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Ergun Mersin ist Juniorenweltmeister

27.12.2014 - Der Berner Ergun Mersin ist neuer Träger des WBC Youth Silver Belt im Schwergewicht: Er gewann seinen Titel nach verletzungsbedingter Aufgabe seines ghanaischen Gegners Richard Lartey und setzte damit einen versöhnlichen Schlusspunkt unter den Kampfabend, der traditionsgemäss am 26. Dezember im Berner Kursaal stattfindet. Mersin bleibt damit auch nach seinem 12. Profikampf weiterhin ungeschlagen und liess sich von den Fans zurecht feiern.
 

Bericht von Gérald Kurth (Text) und Ueli E. Adam (Fotos)

Der Boxing Day fand einmal mehr vor fast ausverkauftem Haus statt, und das Programm wurde unter der routinierten Regie von Daniel Hartmann, Präsident der Boxing Kings, gewohnt reibungslos abgespult.

Richard Lartey (l.) war kein Gradmesser für den Newcomer Ergun Mersin

Die Boxing Kings hatten allerdings mit widrigen Umständen zu kämpfen, die den sportlichen Wert der letztlich verbliebenen je vier Profi- und Amateurkämpfe massiv schmälerten: Im Profilager mussten die beiden Berner Lokalmatadoren Alain Chervet und Mischa Nigg verletzungsbedingt passen. Zudem hagelte es auch im Amateurlager regelrecht Absagen, so dass die Kampfpaarungen immer wieder neu zusammengestellt wurden oder letztlich ganz entfielen. Hätten sich nicht buchstäblich in letzter Minute am Weihnachtstag in Polen oder Bulgarien Kämpferinnen und Kämpfer ins Auto gesetzt, um tags darauf in Bern anzutreten, wäre das Programm am Ende noch dünner ausgefallen.

Die Organisatoren haben nachweislich alles daran gesetzt, eine attraktive Kampfschau zu bieten. Dass sie damit nicht den gewünschten Erfolg erzielten, ist eindeutig nicht ihnen anzulasten. Erstens war das Verletzungspech bei Profis und Amateuren gleichermassen gross. Zudem ist auf Seiten gewisser Sportler und ihrer Betreuer das Fehlen einer gewissen, um es mit einem altmodischen Begriff auszudrücken, Verbindlichkeit zu beklagen. Es ist gerade für den hierzulande ohnehin marginalisierten Boxsport nicht zuträglich, wenn mit kurzfristigen Absagen jene Leute verprellt werden, die noch bereit sind, mit Veranstaltungen dieser Grössenordnung unternehmerisches Risiko zu tragen.
 

Die Profikämpfe

Schwergewicht (> 90,718 kg):

Ergun Mersin (Athletic Box Club Bern) vs. Richard Lartey (Ghana)

Die Spannung beim Walk-in war riesengross: Lokalmatador Mersin wurde von einer zahlreichen Berner Fangemeinde frenetisch bejubelt, als er in den Ring stieg, wo er mit 128 fast zwanzig Kilogramm schwerer war als Richard Lartey, sein Gegner aus Ghana (109). Obwohl Mersin damit zuviel Gewicht auf die Waage brachte, präsentierte er sich als erstaunlich wendiger Kämpfer. Die Beweglichkeit im Oberkörper, Schnelligkeit und offensichtliche Schlaghärte hätten eigentlich ausreichende Trümpfe im Ärmel sein müssen, um den bescheidenen Ghanaer frühzeitig auszuknocken. Dass Mersin dies nicht tat, hatte zwei Gründe: Der Berner schlug im Verlauf des gesamten Kampfes wohl keinen einzigen Jab. Im Gegenteil: Mersin liess seine Linke fast permanent im Stile eines Vitalij Klitschko provokant hängen, statt sie konsequent zum Punktesammeln einzusetzen. Zweitens müsste Mersin bei seiner lockenden Kampfanlage fünfzehn Kilo abkochen, um auch seine Beinarbeit effizienter zu gestalten, d.h. zur Überwindung der Distanz einzusetzen. Der Sieg des Berners stand bis zu Larteys Aufgabe nach vier Runden nie in Frage, die Zwischenresultate auf den Punktzetteln lauteten eindeutig zu seinen Gunsten (40:36, 40:36, 39:37).

Der Ghanaer war aber kein Gradmesser, der die statische und damit auch kalkulierbare Kampfweise Mersins erkannt und zu seinen Gunsten genutzt hätte. Zu selten liess der Berner sein grosses Potenzial aufblitzen: Mersins harte rechte Schwinger kommen ansatzlos und präzise, die Meidbewegungen würden auch Kämpfern in tieferen Gewichtsklassen gut anstehen. Umgekehrt gab es immer wieder Phasen, wo sich die beiden Kämpfer nahezu bewegungslos gegenüberstanden. Lartey konnte nicht mehr, Mersin hätte zwar gekonnt, wollte aber zu selten. Es ist dem neuen Berner WBC-Juniorenchampion sehr zu wünschen, dass er sein grosses Talent mit der konsequenten Ausmerzung der Defizite möglichst bald zum Strahlen bringt. Das Zeug dazu hat der sympathische „Bärner Gieu“ allemal!
 

