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Der letzte Wunschtrainer der Legende

Von Deborah Bucher, "Tages-Anzeiger", Zürich

Schlag auf Schlag konnte Witali Timoschenko den Übergang vom aktiven zum ausbildenden Boxer nicht vollziehen. Denn, weil das Ende abrupt und wegen Problemen mit der Wirbelsäule auf strikte Anweisung seines Arztes erfolgte, war es schwer zu verkraften, kaum zu verdauen. «Ich habe gelitten. Alles, was mir blieb, waren zerstörte Träume. Also brauchte ich Abstand.» So feinfühlig drückt sich ein früherer Kämpfer in der Schwergewichtsklasse (bis 91 kg) aus, dessen Spezialität ausgerechnet wirkungsvolle Schläge auf die Leber waren, die für einen Gegner äusserst schmerzhaft sind. Bis heute ist Timoschenko eine hünenhafte, vermeintlich unverwundbare Erscheinung geblieben.

Engagieren sich beide für den Box-Club Zürich: Der neue Cheftrainer Witali Timoschenko (links) und der sportliche Leiter Matthias Luchsinger

140-mal war er in den Ring gestiegen, fünf Jahre lang als Mitglied der weissrussischen Nationalmannschaft. 90 Prozent der Duelle dürfte er gewonnen haben – sein unberechenbarer, explosiver Stil war dabei hilfreich. Timoschenko poliert diese Bilanz sogar noch auf, indem er festhält: «Meine Niederlagen kann man locker an zwei Händen abzählen.» Ein Ausreisser nach unten war seine Teilnahme an der Amateur-WM 1999 in Houston, Texas, die nicht über die Auftaktrunde hinausreichte. Dann blieb eben auch sein Abschied ungekrönt. Gesundheitlich angeschlagen, unterlag er zwei Jahre später an den Landesmeisterschaften denkbar knapp Magomed Aripgadjiev, der 2004 bei den Sommerspielen in Athen Olympiasilber errang.
 

Der Vorgänger traf Walujew

Irgendwann kam Timoschenko wieder auf die Beine und tastete sich ausserhalb der Ringseile vorsichtig zurück. Noch in seiner Heimat erwarb er nach zweijähriger Ausbildung ein Trainerdiplom und trimmte zwischen 2000 und 2003 den besten Nachwuchs Russlands. Vor zehn Jahren zog der Vater einer 13-jährigen Tochter in die Schweiz, lernte fleissig und nahezu fliessend Deutsch und machte sich bei einem Sicherheitsdienst als Personenschützer und Überwacher von Bauprojekten verdient. Schliesslich gehörte zum Ausgleich seines stabilisierten Lebens auch der Boxsport. «Der Instinkt wurde neu geweckt», drückt sich Timoschenko aus. Prompt konnte ihm seine Partnerin die richtigen Leute vermitteln, da sie durch Kontakte bei der Arbeit von Matthias Luchsingers Engagement im BC Zürich Bescheid wusste.

Der 52-jährige Akkordmaurer aus Glattbrugg hatte 1999, im WM-Jahr von Timoschenko, das Amt des Cheftrainers übernommen und mit Leidenschaft verkörpert. Seither führte er mit Sandra Steiner selber eine Athletin an die WM, brachte 25 Schweizer Meister hervor und schüttelte im Dezember 2008 dem einstigen Schwergewichtsweltmeister Nikolai Walujew vor dessen Auftritt im Hallenstadion gegen Evander Holyfield eine Woche lang jeden Abend die Hand als Trainingsgast im Zürcher Boxkeller. Und nebst diesen verfrühten Weihnachten feierte er mit den Stadtzürchern fünfmal den Mannschaftsmeistertitel. Bei der letzten Auszeichnung 2010 hatte Luchsinger einen Baumeister zur Seite: Timoschenko, der ihm assistierte, kurz darauf wegen beruflicher Verpflichtungen aber wieder das Handtuch werfen musste. Als diesen Frühling Luchsinger kürzertreten und seine Funktion im Verein auf die Wettkampfkoordination reduzieren wollte, erinnerten sich die Verantwortlichen an Timoschenko.
 

Ehrfurcht vor der Aufgabe

Gusti Strobl, seit einem halben Jahrhundert unermüdliche Identifikationsfigur im Club, löste das Problem auf eigene Faust. Timoschenko schildert folgende Anekdote: «Gusti setzte sich mit mir zusammen und schrieb danach meinem Arbeitgeber einen Brief, dass er mich abends doch bitte freistellen möge, sodass mein Job mit dem Amt als Cheftrainer vereinbar sei.» Der 38-Jährige erzählt gerührt. Weil ihn die Anfrage ehrte, obwohl sie nicht ganz mit der Offerte eines Profivertrags, der damals vor dem Karriereende gelockt hatte, konkurrieren konnte. In erster Linie aber darum, weil Strobl wenige Tage nach seiner Initiative unerwartet verstarb. Deshalb hat er die erfolgreiche Nachfolgeregelung nicht mehr mitbekommen.

 




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