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Davide Faraci: Die Sucht stillen

Davide Faraci ist der erfolgreichste Amateurboxer der Schweiz. Er träumt weiter von Olympischen Spielen und einem Dasein als Profi
 

Ehrgeizig und fokussiert: Davide Faraci

Am Samstag beginnen in Aarau die Schweizer Meisterschaften im Amateurboxen. Davide Faraci kennt im Mittelgewicht kaum Gegner. Im Ausland aber trifft er auf harte Gegenwehr.

Michele Coviello, Baden

Die Fäuste prallen auf die Pratzen. Wie Böller hallen die Schläge durch den niedrigen Box-Keller und übertönen die Hip-Hop-Bässe, die aus den Lautsprechern wummern. Davide Faraci schlägt, deckt, schlägt wieder.

Es ist 19 Uhr 30 im Sportcenter Baregg, weit ausserhalb von Baden. Hier feilt der zurzeit erfolgreichste Schweizer Amateurboxer dienstags und donnerstags an seiner Technik; an den restlichen Tagen stärkt er Muskeln und Kondition - jeden Abend. Von 7 bis 17 Uhr arbeitet der 21-Jährige mit sizilianischen Wurzeln als Automatiker. Zu Hause isst er nach Feierabend eine Banane, packt seine Tasche und fährt los. Wenn er am Samstag nicht kämpft, joggt er am Sonntag. «Als Profi könnte man viel besser planen», sagt Faraci, «als Amateur muss ich alles auf jeweils zwei Stunden am Abend konzentrieren.»

Mit der Ästhetik punkten

Wie jetzt, wenn er Kombinationen übt. Links. Links, rechts. Links, rechts, links. Immer komplexer, immer schneller - bis man nicht mehr mitzählen kann. Wie Blitze schiessen Geraden und Haken aus ihm heraus. Sein Trainer Engin Köseoglu fängt sie mit schnellen Armbewegungen ab. Der Schweiss rinnt dem Coach über Nase und Kinn. Trotzdem entgeht ihm kein Fehler. Er korrigiert seinen Schüler. Das ist Faraci wichtig. «Ich lege Wert auf schönes Boxen», sagt er, «wenn es nicht gut aussieht, dann machst du es falsch.»

Mit Ästhetik und präzisen Schlägen bei den Richtern punkten, das steht für Faraci im Vordergrund - nicht der Knock-out. Wie viele seiner 75 Siege aus 90 Kämpfen er mit K. o. gewonnen hat, weiss er nicht. Sein eleganter Stil aber ist erfolgreich. Faraci war dreimal Schweizer Meister bei den Junioren (bis 19) und zweimal bei der Elite (ab 19). Am Samstag wird er in Aarau an den Ausscheidungen für die Schweizer Meisterschaften antreten. Für die Finals am Wochenende vom 17./18. November in Baden gilt der Titelverteidiger als grosser Favorit.

Das trifft im Ausland nicht zu - auch wenn Faraci schon mehrere internationale Medaillen gewonnen hat. Am Turnier des Welt-Amateurboxverbandes Aiba duellierten sich im Oktober in Finnland 105 Landesmeister aus 19 Nationen. Faraci schied bereits in der ersten Runde gegen die russische Nummer 8 aus. Und im April hatte sein Traum von den Olympischen Spielen am letzten Hindernis geendet: An der Qualifikation in Trabzon gewann Faraci zwei Kämpfe, unterlag aber im Halbfinal dem Türken Adem Kilicci, dem WM-Dritten und Zweiten der Europameisterschaften. Der türkische Verband war mit zwölf Betreuern zugegen, hatte ein Budget von drei Millionen Euro im Rücken und konnte so sechs Boxer nach London bringen.

Eine andere Realität

Die Schweizer Amateure leben in einer anderen Realität. Faraci war einzig mit seinem Trainer Engin Köseoglu nach Trabzon angereist. Das Nationalteam kommt mit rund 40 000 Franken aus. Der Verband unterstütze das Ausnahmetalent Faraci zwar, wie es nur gehe, sagt Köseoglu. Um die Lücke zur internationalen Spitze zu schliessen, müsste der Boxer aber die Möglichkeit haben, das Arbeitspensum zu reduzieren.

Der ehemalige Profi Andreas Anderegg ist heute der Präsident von Swiss Boxing. Für ihn ist der Unterschied zu grösseren Verbänden primär eine Frage des Umfeldes und der Strukturen. «Boxen ist in der Schweiz eine Randsportart», sagt Anderegg. Amateure genössen zudem zu Unrecht weniger Beachtung und Öffentlichkeit als Profis - und hätten entsprechend geringere Aussicht auf Sponsoren ausserhalb des persönlichen Bekanntenkreises.

«Faraci ist aber ein menschlich integrer Boxer, einer mit einem sehr guten Umfeld. Er wird es packen», sagt Anderegg entschieden. Wichtig seien dabei internationale Erfolge über einen längeren Zeitraum. «Das führt zu einer grösseren Beachtung in den Medien und fördert das Interesse am Boxen. Dadurch wird es einfacher, mehr Mittel zu generieren.» Hoffen darf Faraci auch auf einen Zustupf von Swiss Olympic. «Unser Verbandsgespräch mit Swiss Olympic findet diesen Monat statt», sagt Anderegg, «dann wird auch das Thema Olympia 2016 behandelt - und somit auch Davides Weg nach Rio.»

Einen Tumor entfernt

Im Dezember hat Faraci die nächste Chance, um sich international zu präsentieren und seinen Durst nach Titeln zu stillen: die U-22-EM in Kaliningrad. «Ich bin süchtig nach Erfolg», sagt er. Spätestens nach seinem Traum, der Teilnahme an den Olympischen Spielen 2016 in Brasilien, möchte er in professionelleren Strukturen trainieren und sein Hobby zum Beruf machen.

Ein Profi-Boxstall hat bisher allerdings nicht angeklopft, die Suche nach einem Sponsor war noch nicht erfolgreich. Davide Faraci ist aber auch so mit sich und dem Leben im Reinen. Im Alter von 18 Jahren musste er nämlich mit zwei Eingriffen einen bösartigen Tumor aus dem Hals entfernen lassen. Das Boxen habe ihn gelehrt, sich auch durch schwierige Zeiten zu beissen. «Der Sport hat mir viel gegeben, das Boxen hat mich offener und selbstbewusster gemacht», sagt er mit seinem sanftmütigen Blick, der ganz anders ist, als seine harten Schläge es sind. «Ich bin dankbar und zufrieden. Aber es könnte besser sein.»

 "Neue Zürcher Zeitung" vom 08.11.2012




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