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Revierkampf um die Weltherrschaft

Beim gestriegen Wiegen brachte Dr. Wladimir Klitschko 109,0 kg auf die Waage. Sein Gegner, Ruslan Chagaev, wird mit einem Gewicht von 102,0 kg in den Ring steigen
Der Box-Schwergewichts-Champion Wladimir Klitschko riskiert auf Schalke gegen Tschagajew viel

20.06.2009 - job. Am Montag war die Welt wieder käuflich in dem Discount-Markt, der nur einen Torhüter-Abstoss von der Gelsenkirchener Arena «Auf Schalke» entfernt ist. Es ging am Mittag speziell um das Geschäft mit der sportlichen Ehre. Vier funkelnde WM-Gürtel beherrschten weite Teile des Podiums, auf dem die mutmasslich besten Schwergewichtsboxer des Planeten mit ihren Betreuern sassen. Davor kauerten Dutzende Fotografen, die von den protzigen Insignien am wenigsten begeistert waren: Wann immer sie aus ihrer Froschperspektive die Objektive auf Wladimir Klitschko und Ruslan Tschagajew scharf stellen wollten, waren die bunten Exponate im Vordergrund.

Die Köpfe von zwei selbstsicheren Preisboxern, die aus ihren Gürteln zu lugen scheinen, werden in diesen Tagen kaum Beachtung finden auf den Sportseiten. Wie wenn man den ganzen handelsüblichen Firlefanz rund um den WM-Kampf im Revier im Grunde kaum noch braucht. Inzwischen hat sich auch so herumgesprochen, dass der «Knock-out auf Schalke», so das offizielle Motto, plötzlich zwei der drei am höchsten gehandelten Profis aus der unabhängigen Rangliste zusammenführt. Ein wunderbarer Unfall, der den Fans nach der verletzungsbedingten Absage des ursprünglichen Klitschko-Herausforderers David Haye einen Traumkampf serviert. Was sollen da noch Gürtel, deren Güte der Endverbraucher ohnehin nicht genau einschätzen kann?

Wladimir Klitschko (52 Siege, 3 Niederlagen) hatte sich ursprünglich mit dem lautesten Herausforderer aus der Weltelite messen wollen, der einem Champion in diesen Tagen zur Verfügung steht. Bekommen hat der 33-jährige Titelhalter von IBF, WBO und der wenig beachteten IBO nun einen der sportlich riskantesten Gegner. «Ich werde gegen den besten Mann im Schwergewicht boxen, den es neben meinem Bruder gibt», ahnt der ehemalige Olympiasieger eine harte Arbeitsschicht voraus. «Er ist ungeschlagen, und er ist Weltmeister. Und er hat niemals Angst gehabt, vor den grossen Jungs im Ring zu stehen.»

14 Zentimeter Körperlänge liegen zwischen dem ukrainischen Modellathleten und seinem bulligen, gerade 1 Meter 85 grossen Herausforderer. Doch solche Nachteile gleicht der tapfere Tatar aus Usbekistan am liebsten aus. Als Amateur konnte er Kubas Box-Ikone Felix Savon (1 Meter 94) in zwei von drei Duellen nach Punkten schlagen, und bei seinem Turniersieg an der WM in Belfast 2001 liess er mit Olexij Masikin (1 Meter 96) schon einmal einen ukrainischen Hünen chancenlos im Ring zurück. Bei den Profis gelang Tschagajew (25 Siege, 1 Remis) vor zwei Jahren mit dem knappen WM-Triumph gegen den schaurig-schönen Nikolai Walujew (2 Meter 13) in dieser Hinsicht das absolute Meisterstück.

«Natürlich hat es Vorteile, ein grossgewachsener Boxer zu sein», glaubt Tschagajew, «aber es kann auch ein Handicap sein.» Nach solchen Sätzen verzehren sie sich derzeit im Ruhrgebiet, denn der bullige Rechtsausleger, auch «weisser Tyson» genannt, steht für eine verbreitete Hoffnung: Er könnte seit langem der erste Widersacher sein, der den seine Fäuste mitunter allzu unbedrängt vor sich hin schwingenden Klitschko mit aller Konsequenz attackiert. Und dann, sagen Insider, müsse man erst einmal abwarten, was mit dem mutmasslich überlegenen Schwergewichtler der Welt passiert. So viel Spannung darf schon sein, wenn eine Box-WM historische Dimensionen bemüht. Am Samstagabend werden 60 000 Zuschauer in der Multifunktions-Arena erwartet – so viele wie in Deutschland seit den Open-Air-Vorstellungen von Max Schmeling nicht mehr.

Noch ist nicht sicher, ob Tschagajew auch den Gürtel der WBA in die Waagschale werfen kann, den er sich nach einer ominösen Kampfabsage weiter mit Nikolai Walujew teilt. In Helsinki war der Revanchekampf zwischen David und Goliath Ende Mai aufgrund mysteriöser Vorbehalte wegen des Hepatitis-B-Antigens bei Tschagajew in letzter Minute abgesagt worden. Seither überlegt und prüft der Verband, wer sein Titelhalter sein soll. Gürtel und Offizielle spielen am Samstag jedoch nur eine untergeordnete Rolle: Alles in allem geht es um die gefühlte Weltherrschaft. © Neue Zürcher Zeitung

Das Boxspektakel wird auf RTL ab 22.00 Uhr live übertragen.

 

 

 

 

 


 

 

 




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