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«Das ist meine Original-Nase»

Im Ring mit dem Boxer Ukë Smajli, der die Schweiz an der Studenten-Weltmeisterschaft in Russland vertritt
 

Sonntags-Zeitung vom 7.09.2014 - Chris Winteler (Text) und  Esther Michel (Foto)

Ukë Smajli, 21, verschwindet in der Garderobe des Boxclub Sportring Zürich, fürs Foto will er das rote Nationaltrikot anziehen. Er trägt es mit Stolz, er repräsentiere schliesslich sein Land, die Schweiz. Nächste Woche wird er die Schweiz in Jakutsk, Russland, an den World University Boxing Championships vertreten. Die stärksten Boxnationen der Welt werden dabei sein. Starke Boxer – und intelligente Boxer. Nur immatrikulierte Studenten dürfen teilnehmen. Ein Treffen der gescheitesten Boxer der Welt also? Ukë Smajli lacht, «ja, das kann man schon so sagen». Was aber natürlich nicht heisse, dass die andern Boxer dumm seien. Ein Vorurteil, das ihn genauso stört wie das stereotype Bild, das man vom Boxer habe: 

«Harter Typ, gebaut wie ein Schrank, platte Nase.» Seine Nase ist nicht platt. «Das ist meine Ori­ ginal­Nase», sagt er und drückt sie auf alle Seiten. Albanischer Ehrgeiz,  schweizerische Pünktlichkeit Sein Ziel an der Studenten­WM ist ein Podestplatz, «ganz klar». Und wenn er dann dort oben stehe und die Schweizer Nationalhymne er­ töne, werde er seine rechte Hand auf das Herz legen. Er steht auf und machts vor. Und den Schweizerpsalm, kann er den? Tatsächlich, die erste Strophe sitzt. Mit dem Text könne er sich jedoch nicht identifizieren, «etwas zu religiös», die Melodie findet er «okay – es gibt Schönere». Ukë Smajli redet Jugo­ Deutsch und hat einen «viereckigen Kopf», wie er selber sagt, «typisch für uns aus dem Kosovo». Er war fünf, als die Familie 1998 vor dem Krieg in

die Schweiz flüchtete. Seit zwei Jah­ ren hat er den Schweizer Pass. Auf­ gewachsen ist er im Zürcher Kreis 4, «daher das Jugo­Deutsch». Er steht zu seinem Akzent, «ich weiss, dass ich nicht wie ein Schweizer rüber­ komme». «50:50», sei er: 50 Prozent Schweizer, 50 Prozent Albaner. Schweizerisch ist: Ukë Smajli sei pünktlich, zuverlässig, diszipliniert – «man kann sich auf ihn verlassen», bestätigen Trainer und Kollegen. Im Boxring aber, da komme das Albanische raus! Ukë Smajli spricht jetzt lauter, kommt in Fahrt, sagt: «Die Kampfeslust, der Ehrgeiz, auch der Neid, den man gegenüber jenen hat, die mehr haben als du.» Er hatte nie viel gehabt. Die Familie war stets von der Sozialhilfe abhängig. Aber: «Wir sind eine super 1­a­Familie.» Ukë «The Wolf» Smajli (Halb­ schwergewicht bis 81 kg) hat sich hochgeboxt. Seine Bilanz: 63 Kämpfe, 57 Siege, 5 Niederlagen,

1  Unentschieden. Seit Juni 2013 ist er ungeschlagen. Seine Gegner findet der mehrfache Schweizer Meister inzwischen nur noch im Ausland. Genauso konsequent wie er sich fürs Boxen schindet, büffelt er für das Studium an der Uni Zürich. Er studiert Wirtschaft, absolvierte ein Jahr Praktikum bei der UBS. Das heisse aber nicht, dass er mal auf einer Bank arbeiten wolle, «gar nicht», stellt er klar. Sein Plan: sich aufs Boxen und Studium konzentrieren, gute Resultate, gute Noten erreichen. Vor allem aber will er die Schweiz an den Olympischen Sommerspielen 2016 in R io vertreten – als erster Schweizer Boxer seit München 1972. Auseinandersetzungen  habe er als Kind gescheut Geld ist im Amateurboxen nicht zu verdienen. Aber er boxe nicht des Geldes wegen, sondern einzig aus innerem Anreiz heraus, aus

«intrinsischer Motivation», wie er sagt. Er bekommt Stipendien, wohnt in einer WG. Dass seine Freundin June, sie ist Anwaltsassistentin, mehr verdient als er, stört ihn nicht. Aber: «Essen und dann Kino», übernimmt er, «das gehört sich so.» Ausgang ist selten, Alkohol trinkt er nicht. Hat er je ausserhalb des Boxrings gekämpft? Die Frage scheint ihm absurd. «Ich prügle mich nicht. Ich kämpfe nur mit Regeln.» In seinem Leben habe er genau zwei Schlägereien gehabt. Beide auf dem Pausenplatz, in der vierten Klasse. Als Kind habe er jede Auseinandersetzung gescheut. Er sei kein mutiger Bub gewesen, nie der Erste, der sich vom Sprungbrett traute, und beim «Lüti­Streich», beim Klingeln an fremden Wohnungstüren, habe er sich ganz rausgehalten. Auch heute sei er kein Gross­ maul – «aber ehrlich gesagt, ich

wäre gerne ein Grossmaul». Ein Angeber wie Muhammad Ali, «The Greatest of All Time», oder Roy Jones Jr. und Floyd Mayweather Jr. Er wolle künftig mehr aus sich herauskommen, die Stimmung vor dem Kampf mehr anheizen. «Die Zuschauer wollen das.» Das Gym hat sich inzwischen gefüllt, die Fitnessboxer wärmen sich mit Springseilen auf, die Wettkampfboxer tänzeln im Ring. Einer davon ist Urim, 18, Ukës jüngerer Bruder, er besucht das Gymnasium, auch er gilt als Boxtalent. Zeit fürs Training. Ukë Smajli reicht die Hand, bedankt sich höflich für das Interview. Sein erstes grosses Interview. Sein erstes richtiges Fotoshooting. «Eine ganze Seite – A3 sogar?» – «Danke,  danke vielmals.» Und er verspricht: Er werde nächste Woche an der Studenten­WM in Russland alles  dafür tun, dass er die Leser nicht enttäusche.




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