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Folgenreiche Beben im Kopf

Das «Boxer-Syndrom» äussert sich in zwei verschiedenen Krankheitsbildern

Hirntraumata können bei Sportlern Verhaltensstörungen und Denkschwächen verursachen. Das zeigt die Untersuchung an 36 Gehirnen von Verstorbenen.

Martin Amrein (NZZ vom 28. August 2013)

Einst galt die Krankheit als Problem einer kleinen Gruppe, der Boxer. Mittlerweile steht fest, dass andere Sportler genauso davon betroffen sind. Die umgangssprachlich als «Boxer-Syndrom» bekannte chronisch traumatische Enzephalopathie (CTE) ist eine neurodegenerative Erkrankung, die durch wiederholte Hirntraumata ausgelöst wird. Dazu gehören auch die Hirnerschütterungen, denen Athleten in kampfbetonten Sportarten wie American Football oder Eishockey immer wieder ausgesetzt sind.

Eine neue Studie - die bisher grösste ihrer Art - hat sich mit dem klinischen Erscheinungsbild der Krankheit befasst.¹ Forscher der Universität Boston haben die Ergebnisse im Fachblatt «Neurology» veröffentlicht. Sie untersuchten die Gehirne von 36 verstorbenen Sportlern, darunter befanden sich Amateure sowie Profis. Alle waren nach ihrem Tod mit CTE und keiner anderen Gehirnerkrankung diagnostiziert worden. Die Mehrheit von ihnen spielte früher Football, es waren aber auch mehrere Eishockeyaner und Boxer sowie ein Wrestler mit dabei. Die Wissenschafter interviewten Familienmitglieder und untersuchten die Krankenakten der Sportler, um mehr über den Verlauf ihrer Erkrankung zu erfahren.

In Übereinstimmung mit früheren Fallstudien an Boxern konnten die Forscher zeigen, dass sich CTE in zwei unterschiedlichen Krankheitsbildern äussert: Rund zwei Drittel der Sportler wiesen Verhaltensstörungen und Stimmungsschwankungen als erste Symptome der Krankheit auf, während bei elf Athleten zuerst Gedächtnis- und Denkschwächen auftraten. Bei den Sportlern der ersten Gruppe setzte die Krankheit mit durchschnittlich 35 Jahren deutlich früher ein als bei jenen der zweiten Gruppe, die im Mittel mit 59 Jahren die ersten Anzeichen zeigten. Die Männer der ersten Gruppe wurden zudem viel häufiger als «explosiv», «ausser Kontrolle», «physisch und verbal gewalttätig» und «depressiv» beschrieben.

Es sei nicht klar, weshalb es die beiden verschiedenen Krankheitsverläufe gebe, sagt die Neurologin Christine Baugh von der Universität Boston, die an der Studie beteiligt war. In einem nächsten Schritt würden sie und ihre Forscherkollegen aber die pathologischen Veränderungen der Gehirne noch genauer auf Unterschiede zwischen den zwei Gruppen untersuchen. Bis anhin kann CTE nur bei Verstorbenen diagnostiziert werden, weil das Hirngewebe auf Ablagerungen sogenannter Tau-Proteine untersucht werden muss, die typisch für die Krankheit sind.

Die Forscher um Baugh von der Universität Boston müssen sich nicht sorgen, dass ihnen die Untersuchungsobjekte ausgehen: Mit rund 150 Gehirnen sind sie im Besitz der weltweit grössten CTE-Hirn-Datenbank. Weitere Exemplare werden dazukommen. Aufgeschreckt von mehreren Suiziden, die bekannte Sportler mit CTE begangen haben, ist in den USA in den letzten Jahren eine grosse Debatte um das Thema entbrannt. Etliche noch aktive Athleten haben bereits jetzt ihr Gehirn der Bostoner Datenbank vermacht.

¹ Neurology, Online-Publikation vom 21. August 2013.




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