News

Sieg und Ruhm, Niederlage und Drama

Der Schweizer Boxsport wurde vor genau 39 Jahren um seinen Höhepunkt betrogen - Ein Rückblick auf 100 Jahre Boxen in der Schweiz

Vor 100 Jahren wurde der Schweizerische Boxverband gegründet. Einigen Boxern gelang eine grosse Karriere, doch keiner wurde Weltmeister eines bedeutenden Verbandes. Die Amateure gewannen weder Olympia- noch WM-Medaillen.

Von Walter Rüegsegger - NZZ vom 27. April 2013

Wenn ein Verband sein hundertjähriges Bestehen feiert, ist er versucht, die Höhepunkte seiner Geschichte hervorzuheben. Das macht auch der Schweizerische Boxverband, der sich im Jahr 2009, dem Trend der Anglisierung folgend, in Swiss Boxing umbenannte. In einer Jubiläumsfestschrift werden zahlreiche Momente festgehalten, die in der helvetischen Boxszene für dicke Schlagzeilen sorgten.

Es gab mehrere Schweizer Boxer, die die Massen elektrisierten und im Ring eindrückliche Leistungen ablieferten. Doch das Ereignis, das Geschichte schrieb und sich in den Annalen der Boxhistorie für immer eingravierte, dieser Moment fehlt. In den letzten 100 Jahren wurde nie ein Schweizer Boxweltmeister eines bedeutenden Verbandes. Und bei den Amateuren errang keiner einen WM-Titel oder eine olympische Medaille. Frank Erne, der einzige Schweizer Boxweltmeister (siehe untenstehenden Text), gewann den ersten Weltmeistertitel 17 Jahre vor der Gründung des Verbands.

Diese fand 1913 in Genf statt. Es war kein Zufall, dass die Fédération Suisse de Boxe in der Westschweiz aus der Taufe gehoben wurde. Die Romandie dominierte bis zum Zweiten Weltkrieg die Schweizer Boxszene. Genf und Lausanne waren die Hochburgen, die ersten Europameister der Profis waren Genfer. Es ist das Verdienst des ehemaligen Fernsehjournalisten Bertrand Duboux, dass jene Zeit nicht ganz verloren gegangen ist. Im 2005 erschienenen Bildband «Un siècle de Boxe en Suisse» erinnert Duboux ausführlich an den ersten Star in den Schweizer Boxringen, den 1905 geborenen Genfer Maurice Dubois, der zwischen 1928 und 1940 zahlreiche Landesmeisterschaften bei den Amateuren und den Profis gewann. 1935 wurde er zweimal Europameister im Bantamgewicht.

Er war in jener Zeit sehr populär, nicht zuletzt auch, weil er am 7. April 1934 gegen die Boxlegende Panama Al Brown in Genf um die Weltmeisterschaft boxte. Der erste Weltmeister aus Südamerika, bekannt auch in den intellektuellen Kreisen wegen der Freundschaft zu Jean Cocteau, war allerdings zu stark für den Schweizer. Der Rechtsausleger Dubois ging vor 13 000 Zuschauern im Palais des Expositions in der zweiten Runde k. o.

Chervet - der kleine Grosse

Dubois boxte auch mehrmals in Zürich, erst Anfang der vierziger Jahre beendete er die Karriere nach 61 Profikämpfen (47 Siege, 4 Unentschieden). Bis in die sechziger Jahre blieb er zusammen mit Albert Badoud - 1915 der erste Schweizer Europameister - der erfolgreichste helvetische Boxer. Abgelöst wurden die beiden von einem kleinen und nur 50 kg schweren Athleten, der zum populärsten und besten Boxer in der hundertjährigen Verbandsgeschichte werden sollte: dem Fliegengewichtler Fritz Chervet. Der Berner wurde zu einer Zeit gross, als sich die Bundesstadt dank dem charismatischen und eigenwilligen Trainer Charly Bühler zum Mekka des Schweizer Boxsports entwickelte. Zwischen 1960 und 1990 war Boxen in Bern sehr populär, neben Chervet boxten mehrere Berner Profis um EM-Titel (Paul Chervet, Max Hebeisen, Enrico Scacchia). Und bei den Amateuren wurde der Athletic Box Club Bern zwischen 1959 und 1989 nicht weniger als 23-mal Schweizer Mannschaftsmeister.

