News

Klitschko-Sieg gegen Pulew:

Von Lukas Rilke, Spiegel online

16.11.2014 - Bei seinem K.-o.-Sieg gegen Kubrat Pulew zeigte sich Wladimir Klitschko anders als sonst. Der Ukrainer war wütend - und reagierte sich gnadenlos an seinem Gegner ab. Der musste mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus.

Wladimir Klitschko gilt eigentlich als beherrschter Mann, aber an diesem Abend in Hamburg war das anders. Klitschko, 38, war sauer, sehr sauer sogar. "Ich war etwas emotional, dafür möchte ich mich entschuldigen", sagte Klitschko zu den Reportern, diesmal wieder in bedächtigem Ton.

Was für ein Kontrast zu der Szene kurz zuvor im Ring: Da hatte Klitschko seinen am Boden liegenden Gegner Kubrat Pulew angeschrien, unmittelbar nach dem finalen Niederschlag in der fünften Runde, der dem Schwergewichtsboxer die Titelverteidigung gebracht hatte.

Lästereien, Großmäuligkeit, Selbstvermarktung am Rande der Lächerlichkeit - das kennt man von allen großen Boxkämpfen, wenn die Herausforderer sich in Stellung bringen. Normalerweise lässt Klitschko so etwas nicht an sich heran. Doch der Bulgare Pulew, der dem Ukrainer den IBF-Gürtel abnehmen wollte, hatte den Titelverteidiger enorm gereizt. Klitschko würde dopen, hatte Pulew vor dem Fight angedeutet, und er schlage "wie ein Mädchen".

"Fraktur am rechten Jochbein, schwere Gehirnerschütterung"

"So eine Arroganz wie bei Pulew habe ich noch nie zuvor erlebt", sagte Klitschko auf der Pressekonferenz nach dem Kampf. Was genau er dem ausgeknockten Pulew da zugeschrien habe, wollte Klitschko auch auf Nachfrage nicht verraten. Nur so viel: Er habe sich sehr über den Herausforderer geärgert. "Heute Abend hat er den Preis für sein Benehmen bezahlt."

Während Klitschko sprach, wurde Pulew - der im Ring noch gesagt hatte, es gehe ihm "perfekt" - gerade ins Eppendorfer Universitätsklinikum eingeliefert. Ringarzt Stephan Bock fasste zusammen: "Mittelgesichtsfraktur am rechten Jochbein, schwere Gehirnerschütterung, tiefe Cuts. Wichtig ist jetzt erst mal, dass Pulew ein CT bekommt, um eine Blutung im Gehirn auszuschließen."

Er bedauere, dass sein Gegner nicht neben ihm sitzen könne, sagte Klitschko. Tatsächlich war keiner vom Sauerland-Team bei der Pressekonferenz anwesend, "obwohl ich darum gebeten hatte, das ist schlechtes Benehmen, wie die ganze Woche schon". Unter anderem hatte der gegnerische Box-Stall die offizielle Pressekonferenz boykottiert. Klitschko war gereizt, das hatte man schon zu Beginn des Kampfes gesehen.

Für seine Verhältnisse attackierte der Weltmeister mitunter geradezu wild, stürzte sich auf Pulew, deckte ihn mit Schlägen ein und vernachlässigte seine Deckung. Dass der Großteil der 14.000 Zuschauer in der Halle für den Herausforderer war und Klitschko laut auspfiff, habe ihn noch zusätzlich angestachelt. "Ich war davon überrascht, wie viele Bulgaren heute hier waren. Aber das macht es leichter für mich. Ich will die Leute für mich gewinnen, auch die, die eigentlich gegen mich sind", sagte er. Später fügte er an: "Ich war übermotiviert."

Sauerland-Stall fehlt bei der Pressekonferenz

Und so lag es tatsächlich nicht nur daran, dass Pulew Klitschko körperlich gewachsen war, dass es ein kurzer, aber offener und abwechslungsreicher Kampf wurde. Pulew hatte schnell die Offensive gesucht, ging aber schon in der ersten Runde zu Boden. Das überraschte Klitschko nicht, wohl aber die Tatsache, dass der Widersacher sich davon nochmal erholte. "Ich habe ehrlich gesagt nicht gedacht, dass Pulew wieder aufsteht. Den Schlag habe ich bis in die Knöchel gespürt." Es war ein linker Haken, die erfolgreichste Waffe Klitschkos an diesem Abend. Auch den K.o. in Runde fünf landete er so.

Mehr Emotionen, Angriffslust im Ring, neu entdeckte boxerische Waffen - "ich habe Talente, die ich nicht oft zeige. Ich bin ein Spätblüher", sagte Klitschko. Er verbessere sich noch immer, nie zuvor habe er so viel Freude an seinem Sport gehabt. "Ich genieße die Zeit an der Spitze."

Für die Konkurrenz muss das wie eine Warnung klingen. Allein: Welche Konkurrenz? Kubrat Pulew war als gefährlicher Gegner gehandelt worden und hatte am Ende doch nichts ausrichten können. Wer also dann? Der ewig polternde und auch am Samstagabend wieder omnipräsente Shannon Briggs? "Ich will das nicht völlig ausschließen", sagte Klitschkos Manager Bernd Bönte dazu. Wahrscheinlicher ist aber ein Duell mit Bryant Jennings in den USA, ein Kampf gegen den Sieger zwischen Dereck Chisora und Tyson Fury oder gegen einen noch zu kürenden WBC-Champion. Stattfinden wird der Kampf voraussichtlich im Frühjahr.

Wladimir Klitschko flog gleich am Sonntagmorgen zurück in die USA zu seiner hochschwangeren Verlobten Hayden Panettiere. Er könne es "kaum erwarten", dass seine Tochter geboren werde, sagte Klitschko. Der Weltmeister als Familienoberhaupt, verschieben sich da vielleicht die Prioritäten, dürfen sich die Herausforderer Hoffnungen machen? Besser nicht. "Ich habe meinen Bruder Vitali gefragt, was sich ändert", erzählte Wladimir Klitschko fröhlich. "Er sagte: 'Väter schlagen härter.'"

 




Weitere News


© 2017, Swiss Boxing Federation