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Nigg verliert trotz grossartiger Gegenwehr

Bericht von Gérald Kurth (Text) und Stefan Zierbusch (Fotos)

21.05.2013 - Der Einheimische gab vor begeisterten Fans in der vollbesetzten Thuner Reithalle Expo alles, aber es reichte nicht. Mischa Nigg unterlag in seinem zweiten Fight als Professional gegen einen Mann, der ebenfalls erst zum zweiten Mal ohne Helm den Ring betrat: Dmitrij Atrohov aus der weissrussischen Hauptstadt Minsk hatte aber zuvor Erfahrung in über 100 Amateurkämpfen gesammelt. Und so trat er denn auch auf: Atrohov glänzte, obschon einen Kopf kleiner als Nigg, mit überragendem Auge, beweglichem Oberkörper und hart und präzise vorgetragenen Konterkombinationen, die Mal für Mal an Kopf oder Körper des Thuners einschlugen.

Der Gegner von Mischa Nigg (l.) enpuppte sich am Pfingstmontag als Klasseboxer

Als entscheidendes Handicap erwies sich die Auslage des Weissrussen: Atrohov ist ein klassischer „Stinker“ und setzte diesen Vorteil entschlossen zu seinen Gunsten ein. Sein Sieg durch Mehrheitsentscheid am Ende war absolut verdient und in der Summe der Punktrichterurteile eindeutig (55:58; 55:58; 58:58). Mischa Nigg ist damit früh in der knallharten Profirealität angekommen. Diese Niederlage ist jedoch aus mehreren Gründen ein Beitrag für die weitere behutsame Karriereplanung, für die Manager und Klitschko-Vermarkter Marcel Wisler verantwortlich zeichnet: Nigg boxte und kämpfte hervorragend, unterlag aber gegen einen schon jetzt als internationaler Klassemann auftretenden Newcomer. Der Thuner war zudem – auch wenn er dies als fairer Verlierer gar nicht erst als Ausrede verstanden wissen wollte – durch eine Sparringsverletzung an Kiefer und Gelenk verletzt und konnte deshalb das Potenzial seiner rechten Geraden und Crosses nicht hundertprozentig abrufen. Last not least: Nigg hat sich früh einer auch im internationalen Vergleich hoch anzusiedelnden Herausforderung gestellt und ist dabei ein hohes Risiko gegen einen exzellenten Rechtsausleger eingegangen. Für diese Bereitschaft und den aufopfernd geführten Kampf gegen einen letztlich überlegenen Gegner gebührt ihm höchste Anerkennung.

Gerechtes Unentschieden nach unterhaltsamem Kampf

Zuvor hatte der Makedone Nasi Hani im zweiten Profikampf des Abends trotz optischer Überlegenheit gegen einen weiteren Weissrussen ein am Ende nicht befriedigendes Unentschieden geholt: Hani war zwar gesundheitlich nach überwundener Krankheit wieder voll zurück, fand aber kein Rezept, um gegen Jurij Bihoutsev die Fäuste mit der Wucht ins Ziel zu bringen, die er eigentlich drauf hätte. Bihoutsev erwies sich als unangenehmer Gegner, der nur wenig Wirkungstreffer zuliess und seinerseits immer wieder tückische Konter vor allem zum Körper des Makedonen schlug.

Obwohl zeitgleich mit der Thuner Boxgala der Fussball-Cupfinal stattfand, war die Reithalle Expo bestens gefüllt. Das agile Trainergespann des BTO Thun (Ex-Weltmeisterin Christina Nigg, Ex-Nationalcoach Res Schenk) wurde damit für ihren Mut bei der Terminansetzung belohnt. Vor den Profifights gaben sie vor einem gut gelaunten Publikum zahlreichen Elite- und Juniorenkämpfern des Thuner BTO die Gelegenheit, sich gegen die Vertreter der piemontesischen Gastmannschaft von der ASD Chieri zu messen. Obwohl insgesamt sechs Amateurkämpfe auf dem Programm standen, endete dieser Vergleich 2:2 unentschieden. Der Sieg im einzigen Frauenkampf ging aufs Konto der Basler Gastboxerin Sandra Brügger, ein Kampf wurde infolge zu grossen Altersunterschieds als Exhibition ausgetragen.

Die Profikämpfe

Supermittelgewicht:

Mischa Nigg (CH) vs. Dmitrij Atrohov (BLR)

Nigg war einen Kopf grösser, schaffte es aber nie, seine Reichweitenvorteile zu nutzen. Atrohov machte blitzschnell klar, dass er dies nicht dulden würde. Er stand kompakt mit nach aussen geneigtem, aber pendelndem Oberkörper. Zudem schlug er seinen Jab, wenn überhaupt nur, um Niggs Angriffskombinationen abzuklatschen. In dieser Grundhaltung schlich er sich an den Thuner heran, pendelte dessen Schläge zum Körper aus, um aus der Halbdistanz dann knallharte Hände zu Körper und Kopf zu setzen. Es war beeindruckend, wie konzentriert und ruhig der Weissrusse die Angriffe anrollen liess, den Einheimischen dabei studierte, bis er überfallartig, oft auch aus der Rückwärtsbewegung, konterte.

Vermochte seinerseits ebenfalls Akzente zu setzen: Neo-Profi Mischa Nigg (l.)

