson und Ex-Nationaltrainer der USA, aus dem Sessel und rief: Excellent! Sijarić hätte Nigg liebend gerne in den Infight verwickelt, wo er kürzere Reichweite und druckvolle Hände zu seinen Gunsten hätte ausspielen können. Nigg war aber ständig unterwegs und entzog sich nach jedem abgeschlossenen Angriff den gefährlichen Kontern des Marchers, der vier Kilo mehr auf die Waage gebracht hatte. Als Sijarić erste Ermüdungsanzeichen verriet, erweiterte Nigg auch seine technisch feinere Klinge und begann, die entstehenden Lücken mit Aufwärtshaken zu nutzen. Weil er sich anschliessend immer konsequent rausdrehte, schlug Sijarić zwar immer noch druckvoll, aber doch vermehrt ins Leere. Im offenen Schlagabtausch der dritten Runde zollte aber auch Nigg dem hohen Tempo Tribut und musste zahlreiche Treffer hinnehmen. Über die gesamte Kampfdauer hatte er sich aber einen soliden Punktevorsprung verschafft, den er in einem spannenden und absolut fairen Kampf sicher ins Ziel brachte (3:0 Richterstimmen für Nigg).

Alis Sijaric (BC March) vs. Mischa Nigg (BTO Thun)


91 kg - José Gomez (BTO Thun) vs. Dominik Frei (BC Zürich)
Der spanische Debütant Gomez verlor zwar seinen ersten Fight für das BTO, hat aber das Potenzial, zu einem Publikumsmagneten zu werden. Gegen den Zürcher Frei war er konditionell noch nicht so weit, um die drei Runden ohne längere Pausen zu überstehen. Frei nutzte dies konsequent zum unspektakulären, aber regelmässigen Punktesammeln. Zwar meldete sich Gomez urplötzlich mit krachenden linken Schwingern zurück, die Frei mehrfach ordentlich unter Strom setzten. Dann aber liess Gomez wieder ohne ersichtlichen Grund die Deckung fallen und liess zu viele Kopftreffer zu. Wenn der Thuner diesen wesentlichen Mangel unter Kontrolle bekommt und gleichzeitig ein höheres Tempo anschlägt, dann kann er vielen Gegnern gefährlich werden. Den Fight gegen Frei verlor er aber vorerst mit 2:1 Richterstimmen. Ein Verdikt, das absolut in Ordnung ging.

Elbasan Kqiku (BTO Thun) vs. Ruben Carvalho (BC Wallisellen)
Ein Kampf zwischen zwei robusten Burschen, die ordentlich Dampf in den Fäusten haben. Kqiku gab sich zu Beginn scheinbar vorsichtig. Urplötzlich explodierten aber seine Hände förmlich. In der ersten Pause hatte er Carvalho schon so weit, dass dessen Atmung hörbar behindert war und das linke Auge angeschwollen war. Umso sinnvoller, dass er sofort aus dem Kampf genommen wurde. Der absehbare Knockdown hätte sich unter Umständen fatal ausgewirkt. Verdienter Sieger durch gegnerische Aufgabe nach nur einer Runde war damit der Einheimische Kqiku.

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