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Zum Tod von Michele Barra

Ein Tessiner Staatsrat der offenherzigen Art

NZZ vom 21. Oktober 2013

Seine kurze Amtszeit stand unter dem Zeichen des Unerwarteten. Und sie hat für die Öffentlichkeit unerwartet geendet: Am Sonntagnachmittag starb der Tessiner Regierungsrat Michele Barra (lega.) in seinem Heim in Ascona im 60. Lebensjahr. Er hinterlässt eine Frau und drei Kinder.

Letzten Mittwoch hatte Barra, erst seit April im Amt, die Leitung des kantonalen Bau- und Umweltdepartements an Regierungspräsident Paolo Beltraminelli (cvp.) übergeben. Er musste sich im Krankenhaus Bellinzonas einer dringenden medizinischen Behandlung unterziehen. Erste Anzeichen für Barras Krankheit schienen sich bereits im Juni manifestiert zu haben, als er unerwartet einer für ihn wichtigen Sitzung im Tessiner Grossen Rat fernblieb. Es habe sich um einen seltenen Tumor gehandelt, der nun für alle überraschend schnell zum Tod geführt habe, sagt Regierungspräsident Beltraminelli auf Anfrage.

Den Tessinern ist ein bestimmtes Bild bestens in Erinnerung: Der designierte Staatsrat Michele Barra machte aus seiner Rührung kein Hehl, als er Ende April im Bellenzer Regierungsgebäude vor laufenden Kameras den Eid auf die Kantonsverfassung schwor. Genau diese Offenheit war es, die Barra auszeichnete. «Immer schaute er einem in die Augen, und immer war es ein offenherziger Blick», so Beltraminelli.

Dritter Legist im Staatsamt

Der Asconeser Bauunternehmer Michele Barra war der dritte Lega-Mann in der kurzen Geschichte der populistischen Partei, der den Posten eines Staatsrates bekleidete. Zu diesem Amt kam er eher unverhofft. Sein langjähriger Amtsvorgänger Marco Borradori war ausgeschieden, weil er sich um den Sessel des Luganer Stadtpräsidenten beworben und Mitte April den Sieg errungen hatte. Borradoris erster Ersatzmann auf der Liste, Nationalrat Lorenzo Quadri, verzichtete zugunsten eines Sitzes in der Luganer Exekutive, und der Lega-Präsident Giuliano Bignasca, der zweite Ersatzmann, war verstorben.

Der Vogel- und Boxsport-Liebhaber Michele Barra wurde 1996 in Asconas Gemeindeparlament gewählt, und 2007 nahm er auch im Grossen Rat Einsitz. Unermüdlich habe er im Einklang mit seinen Parteikollegen versucht, die Dinge, die nicht funktioniert hätten, zu ändern - Barra werde immer ein Vorbild bleiben, schreibt die Lega-Fraktion des Grossen Rates in einer Mitteilung. Als Staatsrat legte Michele Barra viel Dynamik an den Tag. Er war gewillt, die Problemdossiers seines Departements möglichst rasch einer Lösung zuzuführen - laut Regierungspräsident Beltraminelli agierte Barra mit der typischen Schnelligkeit eines Unternehmers. Manchmal fast zu schnell, denn die Mühlen der Politik mahlen langsam.

Eine Bilanz von knapp sechs Amtsmonaten zu ziehen, ist schwierig. Ein grosses Anliegen war Barra die Problematik der Grenzgänger und Scheinselbständigen: Nach ersten Erörterungen mit den Regierungskollegen gab er flugs eine Studie in Auftrag, die er selber bezahlte und deren Ergebnisse er der Öffentlichkeit sofort mitteilte. Auch punkto der strittigen Frage der Rustici-Renovation sowie der gestoppten Bauarbeiten der Bahnlinie Mendrisio-Varese machte er deutlich Druck.

Zweite Widrigkeit

Bereits schwer krank, musste Michele Barra einer unerwarteten Widrigkeit die Stirn bieten. Vor zwei Wochen wurde publik, dass ein Bordellbesitzer einen Mitarbeiter von Barras Departement gefilmt hatte und den Staatsrat damit vermutlich erpressen wollte. Auch wenn Barra das Opfer war und man ihm nichts vorwarf, forderten einige Kantonspolitiker restlose Klarheit. Es entstand ein medialer Wirbel, der Barra sehr belastete. Aber auch hier blieb er geradlinig und gab offen Auskunft. So wird Michele Barra in Erinnerung bleiben: als offenherziger Staatsrat.

Peter Jankovsky

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SwissBoxing entbietet den Familienangehörigen sein aufrichtiges Beileid. Die Trauerfeier findet am kommenden Mittwoch statt. Eine ausführliche Würdigung folgt.
 

Andreas Anderegg

Präsident SwissBoxing

 




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