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Boxlegende Lagutin zu Besuch in Basel

Bericht von Andreas Schmid/BAZ

Boris Lagutin wäre zu Zeiten von Sean Connery als klassischer Bond-Gegenspieler durchgegangen. Gross ge- wachsen, kräftig, mit weissblonden Haaren und feinem Anzug sitzt der Russe am Samstagabend in der Basler Markthalle unter den 900 Zuschauern am Ring und führt sich den vierstündigen Box-Kultur-Abend im Rahmen der Culturescapes Basel–Moskau zu Gemüte (http://www.swissboxing.ch/index.php?ID=1&Headlines=1306) Er sieht tapfere Amateurkämpfer, leidenschaftliche russische Chorgesänge und schliesslich ein etwas gar kurzes Finale im Hauptkampf, als der Prattler Schwergewichts-Profi Arnold Gjergjaj den Polen Mateusz Malujda weich klopft wie ein Koch sein Schnitzel. 

Angelo "Speedy Chicken" Gallina und Boxlegende Boris Lagutin posieren für die Kamera

Zwischendurch steigt Lagutin selber in den Ring. Denn der 74-Jährige ist nicht irgendwer, sondern eine der reich- dekoriertesten und damit bekanntesten Sportlegenden Russlands. In seiner Karriere als Amateurboxer bestritt er 298 Kämpfe, wovon er bloss zwölf verlor. Daraus resultierten zwei Gold- und eine Bronzemedaille an Olympischen Spielen. Lagutin hat also etwas zu erzählen am Mikrofon. Bloss versteht niemand, was der Dolmetscher übersetzt – woran dieser jedoch vollkommen schuldlos ist. Denn die Markthalle ist wohl das Gebäude mit der schlechtesten Akustik auf diesem Planeten, und so sind an diesem Abend nebst Lagutin auch die Ringspeakerin Bettina Dieterle sowie die 40 Sängerinnen und Sänger des Chores der russischen Musikakademie Gnessin zu bedauern; gut zu wissen, dass die CS als Besitzerin der Halle 600 000 Franken für die Verbesserung der Akustik investieren will. 

Rechte Gerade war hilfreich

Gut auch, dass Lagutin seine Lebensgeschichte zuvor bei einem Mittagessen im kleinen Kreis erzählt hat. Als Sohn eines kriegsversehrten Soldaten wuchs er in ebenso einfachen wie schwierigen Verhältnissen in Moskau auf. Er spielte Fussball und Eishockey, machte jedoch bald im Boxen Karriere. «Hilfreich war meine starke rechte Gerade», sagt Lagutin. Serienweise knockte er seine Gegner aus, und dies bei den Amateuren, wo vorzeitige Abbrüche eher ungewöhnlich sind. 

1960 schaffte er es in Rom bis in den Olympia-Halbfinal, wo er nach hartem Kampf knapp nach Punkten gegen den späteren Goldmedaillengewinner, den amerikanischen Lehrer Wilbert McClure, verlor. «Das Resultat geht in Ordnung», sagt er 52 Jahre später. Niederlagen in internationalen Kämpfen blieben jedoch die Ausnahme. Härter gefordert wurde er hingegen bei inner- sowjetischen Duellen. Seine Frau Tatjana erzählt von einem Fight im Jahre 1965, als er nur boxte, um weiterhin ein Stipendium zu erhalten; Lagutin studierte damals Biologie. «Der Ringboden war nach dem Kampf voller Blut, die Punkterichter berieten eine halbe Stunde, bis sie das Resultat verkündeten.» Doch Lagutin gewann und sicherte sich die Unterstützung. 

Ein Jahr zuvor war er in Tokio Olympiasieger geworden. 1968 doppelte er in Mexiko nach. Eine Woche vor dem Kampf war er als Ersatz für den eigentlich vorgesehenen Athleten, der wegen einer Schlägerei ins Gefängnis musste, nachnominiert worden. Lagutin hatte sich zwar nicht speziell auf die Spiele vorbereitet, sich jedoch weiterhin als Ausgleich zum Beruf fit gehalten. In Mexiko schlug er drei Gegner k.o., zweimal gewann er klar nach Punkten. 

Berater von Boris Jelzin

Heute würde Lagutin mit Sicherheit Profi werden. Damals war das in der Sowjetunion nicht möglich. «Das Profigeschäft mit den hohen Summen, die im Spiel waren, wurde als Ausdruck des für uns damals verdammungswürdigen kapitalistischen Systems betrachtet», sagt Lagutin, der später dann in den Neunzi- gerjahren den russischen Präsidenten Boris Jelzin in Sportfragen beriet. Er sagt dies ohne einen Anflug von Bedauern. Lagutin ist überaus glücklich mit seiner Karriere und geniesst das Leben. Auch an diesem Abend in der Markthalle, wie für jedermann sichtbar ist. Mit seiner Frau legt er spontan am Ring ein Tänzchen ein, als russische Musiker das Publikum unterhalten. 

Danach begibt er sich zurück zu seinem Platz, winkt freundlich ins Publikum und setzt sich wieder hin, um den Städtevergleich zwischen den Basler und Moskauer Boxern mit geübtem Blick weiter zu verfolgen. Aus diploma- tischen Gründen hat Lagutin zuvor darauf verzichtet, eine Prognose abzugeben – an seinem süffisanten Lächeln ist jedoch schnell zu erkennen, dass er von einem glasklaren 5:0 für die russischen Boxer ausgeht. Doch die Basler Boxer halten sich wacker und gewinnen 3:2, bevor dann Arnold Gjergjaj gegen Malujda Kurzarbeit verrichtet und nach zwei Minuten und acht Sekunden in der 1. Runde durch Abbruch siegt. Lagutin zeigt mit dem Daumen nach oben – die Geste gilt Gjergjaj und natürlich weniger dem Verlierer, dessen Kampfeslust allzu schnell versiegte. So allmählich sind Gjergjaj, der nun bei 18 Siegen in 18 Kämpfen steht, Gegner zu wünschen, die ihm mehr abverlangen.  




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