Fritz Chervet nach dem Sieg um den Europameistertitel gegen Fernando Atzori (März 1972)

Krawalle nach Fehlurteil

Doch es war «Fritzli», wie die Berner ihr Idol liebevoll nannten, der alle überstrahlte. Die Karriere des sehr populären, aber immer bescheiden gebliebenen Berners umfasste alles, was den Boxsport so faszinierend macht: Sieg und Ruhm, Niederlage und Drama. Dass Chervet die Krönung mit einem Weltmeistertitel versagt blieb, mag auch daran liegen, dass der kleine Schweizer Verband international nicht jenes Gewicht besass und besitzt, das bei der Besetzung von Kampfgerichten so wichtig sein kann. Unbestritten ist, dass der Berner im zweiten WM-Kampf gegen den Thailänder Chartchai Chionoi um den Sieg betrogen wurde. In jenem denkwürdigen Fight am 27. April 1974 kam es im Zürcher Hallenstadion wegen des Fehlurteils zu schweren Krawallen.

Martelli wie Chervet

Mitte der achtziger Jahre war es wieder ein Westschweizer, der für den bis anhin letzten Höhepunkt im Schweizer Boxgeschehen sorgte. Der in Lausanne geborene Mauro Martelli kämpfte wie Chervet zweimal um die Weltmeisterschaft, er verlor wie der Berner einmal nach Punkten (allerdings viel deutlicher als Chervet) und einmal durch K. o. Er war ausserdem ebenso wie Chervet fünfmal Europameister. Diese fünf Titelkämpfe gewann er alle nach Punkten, er bestritt sie zwischen 1987 und 1988 innerhalb von 344 Tagen, was einmalig sein dürfte. Parallel zu Martelli sorgte ein anderer Boxer für Schlagzeilen in den Medien, allerdings weniger durch sportliche Erfolge als vielmehr durch seine Extravaganzen inner- und ausserhalb des Rings. Der zweifellos talentierte Italo-Berner Enrico Scacchia verspielte seine Begabung leichtfertig durch eine eigenwillige Planung seiner Karriere, die nach zwei klaren EM-Niederlagen zunächst im Ringstaub und schliesslich in verlorenen Gerichtsfällen endete, die er gegen den Verband für die Wiedererlangung der verweigerten Boxlizenz führte.

Auch im letzten Vierteljahrhundert gab es einige Boxer, die versuchten, nach den Sternen zu greifen, jedoch an höheren Aufgaben scheiterten oder vorzeitig aufgaben. Einige kamen zwar zu WM-Titelehren, so etwa der Freiburger Yves Studer. Doch sie profitierten von der Vielzahl von Box-Weltverbänden und von der damit zusammenhängenden Titelflut. Am cleversten ausgenützt hat diese Verwässerung des Boxsports Stefan Angehrn. Dem Thurgauer, spät zum Boxsport gekommen, gelang es, zweimal um einen unbedeutenden WM-Titel zu kämpfen. Nur drei Boxer griffen in den letzten 20 Jahren nach dem gewichtigen Europameistertitel: der Walliser Bernard Bonzon, der Waadtländer James Fenu und der Tessiner Robert Belge. Alle drei verloren durch K. o.
 

Erfolgreichster Schweizer Boxer aller Zeiten: Frank Erne

DER VERGESSENE WELTMEISTER

wr. · «Frank Erne war der bescheidenste und gebildetste Champion des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Immer charmant, höflich, gutaussehend und elegant gekleidet.» Zu diesem Schluss kommt Daniel Hartmann, der Berner Geschäftsmann und Boxpromoter. Er ist gegenwärtig daran, eine Biografie über den einzigen echten Boxweltmeister, den die Schweiz je hatte, zu verfassen. Erne, am 8. Januar 1875 wahrscheinlich in Döttingen (AG) geboren, war mit den Eltern 1882 nach Buffalo im Staate New York ausgewandert. Schon als 16-Jähriger stand der Sohn eines Bierbrauers im Boxring, seine Laufbahn dauerte gut 15 Jahre. Nach Hartmanns Angaben verdiente Erne in dieser Zeit 200 000 Dollar. Dies entspreche einem heutigen Gegenwert von beinahe fünf Millionen Dollar.

