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15-Jährige boxt sich durch

Eine 15-Jährige boxt sich durch

Eliza Riegel aus Lufingen hat ein grosses Ziel: Sie will Profiboxerin werden. Ihr Vorbild ist Muhammad Alis Tochter Leila.

Von Amir Ali

01.07.2009 - Lufingen. - «Jetzt rechts, links, rechts, und linker Haken!», ruft der Trainer und übertönt dabei Metallica, die aus den Lautsprechern dröhnen. Seine Schützlinge bewegen sich auf der Stelle und boxen gegen Schatten, immer drei Minuten lang, dann eine kurze Pause. Rundenzeiten wie im Kampf, die von einer laut piepsenden Boxuhr angezeigt werden. Der Trainer geht umher, korrigiert hier einen Schlag, da eine Deckung. Zwischen den kräftigen Männern und den beiden Frauen Mitte zwanzig lässt ein junges Mädchen seine zartrosa behandschuhten Fäuste durch die Luft fliegen und streicht sich ab und zu eine pinke Strähne aus dem Gesicht. Eliza Riegel schliesst gerade in Lufingen im Zürcher Unterland die Oberstufe ab und beginnt bald ihre Ausbildung zur Köchin. Gleichzeitig verfolgt sie ein anderes Ziel: «Ich will Profiboxerin werden», sagt die 15-Jährige. Sie sagt es bestimmt, und es klingt nicht wie eine Träumerei.

Drei Trainings pro Woche

Seit sie sieben Jahre alt war und ihr der Vater von einer Geschäftsreise in Amerika ein Paar Handschuhe und einen Sandsack mit nach Hause brachte, war für Eliza klar: «Ich will boxen.» Seither sind acht Jahre vergangen, und Eliza hat vieles ausprobiert im Sport: Baseball, Fussball, Feldhockey, Flamencotanz, Reiten, Volleyball und Bewegungsturnen zählt sie zu ihren vergangenen Hobbys. Als sie zwischenzeitlich aufhörte mit dem Sport, sei das gar nicht gut gewesen: «Ich ging auf wie ein Hefeteig und hatte viel zu viel überschüssige Energie», sagt Eliza und kichert.

Seit einem halben Jahr nun hat sie die frühe Faszination in die Tat umgesetzt und boxt dreimal die Woche in einer kleinen Turnhalle in der Nähe der Zürcher Langstrasse. Vor dem Training steht Eliza zwischen ihren Boxkollegen, zwei bis drei Köpfe kleiner als die anderen. Während sie konzentriert ihre Bandagen bindet, kommt ein massiger blonder Hüne dazu. «Gute Frisur hast du heute», sagt er zu Eliza. «He, du weisst, was passiert, wenn du dumme Witze über meine Haare machst», gibt die Kleine mit den pinken Strähnen im Haar zurück. «Mein Trainingspartner», stellt sie den grossen Blonden vor. «Den darf ich jetzt hauen.»

Das halbe Jahr Training zeigt erste Früchte. «Ich bin schneller geworden, weiche gut aus und blinzle nicht mehr so viel», sagt Eliza. Ein Sekundenbruchteil mit geschlossenen Augen im falschen Moment kann im Boxen verheerend sein. Wer die Faust nicht kommen sieht, bekommt sie verpasst.

Dass Boxen oft als roher Prügelsport wahrgenommen wird, versteht Eliza nicht. Boxen vereine Kraft, Ausdauer und mentale Stärke. «Beim Boxen kann ich alles vergessen. Den Alltag, die Schule, die Familie.» Es gelte die Körpersprache des Gegners zu analysieren und ihn gleichzeitig zu verwirren. «Wie Muhammad Ali mit seiner Beinarbeit. Man wusste nie, wo er als Nächstes stehen würde», schwärmt Eliza. «Das will ich auch können.» Ihr grosses Vorbild als Boxerin ist denn auch Alis Tochter Leila.

Elizas langfristiges Ziel sind Profikämpfe. In der Profiklasse zu boxen, heisst nicht unbedingt, mit dem Sport Geld zu verdienen. Profis boxen im Gegensatz zu den Amateuren ohne Helm und über eine grössere Anzahl Runden. Bisher ist Eliza noch nicht in den Ring gestiegen. Und sie weiss, dass sie noch mindestens ein Jahr auf ihren ersten Kampf warten muss. Bald bekommt sie eine Zahnspange, und mit der darf nicht gekämpft werden. Während dieser Zeit wird sie intensiv auf ihren ersten Amateurkampf hin trainieren. Dass diese Zeit kein Spaziergang wird, ist ihr klar: «Die wichtigsten Eigenschaften beim Boxen sind Wille und Selbstdisziplin.»

«Egal, was die andern sagen»

Seit ihr Trainer weiss, dass sie kämpfen will, bekommt Eliza ein Spezialprogramm. Beim Schattenboxen bindet sie sich Gewichte um die Handgelenke. Und gegen Ende des Abends übt sie sich in einem Trainingskampf mit dem grossen Blonden. Er ist gut doppelt so alt und wohl dreimal so schwer wie sie, pariert ihre Angriffe und täuscht immer wieder Schläge an, damit Eliza ausweichen muss. «Er könnte mich mit nur einem einzigen Schlag an die Wand schleudern», ist sich Eliza bewusst und lacht.

Dass sie sich in einer Männerdomäne bewegt und behaupten muss, ist für Eliza nichts Neues. Schon als kleines Mädchen war sie immer bei den Buben dabei und machte bei den Raufereien auf dem Pausenplatz mit. «Die anderen Mädchen waren eher Püppchen», erinnert sie sich. Als sich in der Schule herumsprach, dass Eliza boxt, hiess es oft: «Oh mein Gott, bist du gestört?» Dazu meint Eliza nur selbstbewusst: «Mir ist egal, was die anderen sagen. Hauptsache, mir geht es gut dabei.»

Später wurde sie von ihren Klassenkameraden schon mal aufgefordert, ihre Schlagkraft zu demonstrieren: «Wie die Weltmeister kamen sie und dachten, sie hätten Bauchmuskeln aus Eisen.» Mittlerweile wissen die Jungs aber, dass sie sich in Sachen Boxen nicht mehr unbedingt mit Eliza messen müssen. Wenn sie diesen Sommer in einer Zürcher Gourmetküche ihre Lehre beginnt, wird sie eine weitere Männerwelt betreten, dessen ist sich Eliza bewusst und freut sich darauf. Sie weiss, dass sie sich durchboxen wird. © Tages-Anzeiger

 

 

 

 


 

 

 




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