Juniorweltergewicht (<63,503 kg):

Walid Abderrahman (Club Lausannois de Boxe, CH) vs. Teodor Stefanov (BUL)

Der Kampf zwischen dem mehrfachen tunesischen Champion Abderrahman und dem bulgarischen Gastboxer präsentierte sich in den ersten Runden absolut ausgeglichen, mit leichten Punktvorteilen für Stefanov. Bedingt durch den identischen Körperbau und eine ähnlich abwartende Kampfanlage gab es kaum zählende Punkttreffer. Ein paar Mal durchbrach allerdings der Bulgare mit überfallartigen Dreierserien die Distanz.

Der Sieg von Walid Abderrahman (r.) ging in Ordnung, war aber knapper, als die Punktewertung vermuten lässt

Ab Runde vier marschierte Abderrahman mehr nach vorne und landete seinerseits erste Treffer. Diese Runde war eindeutig die beste, weil sich der Bulgare danach auf die Verwaltung des – vermeintlichen – Punktevorsprungs beschränkte und vermehrt Klammeraktionen provozierte. Abderrahman konnte somit kaum mehr zwingende Angrifssaktionen starten. Dass er am Ende auf zwei Punktzetteln gleich um vier Runden (je 59:55) vorne lag, war wohl etwas allzu viel Heimvorteil. Die dritte Wertung (58:57) für den einstimmigen Sieger Abderrahman entsprach wohl dem effektiven Gezeigten eher. Trotz weitgehender gegenseitiger  Neutralisierung war der Kampf grundsätzlich interessant, weil beide Boxer eigentlich feine Techniker sind und sich zudem jederzeit fair verhielten.
 

Cruisergewicht (<90,718 kg)

Ylli Rashiti (Boxclub Bad Ragaz) vs. Jakub Wójcik (PL)

Der kurzfristig aufgebotene Pole war offensichtlich nicht angereist, um sich in Bern schnell auf die Bretter zu legen. Im Gegenteil: Wójcik brachte Rashiti immer wieder in Verlegenheit, obwohl der Pole im Oberkörper eher steif wirkte. Der Ragazer brachte aber über die gesamte Kampfdauer betrachtet einfach zu wenig und liess sich dominieren.

Ylli Rashiti (l.) traf auf einen unerwartet harten Gegner und erreichte ein schmeichelhaftes Unentschieden 

Statt den Polen mit schnellen einzelnen Händen zu belästigen, blieb er zu oft stehen und wurde dann von Wójcik jeweils mit knallharten Serien eingedeckt. In der vierten Runde brachte der Pole Rashiti denn auch an den Rand einer K.O.-Niederlage, die Salven zeigten Wirkung. Rashiti schaffte es aber, in äusserster Bedrängnis noch einmal zurückzukommen und so die Runde zu überstehen. Dennoch: das Unentschieden auf zwei Punktezetteln für den Ragazer war mehr als schmeichelhaft (je 38:38), hält man sich die dritte Wertung (40:36 zu Gunsten von Wójcik) vor Augen.
 

Leichtgewicht (<61,235 kg)

Viviane "The Goldengirl" Obenauf  vs. Lučija Dončeva (BUL)

Das aus Brasilien stammende Kraftpaket und junge Mutter Obenauf hätte ursprünglich gegen Milena Koleva antreten sollen. Die starke Bulgarin, die vor zwei Jahren Nicole Boss die letzte Niederlage zugefügt hatte, sagte jedoch verletzungsbedingt ab. So musste Obenauf kurzfristig gegen die bulgarische Debütantin Dončeva antreten, die offensichtlich Schadensbegrenzung anstrebte. Dončeva verbarg sich permanent ängstlich hinter ihrer Doppeldeckung und lancierte keine eigenen Angriffsaktionen. Angesichts der Passivität der Bulgarin war es eigentlich erstaunlich, dass Obenauf ihre harten, langen Hände zu Körper und Kopf nicht öfter schlug. Dennoch: nach  1:07 in der dritten Runde hatte Obenauf die defensive Bulgarin technisch ausgeknockt.

Landete gegen die defensiv eingestellte Lucija Dončeva einen vorzeitigen Sieg: Viviane "The Goldengirl" Obenauf (l.)

Obenauf hat damit auch nach ihrem vierten Kampf als Profi eine reine Weste. Darüber freute sie sich so herzlich, dass sie bei der Verkündung des Urteils Ringrichter Pierre-Alain Schneeberger spontan umarmte. Man darf sich berechtigte Hoffnungen machen, dass Obenauf ihre Ungeschlagenheit auch gegen bessere Gegnerinnen wahren kann.  Sie ist zwar eine geborene Fighterin, agiert dabei aber nie kopflos. Nutzt sie ihre Schlaghärte und motorische Überdurchschnittlichkeit konsequenter zum Abschluss von Offensivaktionen, kann sie problemlos weiter oben im Limit mithalten. 

Der stolze neue Youth Heavyweight-Champion Ergun Mesin mit WBC Supervisor Peter Stucki 

 




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