Ernes Bilanz ist beachtlich: 9 WM-Kämpfe in 3 Gewichtsklassen, 5 Siege, 1 Unentschieden, 3 Niederlagen. Im Leichtgewicht war er zwischen 1899 und 1902 der unbestrittene Star und kam auf 4 Siege in 5 WM-Kämpfen. Zweimal war er Gegner von Joe Gans, seit 1990 Mitglied der Hall of Fame und damals einer der besten Boxer.

Den ersten Fight gewann Erne 1900 durch Abbruch wegen einer Augenverletzung von Gans, den Retourkampf verlor er 1902 durch K. o. in der ersten Runde. Nach der Karriere war der Aargauer ein bedeutender Boxpromoter in Frankreich, bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs verliess er das Land wieder in Richtung USA. Dort starb er, 80-jährig, 1955. Vier Jahre lang war er der älteste noch lebende Boxweltmeister.

In einem seiner letzten Interviews sagte Erne, Boxen habe ihm ein wunderschönes Leben ermöglicht. Er habe zu einer Zeit geboxt, als Boxen «ein glorioser Sport» gewesen sei: «In jenen Tagen waren Boxer wahre Helden.» In Exhibitions habe man mehr verdient als in offiziellen Kämpfen, und der Dollar sei damals «ein big Dollar» gewesen.
 

ENTBEHRUNGSREICHE SPORTART

wr. · Die Tatsache, dass es in 100 Jahren kein Schweizer Boxer an die absolute Weltspitze geschafft hat, wird von den Verbands-Verantwortlichen etwas relativiert. Peter Stucki, seit vielen Jahren Präsident der Berufsboxkommission, weist darauf hin, dass Boxen eine harte, entbehrungsreiche Sportart ist, die in der Schweiz auf einer eher schmalen Basis betrieben wird. Nur eine beschränkte Zahl von Sportlern sei bereit, den Boxsport mit der nötigen Konsequenz zu betreiben. «Eine Änderung oder Verbesserung der Verbandsstruktur von Swiss Boxing ist nur im Amateurbereich möglich», sagt Stucki. «Berufsboxer bilden mit ihren Managern und den Veranstaltern wirtschaftliche Unternehmen, die Geld verdienen wollen. Da ist der Verband lediglich begleitend und beratend willkommen. Eine echte Einflussnahme hat er nicht.» Swiss Boxing ist gemäss Stucki der Ansicht, dass sich das Amateur- und das Berufsboxen gegenseitig befruchten, indem die besten Amateure ins Lager der Berufsboxer übertreten und die Kämpfe der Profis bei gemischten Veranstaltungen (Amateure und Berufsboxer) das Publikum anziehen.

Gegenwärtig zählt die Schweiz 500 lizenzierte Amateurboxer, die in rund 90 Klubs organisiert sind. Um die Talente besser zu fördern, ist Swiss Boxing momentan daran, vier regionale Stützpunkte einzurichten. «In diesen Stützpunkten sind mehrere Klubtrainer involviert. Wir versuchen auf diese Weise auch die Zusammenarbeit zwischen den Klubs zu fördern», sagt Andreas Anderegg, der Präsident von Swiss Boxing. Als das grösste Talent bezeichnet Anderegg Davide Faraci, der im Dezember in Russland an den U-22-Europameisterschaften eine Bronzemedaille gewann. Dem Verband sei es gelungen, bei Swiss Olympic besondere Fördermassnahmen für den Aargauer im Hinblick auf die Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro auszulösen.

 

 

 

 

 




Weitere News


© 2018, Swiss Boxing Federation