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Klitschko ist derzeit unschlagbar

22.06.2014, Andreas W. Schmid - Weltmeistermacher Fritz Sdunek glaubt, dass der Prattlener Schwergewichtsboxer Arnold Gjergjaj bald reif für einen Titelkampf ist.

Fritz Sdunek ist ein sehr erfolgreicher Boxtrainer und unterlegt dies im Gespräch draussen vor dem Boxkeller des Boxclubs Basel auf der Kaserne mit harten Fakten: 14 Faustkämpfer hat er zu Weltmeisterschaftsehren geführt, 122-mal begleitete er sie zu WM-Kämpfen. Vergangene Woche arbeitete der 67-jährige Deutsche mit dem Prattler Schwergewichtsboxer Arnold Gjergjaj zusammen und gab ihm einige Tipps.

Fritz Sdunek, Sie haben Arnold Gjergjaj nun in mehreren Sparrings gesehen. Wie gut ist er?
Er hat wirklich gute Anlagen, muss aber boxerisch noch weiter dazulernen. Auch ist er noch zu verkrampft und will alles mit purer Kraft und Gewalt erledigen. Ich bin aber zuversichtlich, dass er das noch hinkriegt.

Kann er das mit 29 Jahren noch lernen?
Natürlich hat man ein anderes Fundament, wenn man bereits mit zehn oder zwölf Jahren die boxerischen Grundlagen erlernt, das war bei Gjergjaj ja nicht der Fall. Aber: Er lernt sehr schnell, das ist ein Vorteil. Vieles, was ich im ersten Sparring kritisiert habe, hat er im zweiten Sparring bereits besser gemacht.

Was ist seine beste Waffe?
Sein langer rechter Haken ist sehr gut, auch sein Jab ist mehr als ordentlich. Von Vorteil ist auch, dass er die Auslage wechseln kann, also sowohl in der Links- als auch in der Rechtsauslage boxen kann.

Bringt das wirklich etwas? Man hört auch Stimmen, die sagen, das sei Firlefanz, der zu nichts führe.
Da muss ich klar widersprechen. Natürlich bringt das etwas. Das kann den Gegner ganz schön durcheinanderbringen.

Gjergjaj will ja bald um den Titel kämpfen. Ist das realistisch?
Auf alle Fälle. Er ist bereits 25-mal in den Ring gestiegen und hat immer gewonnen – auch wenn jetzt nicht gerade die ganz grossen Namen darunter waren. Zuerst muss er noch zwei, drei Aufbaukämpfe hinter sich bringen, und dann wird er nächstes Jahr ziemlich sicher um einen Titel boxen. Nicht gleich um den WM-Titel, aber sicher um einen Europameisterschaftsgürtel.

Gjergjaj hat schon Angebote von prominenten Namen wie Derek Chisora oder Robert Helenius erhalten. Er hätte allerdings nur sehr wenig Vorbereitungszeit gehabt. Maximal zwei Wochen.
Auch wenn solch eine Anfrage reizvoll sein mag, soll er die Finger davon lassen. Für einen Kampf braucht es eine seriöse Vorbereitung, was mit bloss zwei Wochen nicht möglich ist. Das sind Angebote von Boxställen, die irgendwelche krummen Dinger machen. Für eine richtige Vorbereitung braucht ein Kämpfer acht bis zehn Wochen. Wenn einer schon vorher richtig im Training war, reichen vielleicht auch nur fünf, sechs Wochen. Aber weniger ist nicht mehr seriös.

Was braucht man, um Weltmeister zu werden?
An vorderster Stelle braucht einer natürlich die körperlichen und boxerischen Fähigkeiten dazu, dann aber auch das richtige Management und den richtigen Aufbau. Und man muss den richtigen Gegner und auch einen Fernsehsender finden, mit dem sich das ganze Unternehmen finanzieren lässt. In der Schweiz ist das natürlich ein bisschen schwerer als in Deutschland. Also bleibt fast nur der Weg übers Ausland, wo er als Herausforderer seine Chance suchen muss. Gegen Wladimir Klitschko soll er natürlich noch nicht gleich boxen, auch wenn er im Sparring gegen ihn eine ganz gute Figur abgegeben haben soll, wie ich gehört habe.

