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Enes Zećirević triumphiert in erstklassigem Fight

Bericht von Gérald Kurth (Text) und Deborah Polasek (Fotos)

26.05.2013 - Der Hauptkampf in Bad Ragaz war ein boxerischer Leckerbissen: Lokalmatador Enes Zećirević bekam es mit dem äusserst erfahreren Georgier Mikheil Kutsishvili (50 Kämpfe) zu tun – und lieferte über zehn Runden eine absolute Topleistung ab: Der Rebsteiner punktete den zähen Kaukasier, der über unglaubliche Nehmerqualitäten verfügt und immer wieder zurückkam, nach allen Regeln der Kunst aus und landete am Ende einen klaren Sieg. Der Zećirević ist damit Träger des internationalen WBF-Titels und hat als Professional weiterhin eine blütenreine Weste (9-0-0).

Zeigte in Bad Ragaz eine Klasseleistung: Enes Zećirević (links im Bild)

Zuvor schon hatte die zahlreich aufmarschierte Ostschweizer Fangemeinde das erfolgreiche Comeback des „Warriors“ bejubelt: Der Trimmiser Ivo Andelić feierte nach über zweijähriger Ringabstinenz allerdings einen denkbar knappen Sieg durch Mehrheitsentscheid gegen den Ungarn Sandor Balogh. Auch der dritte Schweizer Fighter, der am Ragazer Meeting im Einsatz war, feierte einen letztlich ungefährdeten Sieg: Die Genferin Ornella Domini konnte allerdings erst zusetzen, als ihre eingangs noch führende bosnische Gegnerin Sanja Ostojić abbaute und, als sie völlig platt war, noch verhauen lassen musste.

Die knapp 500 Fans entschieden sich zurecht gegen den Champions League Final und kamen in den Genuss eines vom BC Bad Ragaz perfekt organisierten und durch diverse Thaibox-Kämpfe ergänzten Kampfabends. Die grosszügig ausgestattete Sporthalle Badrieb bot einen idealen Rahmen für das vom enthusiastischen Team um Trainer Leonardo „Dino“ Caputo organisierte Event. Familiäre Atmosphäre, problemloser Ablauf und ausnahmslos faire Fights machten die Kampfschau im Heidiland zu einem Abend, der grossen Spass machte und die Lust auf eine baldige Neuauflage weckte. Wie immer schwor Trainer Dino Caputo aber, dass diesmal wirklich Schluss sei…
 

Die Profikämpfe

Enes Zećirević (CH) vs. Mikheil Kutsishvili (Georgien)

Die beiden Kontrahenden blieben nicht lange beim gegenseitigen Beschnuppern: Während der kleinere Georgier immer mit guter Körper- und Fussarbeit die Distanz überwand, um mit harten Schwingern Zećirevićs kompakte Doppeldeckung seitlich zu knacken, lancierte dieser in aller Ruhe seine einfachen Kombinationen. Überhaupt liess sich der Rheintaler während zehn Runden zu keiner einzigen unüberlegten Attacke verleiten, sondern boxte ganz einfach sein Ding. Kontinuierlich steigerte er dann Schlagfrequenz und -repertoire und punktete gegen einen sehr guten Gegner: Kutsishvili erwies sich als aufsässiger Wühler, der auch dann noch harte Schwinger zurückfeuerte, wenn er vorher von Zećirević lehrbuchmässig zwei- oder dreimal hintereinander bedient worden war. Der Einheimische zeigte ganz einfach überlegtes Boxen, wo alles dabei war: Präzise Upper Cuts, mit der Auslage abgeschossene Pfeile durch die leicht offene Deckung, knallharte Körperhaken. Und all dies immer wieder als lehrbuchmässig abgeschlossene Kombinationen vorgetragen. Entscheidend dabei auch: Egal, ob der Rheintaler drei oder vier Hände schlug - seine Deckung war immer wieder rechtzeitig oben. Und das war auch notwendig: Der routinierte Kutsishvili präsenterte sich ebenfalls als feiner Techniker, der auch die kleinste Lücke beim Gegner blitzschnell erspähte. Und mit seinen präzisen Attacken viel mehr gepunktet hätte, wenn nicht Zećirević so herausragend antizipiert hätte. Obwohl ihm auch immer wieder der Infight angeboten wurde, liess sich der Rheintaler aber nie auf eine Prügelei ein, sondern drehte sich nach seinen Abschlüssen immer sofort raus. Der Kaukasier liess bis zur zehnten Runde nicht locker, obwohl aus seiner Nase das Blut immer stärker tropfte. Das schien ihm aber nichts anhaben zu können. Vielmehr steckte er scheinbar ungerührt auch noch die knackigsten Körperhaken oder Crosses seitens Zećirević weg. Dennoch: die durchdachte und über zehn Runden konsequent durchgezogene Zermürbungsstrategie des Rheintalers musste sich letztlich auf den Scorecards ausdrücken (2 x 100:90; 99:91).

