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Boxing Day in Bern – Der Bericht

Aniya Seki gewinnt Titelkampf, Arnold Gjergjaj siegt überzeugend und Alain Chervet ist im Profibusiness angekommen 
 

Bericht von Ueli E. Adam (Text) und Philippe Riedi (Fotos)

Promoterin Bala Trachsel hat eine schwierige Aufgabe souverän gemeistert: auch nach dem Rücktritt von Champion und Zugpferd Yves Studer hat es ihre Crew verstanden, das verwöhnte Berner Publikum mit einer attraktiven Affiche zu begeistern. 1250 Zuschauer bewiesen in der neuen Kursaal-Arena, dass Bern die Hauptstadt des Boxens bleibt. 

Darf stolz sein auf ihre Leistung: Aniya Seki mit Peter Stucki (WBC, links) und Jürgen Lutz (WIBF)

27.12.2012 - Vom Stellenwert her war der Titelkampf von Aniya Seki eigentlich das Main-Event, aber für die Medien stand vor allem ein Kampf im Fokus des Interessens: das Profidebut von Alain Chervet. Manager Daniel Hartmann hatte den Youngster mit dem vielversprechenden Namen sorgfältig auf diese Aufgabe vorbereitet und der medialen Beachtung vor dem Kampf konnte man entnehmen, wie sehr die Boxwelt auf den nächsten schweizerischen Stern am Boxhimmel  wartet. Alain Chervet hat die hochgesteckten Erwartungen zwar nicht ganz erfüllt, aber mit einem Unentschieden gegen einen routinierten Gegner bewiesen, dass man ihm zur Recht Kredit einräumt. 

Für Highlights und Stimmung sorgten zusätzlich die beiden Profikämpfe von Arnold Gjergjaj  (Basel) und Sofiane Sebihi (Genf). Beide trafen auf Gegner, die als echte Prüfsteine im Hinblick auf die weitere Karriere eingestuft werden konnten.

Aniya Seki (r.) kämpfte mit Löwenherz und besiegte ihre Kontrahentin aus der Ukraine überzeugend

10x2: Aniya Seki, Bern, (52,1 kg, 20-2-1) vs. Oksana Romanova, Ukraine, (51,4 kg, 7-15-1)

In diesem Kampf ging es um zwei Titel: den WIBF-Titel (als Titelverteidigung) und den vakanten WBC Silver-Titel im Superfliegengewicht. Im Vorfeld war von Experten gerätselt worden, wieso eine Kandidatin mit einem Negativ-Rekord zur Herausfordererin der Bernerin bestimmt  wurde. Oksana Romanova gab die Antwort im Ring: mit ihrer Erfahrung im Kampf gegen starke Gegnerinnen forderte sie Aniya Seki alles ab. Umso erfreulicher war der Kampfverlauf. Seki kämpfte abgeklärt und gab das Heft trotz heftiger Attacken der Ukrainerin nie aus der Hand. In ihrem 24. Kampf bewies Aniya Seki in jedem Durchgang ihre Klasse. Mit einem einstimmigen Punktsieg begeisterte sie ihr Heimpublikum und liess sich wie folgt benoten: Daniel Van de Wiele (B) 97:93; Jürgen Langos (D) 96:94; Rainer Gottwald (D) 100:93

Musste mit sehr grossem Erwartungsdruck fertig werden und kam im ersten Profikampf zu einem Remis


6x3: Alain Chervet, Bern, (61,7 kg, 0-0-0) vs. Siarhei Afonin, Weissrussland (62,2 kg, 1-15-19)

Der Lokalmatador traf auf einen Mann, für den das Boxen ernste Berufsarbeit ist. In 17 Kämpfen hatte sich der Weissrusse das Rüstzeug für das harte Profigeschäft geholt, ohne auf die Gegnerwahl Einfluss nehmen zu können. Seine Berufsauffassung bewies er auch im Ring. Mit einer konsequenten Vorwärtsstrategie schränkte der Rechtsausleger die guten Ansätze von Chervet wirkungsvoll ein und liess den Berner nie richtig aufkommen. Erfreulicherweise hielt Chervet dem starken physischen und – debutbedingt – psychischen Druck ausgezeichnet stand. Chervet bewies sein Potenzial mit guten Repliken, die auch die Punktrichter überzeugten. Nach einem harten Gefecht holte er sich im ersten Profikampf ein verdientes Unentschieden. So sahen es die Punktrichter: Armin Bracher (CH) 57:57; Fabian Guggenheim (CH) 58:57; Domenico Gottardi (CH) 57:58

Attackiert seinen um fast 20 Kilogramm leichteren Gegner mit schweren Händen: Arnold "The Cobra" Gjergjaj 


8x3: Arnold Gjergjaj, CH, (113,7 kg, 19-0-0) vs. Yuri Bihoutseu, Weissrussland, (94,4 kg, 6-2-1)

Die ungeschlagene Schwergewichtshoffnung aus Basel traf im 20. Kampf auf einen Mann, der fünf seiner 9 Kämpfe vorzeitig gewonnen hatte. Trotz seinem inferioren Gewicht und einer geringeren Körpergrösse setzte Yuri Bihoutseu mächtig Dampf auf und Arnold Gjergjaj wurde zunächst echt gefordert. Der Weissrusse gehörte damit eindeutig nicht zu den als zu leicht eingestuften Gegnern, sondern wurde zur Aufgabe, die es zu lösen galt. Zur Freude der Zuschauer und seines Coachs Angelo Gallina meisterte der Basler dies mit Bravour. Nach einem punktgenauen linken Haken schlug Gjergjaj wuchtig zu und schickte Bihoutseu ein erstes Mal auf die Bretter. Weitere Niederschläge folgten und in der 3. Runde zeigte sich, dass Bihoutseu schwer angeschlagen die Orientierung verlor und deshalb nach 2.10 durch TKO aus dem Kampf genommen werden musste. 20 Kämpfe, 20 Siege, davon 14 vorzeitig, sind eine stolze Bilanz und ein Versprechen für die Zukunft. Man darf auf die weitere Karriere von Gjergjaj gespannt sein!

