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Klitschko vs. Wach: Boxen Nebensache

Viele neue Erkenntnisse brachte der WM-Kampf am Samstagabend in Hamburg nicht. Wir wussten vorher, dass Wladimir Klitschko momentan der beste Schwergewichtler der Welt ist. Es war auch vorher klar, dass sein polnischer Herausforderer Mariusz Wach nicht die technischen und taktischen Mittel haben würde, dem Champion ernsthaft gefährlich zu werden. Und leider ist es auch kein Geheimnis, dass es bei Klitschko-Veranstaltungen mehr um Show und Brimborium geht als um Boxsport.

Klitschko (r.) kassierte in der 5. Runde einen präzisen Treffer und war angeschlagen. Doch Wach gelang es nicht, den Weltmeister zu "finishen"

Trotzdem haben die ukrainischen Brüder, ihr umtriebiger Manager Bernd Bönte und TV-Partner RTL mit der Inszenierung an diesem Wochenende ein schockierendes neues Level von reinem Verkaufs-Fernsehen erreicht, bei dem das Boxen fast "störendes Beiwerk" zu sein schien. In einer in dieser Form nie dagewesenen Penetranz wurde den Zuschauern von Anfang bis Ende der Übertragung unter die Nase gerieben, dass in Hamburg ein neues Musical startet, in dem es - und das haben dann wohl die Musik-Show im Operettenhaus und die Klitschko-Show in der O2 Arena gemeinsam - irgendwie am Rande auch um Boxen geht.

Nun kann man vielleicht noch verstehen, dass es auch für die Kollegen von RTL etwas Besonderes ist, wenn ein Weltstar wie Sylvester Stallone sich die Ehre gibt und den Weg nach Deutschland findet. Und es ist vielleicht auch nachvollziehbar, dass Mr. Stallone sich dazu nur herablässt, wenn er Werbung machen und Geld verdienen kann. Aber rechtfertigt das wirklich eine knappe Stunde so genannte "Vorberichterstattung", in der nahezu ausschließlich und unverholen Stallones Musical beworben wird?

Gefolgt wurde die nicht mal als solche gekennzeichnete "Dauerwerbesendung" von einem ausführlichen Show Act, der natürlich direkt aus dem Musical entnommen war, so dass man als Zuschauer eigentlich nur darauf wartete, dass Wladimir Klitschko und Mariusz Wach statt eines Boxkampfes gleich ein Duett hinlegen. Tatsächlich wurde es eher das erwartete Solo von Klitschko, der sich aber nicht als Sänger, sondern eher als Drummer versuchte, und das großzügige Kinn seines Gegners über zwölf Runden als Bongo-Trommel nutzte. 

Der eintönige Rhythmus wurde nur zum Ende der fünften Runde kurz unterbrochen, als Klitschko für einen Moment aus dem Takt geriet und Wach die Harmonie durch ein paar Misstöne fast nachhaltig gestört hätte. Doch der melodische Pausengong rückte alles wieder in die Reihe. In der Folge gab "Dr. Steelhammer" wieder ganz alleine den Beat vor, nur der im Drehbuch eigentlich vorgesehene KO wollte und wollte nicht kommen.

Doch dieser kleine Makel spielte scheinbar keine Rolle. Sobald der Schlussakkord des Kampfes ertönt war, konnte sich Klitschko nämlich endlich das Mikrofon schnappen und gemeinsam mit Stallone - natürlich - gleich wieder für das Musical werben. Es mag in Deutschland ja Menschen geben, die sich für die eigentümliche Kunstform des Musicals begeistern. Aber kann man für diese Menschen nicht gesonderte Sendeplätze schaffen? Sondern muss stattdessen gutmütige Box-Fans mit diesem Unsinn belästigen? 

Bei allem Verständnis und Respekt für das Marketing- und Promotion-Geschick der Klitschkos gibt es immer noch so etwas wie die Grenzen des guten Geschmacks. Und die wurden an diesem Samstagabend endgültig und deutlich überschritten. Es steht außer Frage, dass Wladimir Klitschko sportlich (gegen einen absolut überforderten Gegner) wieder mal eine beeindruckende Leistung geboten hat. Aber es vergeht einem einfach die Lust, über Sport zu sprechen, wenn der Sport so sehr in den Hintergrund rückt und so offensichtlich für andere Zwecke missbraucht wird.

Der Vollständigkeit halber sei an dieser Stelle übringes noch darauf hingewiesen, dass natürlich nicht nur Sylvester Stallone an der hier nicht beim Namen genannten Musical-Produktion kräftig mitverdient, sondern - wen wundert's - auch die Brüder Klitschko, die als Co-Produzenten der Show auftreten. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt... – Publiziert mit freundlicher Genehmigung von Figo.de

  




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