Dem Thuner gelang es zu selten, die Distanz zu überwinden, um seine Kombinationen mit der so wirkungsvollen Rechten abzuschliessen. Ausschlaggebend hierfür war bestimmt auch die noch nicht abgeklungene Sparringsverletzung. Nachdem er nach drei Runden nach Punkten überall zurücklag, kämpfte sich Nigg aber in der vierten Runde noch einmal heran. Er brachte drei knackige Rechte ins Ziel. Als viele schon glaubten, im Gesicht Atrohovs deren Wirkung ablesen zu können, meldete sich dieser mächtig zurück: Mit einem linken Kopfhaken schickte er Nigg auf die Bretter. Nach einer weiteren fürchterlichen Salve des Weissrussen klaffte in der fünften Runde ein Cut über Niggs linkem Auge, der das Blatt mit grossem Kämpferherz noch mal wenden wollte.

Der Thuner warf alles in die Waagschale, er spürte, dass nur noch der Lucky Punch blieb. Atrohov pumpte zwar sichtlich, kontrollierte aber die Partie grundsätzlich bis ans Ende der verlorenen sechsten Runde. Der verdiente Sieger in einem hochklassigen Kampf hiess somit Dmitrij Atrohov. Und es war Ausdruck von Fairness und Sportsgeist, als Nigg im anschliessenden Ringinterview mit Überzeugung sagte: „Dmitrij ist der verdiente Sieger!“
 

Cruisergewicht

Nasi Hani (MK) vs. Jurij Bihoutsev (BLR)

Nasi Hani, der in Connecticut lebende Boxing King, hätte bei seinem erneuten Schweizer Gastspiel gerne mehr als ein Unentschieden gegen den Weissrussen Bihoutsev herausgeholt. Er war zwar insgesamt der aktivere Mann, marschierte nach vorne und schlug fleissiger. Der auf Anhieb etwas vierschrötig wirkende Bihoutsev entpuppte sich aber als ungemein widerspenstiger kluger Konterboxer, der kaum je in Gefahr geriet, mehr als einen Treffer aufs Mal zu kassieren. Weil Hani die Distanz mit geraden Händen selten überwand, versuchte er, den Gegner am Seil festzunageln.

Das machte er allerdings zu oft mit brachialer Gewalt, so dass sich Bihotseu immer wieder unten heraus schälen konnte, ohne ernsthaft getroffen zu werden. Insgesamt war das Konzept des Makedonen zu stereotyp, so dass sich Bihoutsev ohne grosse Schwierigkeiten aufs Kontern verlegen konnte. Wenn es wirklich bedrohlich wurde, konnte Bihoutsev auch mal klammern oder etwas gar durchsichtig mit Kopfstössen nach vorne pressen, was ihm auch einen Punktabzug eintrug. Technisch keine Offenbarung, aber es reichte, um das an diesem Nachmittag wenig variable Schlagrepertoire Hanis im Grossen und Ganzen zu neutralisieren. Das Unentschieden am Ende war gerecht, weil Hani zwar mehr schlug, aber viel davon entweder in der Deckung des Weissrussen landete oder darunter in der Halbdistanz auch immer wieder Innenhände waren.

 

Elite – und Juniorenkämpfe

Welter

Jovan Sekulovski (BTO Thun) vs. Stefano Gagliostro (ASD Chieri, Torino)

Was die beiden Junioren (der Einheimische erst 16-, der Gast 17-jährig) boten, verdiente grossen Respekt: Sekulovski und Gagliostro bewegten sich fleissig und schlugen viel. Sie bewiesen beide eine hervorragende technische Ausbildung, gepaart mit taktischem Instinkt. Mit zunehmender Kampfdauer schälten sich aber die entscheidenden Unterschiede heraus: Sekulovski konnte zwar die eine oder andere lange Hand nach guter Angriffsvorbereitung im Ziel unterbringen. Der kleinere Italiener konterte aber ebenso oft oben durch die Mitte durch die bisweilen löchrige Deckung. Gagliostro agierte auch überraschender: Er schlug auch mal gegen die Laufrichtung oder lancierte zählbare Serien, mit denen er Sekulovski zum Klammern zwang. Letztlich bewies der Italiener in einem überdurchschnittlichen Juniorenkampf etwas mehr Mut zur überraschenden Angriffsaktion, für die er sich letztlich auch den knappen Sieg (2:1 Richterstimmen) verdiente.
 

Schwer

Rrezoart Gashi (BTO Thun) vs. Federico Spezzaferro (ASD Chieri, Torino)

Der Einheimische präsentierte sich ebenso wie der Gast aus dem Piemont als fürs Limit sehr beweglicher Kämpfer. Zu Beginn hatte Spezzaferro die Oberhand: Er arbeitete sich oft mit extrem tiefem, aber pendelndem Oberkörper an Gashi heran, um sich dann überfallartig aufzurichten und den Thuner mit harten Schwingern einzudecken. Gashi bekundete mit dieser unorthodoxen Kampfstil zu Beginn Probleme, stellte sich aber bald darauf ein. Er lancierte seinerseits Angriffe, die er mit harten, wenn auch oft unpräzisen Händen abschloss. Gashi profitierte allerdings über die gesamte Kampfdauer auch davon, dass Spezzaferro zwar hart schlug, aber darunter zu viele Innenhände waren. Zudem baute der Italiener gegen Ende der zweiten Runde ab und begann, sich entweder auf Gashi zu lehnen oder zu klammern. Der klare Sieg zu Gunsten des Einheimischen (3:0) war zwar verdient. Dennoch  konnte Gashi den Gegner nicht zwingend auspunkten, sondern hatte letztlich die Nase vorne wegen Spezzaferros konditioneller Probleme und dessen stellenweise fahriger Schlagtechnik.

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