 Musste im 20. Profikampf die vierte Niederlage einstecken: Sofiane Sebihi aus Genf (r.)

6x3 Sofiane Sebihi, Genf, (81,0 kg, 19-3-0) vs. Hakim Zoulikha, Frankreich, (78,7 kg, 17-3-1)

Für einen begeisternden Höhepunkt des Abends sorgten zwei Boxer, die in letzter Minute für den verletzungsbedingt ausgefallen Hauptkampf zwischen Nuri Seferi (Burgdorf) und Lubos Suda (CZ) engagiert worden waren. Experten wussten, dass dieser Ersatzkampf grossen Spektakel garantieren würde. Beide Kämpfer traten mit einer beeindruckenden KO-Quote von 60 und 45 % an und beide hatten Ambitionen auf einen späteren Titelkampf. Die Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Mit einem gnadenlosen Gefecht rissen die beiden Kämpfer das Publikum von den Sitzen und verdienten sich Standing-Ovations. Mit variantenreichem Schlagrepertoire dominierte der Genfer vorerst den kompromisslos anstürmenden Franzosen, der seinerseits mit technisch hervorragendem Punching begeisterte. Ab der dritten Runde kippte der Kampf zugunsten des hervorragenden Zoulikha, der sich mit einer gewaltigen Physis vermehrt Vorteile zu verschaffen wusste. Der 26-jährige Franzose brachte Sebihi (33) mit präzisem Schlaghagel aus dem Konzept und der Genfer musste vermehrt Schläge nehmen, die seine Kampfkraft entscheidend lähmten. Ein schwerer Cut unter dem linken Auge hinderte Sebihi zudem an der Entfaltung seines ganzen Könnens und ab der fünften Runde musste gar mit einem vorzeitigen Ende gerechnet werden. Mit der Routine eines grossen Boxers rettete sich Sebihi über die Runden, aber der Sieg war dem Franzosen nicht mehr zu nehmen. Mit Mehrheitsentscheid siegte Hakim Zoulikha in einem absolut grossartigen Kampf. So sahen es die Punktrichter: Armin Bracher (CH) 57:58; Thomas Zimmermann (CH) 58:56; Domenico Gottardi (CH) 56: 58
 

Die Vorkämpfe der Amateure

Erfreulicherweise liessen auch die Vorkämpfe keine Langeweile aufkommen. Elite-Trainer Benjamin Huber von den Boxing Kings konnte sich über die Leistungen seiner drei erfolgreichen Schützlinge freuen. In einem Frauenkampf besiegte Sonja Uhlmann (Boxing Kings Bern) die routinierte Sandra Roulet (BC Genevois) mit 3:0 Richterstimmen und eröffnete das positive Skore der Berner. Spektakulär wussten sich auch die beiden Hoffnungsträger der Kings in Szene zu setzen: Eren Oener trotzte in einem sehr guten Fight dem Nyonais Frank Pham Dat Tai (BC Nyon) einen 2:1 Sieg ab und bestätigte damit sein Leistungspotenzial, das er schon anlässlich der Schweizermeisterschaften bewiesen hatte. Mit Rezoart Gashi stellte sich dem Publikum ein Mann vor, von dem viel erwartet wird. Der 21-jährige Seeländer hatte sich im Mai mit einem KO- Sieg über den praktisch gesetzten Schweizermeister Seid Dzemaili den Titel eines DTM-Meisters geholt und wollte nun auf der grossen Bühne sein Können beweisen. Leider stoppte eine gravierende Beinverletzung seines Gegners, Pajtim Berisha (BC Luzern), den Kampf schon in der ersten Runde. So verlief der Kampf unglücklicherweise enttäuschend, ohne dass die Kontrahenten ihre Qualitäten voll entfalten konnten. 

Kommentar

Der Boxing Day war einmal mehr ein voller Erfolg. Mit einer Grussadresse würdigte SwissBoxing Präsident Andreas Anderegg die Leistungen des Veranstalters. Zu Recht: was Promoterin Bala Trachsel  und Manager Daniel Hartmann (mit grossem finanziellem Engagement) dem Publikum geboten haben, war beste Reklame für den Boxsport. Das aussergewöhnliche Medieninteresse und die Präsenz der TV-Stationen sind ein untrügliches Indiz für diese Feststellung. Dass der lokale TV-Sender TeleBärn die Sendung mit grossem Aufwand aufzeichnete und dass vor allem auch das schweizerische Fernsehen SFR mit Beiträgen über den Anlass berichteten, ist für die Sponsoren von grösstem Interesse. All jene, die den Boxsport seit jeher uneigennützig und ohne auf publizistischen Erfolg schielend unterstützen, haben dies redlich verdient.


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Robert Nicolet Trophy

 






 




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