Wenn es am strategisch gereiften und technisch überzeugenden Auftritt Zećirevićs überhaupt etwas zu bemängeln gibt, dann ist es die Fussarbeit. Er dürfte angesichts seiner Gewichtsklasse noch etwas mehr unterwegs sein und würde damit auch im Oberkörper noch beweglicher. Nützt Zećirević dieses brachliegende Potenzial aus, dann kämpft er mittelfristig ganz oben mit.
 

Ornella Domini (CH) vs. Sanja Ostojić (BiH)

Die Genferin war erst am Ende eine eindeutige und verdiente Siegerin. Es war aber offensichtlich, dass die von Coach Samir Hotić betreute Neo-Professional diesmal nicht auf ihr gewohntes Rendement kam. Domini wirkte in den ersten drei von sechs Runden müde und verlangsamt, was in erster Linie der Ausdruck ihrer prüfungsbedingt beeinträchtigten Vorbereitung war. Statt wie gewohnt agil und beweglich mit ihrem harten Jab nach vorne zu arbeiten, liess die Genferin diesmal ihre gewohnte Spritzigkeit vermissen.

Präsentierte sich stärker als erwartet: Die bosnische Serbin Sanja Ostojić (links im Bild) verlangte von der aufstrebenden Ornella Domini alles ab

Vielmehr wurde sie ihrerseits von der zu Beginn frischer wirkenden Ostojić abgekontert, wenn diese mit tief geneigtem Kopf ihre Auslage am Kopf der Genferin unterbrachte. Domini wurde in der Anfangsphase zu oft zu leicht getroffen und lag dementsprechend nach Punkten zurück. Dann aber brach die Bosnierin konditionell unvermittelt so sehr ein, dass sie ihre Deckung fast völlig hängen liess. So wendete Domini das Blatt, weil sie trotz diesmal fehlender Spritzigkeit mehr Reserven abrufen konnte und ihre Gegnerin am Ende leiden liess. Ostojić blutete nach zahlreichen vermeidbaren Schlägen im Gesicht aus der Nase und rettete sich mit letzter Kraft stehend über die Runden. Das Punktescore hatte aber schon vorher gedreht, so dass Ornella Domini auch in ihrem vierten Profikampf wieder als Siegerin das Ringgeviert verliess, mit dreimal derselben Punktewertung (59:55).
 

Ivo Andelić (CH) vs. Sandor Balogh (UNG)

Freilich brandete nach der Verkündung der Punktrichterwertungen sofort der Jubel der bosnisch-kroatischen Fangemeinde in der Halle auf. Aber Ivo Andelić jubelte nur verhalten, weil ihm wohl bewusst war, dass der Mehrheitsentscheid zu seinen Gunsten wirklich denkbar knapp zustande gekommen war. Der „Warrior“ hatte sich zwar viel vorgenommen für sein Comeback. Aber sein ungarischer Gegner machte ihm fast einen Strich durch die Rechnung. Dieser Sandor Balogh aus dem Stall des Augusto Lauri wirkte zwar etwas pummelig und war einen guten Kopf kleiner als Andelić. Dieser kahlrasierte und grossflächig tätowierte Rumpelstilz verfolgte jedoch den Einheimischen sechs Runden lang so giftig, dass dieser immer wieder in höchste Bedrängnis geriet. Dass dies überhaupt passieren konnte, war Andelićs ebenfalls zu hohem Kampfgewicht geschuldet: Während er bei seinem allerersten Profifight 104 kg gewogen hatte, brachte der Lokalmatador beim Einwägen in Bad Ragaz 118 kg auf die Waage.

Mit einigen Pfunden weniger auf den Rippen hätte sich "The Warrior" (rechts im Bild) wohl weniger abmühen müsssen

Das zu hohe Gewicht liess Andelić zu schnell pumpen und nahm paradoxerweise seinen Schlägen nicht nur Schnellkraft, sondern auch den Druck. Zwar konnte er die Angriffe des Ungarn durch Laufbereitschaft in Schach halten. Zwingende Konter oder eigene präzise Angriffskombinationen waren aber vergleichsweise selten. Zupass kam ihm allerdings, dass der Ungare im Infight immer wieder Innenhände schlug und trotz optischer Überlegenheit und aggressiverem Auftritt letztlich weniger Punkte verzeichnete. Andelićs Sieg war am Ende verdient, hätte aber gegen einen Gegner solchen Kalibers deutlicher ausfallen müssen. Wenn der Trimmiser für den nächsten Kampf konsequent Gewicht abkocht und auch mal seine eigentlich langen Hände zum Körper schickt, dann muss ihm vor seinem nächsten Gegner nicht bange sein. Es ist dieser sympathischen Integrationsfigur aus der Bündner Herrschaft ebenso zu wünschen wie seinem Rheintaler Kollegen Zećirević.

 

Die Punktewertungen:

Fabian Guggenheim:                         57:57

Domenico Gottardi:                           59:55

Thomas Walser:                                59:56




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