Ist Wladimir Klitschko wirklich so viel besser als die anderen?
Ja, es gibt niemanden, der ihm das Wasser reichen könnte …

… ausser seinem Bruder Vitali, Ihrem langjährigen Schützling, der aber nicht mehr boxen will – und ohnehin nie gegen seinen jüngeren Brüder gekämpft hätte.
Genau. Nach 18 Jahren Zusammenarbeit ist nun Schluss. Leider, aber auch zum Glück. Er hat als Boxer alles erreicht. Natürlich wäre es noch schön gewesen, einen Abschiedskampf zu bestreiten. Aber er ist nun Bürgermeister von Kiew, und da wäre es unglaubwürdig, wenn er nochmals in den Ring steigen würde. Darüber haben wir eben vor drei Wochen miteinander geredet.

Wladimir Klitschko steht seit Längerem in der Kritik, weil er seine Kämpfe auf wenig spektakuläre Weise gewinnt.
Er geht wirklich nur sehr wenig Risiko ein in seinen Kämpfen. Das ist bedauerlich. Er operiert nur noch mit der Führhand, bis er irgendwann den Schnitt macht, wenn der Gegner zermürbt ist. Leider dauert das zumeist eine Ewigkeit und das gefällt den Boxfans natürlich nicht. Vor allem nicht in den USA, wo sie spektakuläre Knockouts sehen wollen. Das ist auch der Grund, weshalb Vitali mit seinem offensiven, aggressiven Boxstil in Amerika viel angesehener war. Mit dem Fight gegen Lennox Lewis hat er dort grosse Sympathien erworben, aber auch mit seinem vorzeitigen Sieg gegen Corrie Sanders.

Vitali Klitschko hatte auch später kein Verständnis dafür, dass der Kampf gegen Lewis vorzeitig abgebrochen wurde, obwohl er einen mehrere Zentimeter grossen Cut über dem Auge hatte. Ihre Erinnerungen an damals?
Es war eine unvergleichliche Atmosphäre. Als wir kamen, buhten uns 20'000 Zuschauer im Staples Center von Los Angeles aus, als wir gingen, wurden wir wie die Sieger gefeiert. Vitalis Verletzung mag brutal ausgesehen haben. Doch wenn man schon abbricht, dann vorher. Als der Abbruch kam, war die Blutung bei Vitali gestillt. Ich habe damals gesehen, wie Emanuel Steward, der Trainer von Lennox Lewis, zum Ringarzt sagte: «Stop the fight!» Der ist dann auch direkt zum Ringrichter gegangen und hat das so weitergegeben. Tatsächlich wurde abgebrochen. Später erfuhr ich, dass Lewis selber einen Nasenbruch und einen schweren Cut auf der Nase erlitten hatte.

Gegen Corrie Sanders, den Sie vorhin erwähnten, hat Wladimir Klitschko eine seiner schmerzhaftesten Momente erlebt. Rührt die Vorsicht, mit der er agiert, von jenem Kampf her?
Nein, ich glaube, jene Niederlage ist längst verarbeitet. Es ist einfach sein Stil, den er entwickelt und zur Perfektion getrieben hat. Derzeit ist Wladimir jedenfalls unschlagbar.

Wie lange wird das noch so sein?
Ein paar Jahre liegen schon noch drin. Er lebt sehr gesund, hat eine vorbildliche Einstellung, trinkt keinen Alkohol und ist gerade in Familienplanung. Das sind alles aufbauende Faktoren, die für ihn sprechen.

Es wird immer wieder darüber spekuliert, wie die Klitschkos in den Siebziger- jahren gegen Ali, Foreman oder Frazer ausgesehen hätten.
Ich bin sicher, dass sie damals auch so dominiert hätten, weil die meisten Kämpfe im In-Fight stattfanden. Der Einzige, der herumtänzelte und ständig in Bewegung war, war Ali – er ist denn auch der Grösste aller Zeiten.

Quelle: http://bazonline.ch/sport/weitere/Klitschko-ist-derzeit-unschlagbar/story/23124906




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