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Zum Tod des Boxtrainers Fritz Sdunek: «Grüsse an die Schweizer Buben!»

Zum Tod des Boxtrainers Fritz Sdunek: «Grüsse an die Schweizer Buben!» - Fritz Sdunek, Boxtrainer in 119 Weltmeisterschaftskämpfen, ist am 22. Dezember im Alter von 67 Jahren gestorben. Eine persönliche Erinnerung von Angelo Gallina, Präsident des Boxclubs Basel, an einen Mann, der für das Boxen gelebt hat. Von Angelo Gallina 

Das waren Fritz Sduneks Worte von letzter Woche, welche mir am Montag durch Freunde übermittelt wurden, die ihn in Hamburg besucht hatten. «Sag ihnen nicht, dass ich im Spital liege, es ist ja eh alles wieder gut, mir geht es prima», fügte er schnell noch hinzu.

Prima war es nicht. Fritz Sdunek ist am 22. Dezember an einem Herzinfarkt gestorben.

Dass er kurz zuvor noch an seine «Schweizer Buben» denkt, hat schon etwas Rührendes. Sind wir, mein Boxer Arnold «the cobra» Gjergjaj und meine Wenigkeit, doch beide bereits seit Jahrzehnten aus dem Bubenalter raus. Und wie Buben sehen wir ja auch nicht gerade aus.

Trotzdem war er für uns wie ein Boxvater, und wir waren folglich seine Buben. Es war seine väterliche Fürsorge, gemischt mit seinem harten Training, welches seinen Arbeitsstil und seinen Erfolg ausmachte.

Sdunek zog nicht sein Ding durch – er ging auf jeden Boxer ein

Ich habe schon viele Trainer auf der ganzen Welt erlebt, alle kamen und setzten ihr System durch. Unabhängig davon, wie die Umstände und die Vergangenheit der jeweiligen Boxer aussahen.

Fritz Sdunek beim Sandsacktraining mit Arnold "THE COBRA" Gjergjaj

Fritz Sdunek war anders. Eine seiner Spezialitäten war es, sich genau in seine Boxer hineinversetzen zu können. Er wollte wissen, wie es um die Familie stand, wie das Befinden war, wie der Alltag organisiert war und wann die Ess- und Trainingszeiten waren. Und dann liess er die Leute trainieren, bevor er selber zu arbeiten anfing.

Dies, und auch seine grosse Erfahrung, seine Art zu trainieren und das Boxen zu vermitteln haben ihn zum erfolgreichsten Trainer der Welt gemacht.

99 gewonnene WM-Kämpfe

Sagenhafte 117 Weltmeisterschaftskämpfe hat er als Trainer begleitet. Davon gewannen er und seine Boxer deren 99. Das sind nur kleine Fakten, und wenn man bedenkt, dass er alle Kämpfe akribisch vor- und nachbereitet, kann man schnell ableiten: Er war dauernd für das Boxen im Einsatz.

Wir haben uns 2008 in Berlin beim Pressesparring von Vitali Klitschko kennengelernt.

Sdunek war mein Vorbild als Boxtrainer und auch als Mensch, der sich für die Sache einsetzte. Er war diskret, freundlich, bescheiden, fürsorglich, witzig, rastlos und einzigartig erfolgreich. Ich kenne niemanden, der ihm in Sachen Boxen das Wasser reichen konnte.

Wir haben uns 2008 in Berlin beim Pressesparring von Vitali Klitschko kennengelernt und die Telefonnummern ausgetauscht. Er war engagiert und stets an neuen Projekten beteiligt, daneben hat er erfolgreich seinen Hautkrebs besiegt, seine Hüfte operieren lassen und den ersten Herzinfarkt überstanden. Dazwischen noch Familienzeit und immer wieder weiter gearbeitet.

Im Sommer 2014 war es soweit: Der beste Trainer der Welt kam nach Basel

Gerne hätte ich ihn früher zu uns nach Basel geholt. Doch kaum war einer seiner Kämpfe vorbei, stand der nächste an. Von einem Weltmeister zum anderen. So ging es jahrelang.

Zum einen musste er Geld verdienen. Zum anderen war das Boxen sein Lebensauftrag. Unser Kontakt blieb bei Spontanbesuchen in Hamburg und ab und zu Nachrichten und einfachen Glückwünschen.

Doch diesen Sommer war es dann soweit. Der beste Trainer der Welt kündigte sich in Basel an. Möglich gemacht haben diesen Besuch auch ein paar Freunde des Boxclubs Basel. Sie halfen bei der Finanzierung.

Ich konnte es kaum glauben: der Klitschko-Trainer bei uns im Boxkeller.

Ein Bauernhaus statt eines Hotelzimmers

Er kam kurzfristig während der Kunstmesse Art Basel zu uns. Während dieser Zeit sind die Hotels teilweise Jahre im Voraus ausgebucht. Sdunek wollte noch zwei Boxer mitbringen. Drei Zimmer im selben Hotel zu besorgen, war ein Ding der Unmöglichkeit. Ein Hotelchef, der Fritz Sdunek nicht kannte, bot mir gar sein eigenes Spezialzimmer an, doch das reichte nicht.

So halfen mir meine Basler Boxfreunde, die mir ein umfunktioniertes Bauernhaus anboten. Dort angekommen, fühlte er sich von Beginn an wohl. Kein grosser Luxus, dafür gemeinsam mit Gästen am Abend Fussball schauen und am Grill noch ein gutes Stück Fleisch auflegen. Ein Gläschen Gebranntes folgte automatisch.

Auch das war Fritz Sdunek: bescheiden und ungemein freundlich. Wir konnten gemeinsam eine Bratwurst essen und am nächsten Abend mit guten Freunden und Künstlern im «Schützenhaus» die Haute Cuisine geniessen und über alles Mögliche plaudern.

Leider keine Bilder aus der Fondation

Basel hat ihm sehr gefallen. Besonders die Gastfreundschaft, die Stadt, ihre Kultur und die familiäre Stimmung im Boxclub hatten es ihm angetan. Beim Besuch in der Fondation Beyeler zeigte er mir Bilder, die seiner Frau besonders gefallen würden. Sam Keller konnte sie uns leider nicht schenken, dafür waren wir bei ihm im Garten zu Gast.

Zu viele boxfremde Termine wollten und konnten wir aber nicht wahrnehmen. Wir waren hier zum Arbeiten verabredet. Mit einem Trick konnte ich ihn noch zu einer Tramfahrt überreden. Er, der lieber nur mit dem Auto fuhr, genau wie mein Boxer. Auch für seinen Schwiegersohn Juan Carols Gomez, 1995 Weltmeister im Cruisergewicht, war es die erste Tramfahrt. Haben alle gemeinsam gut gelacht auf der Fahrt wie auch sonst – es war eine harte, aber heitere Zeit.

Der Boxkeller hat ihm gereicht

Wir trainierten im Boxkeller des Boxclubs Basel in der Kaserne. Ich habe ihm noch weitere Trainingsorte für die Kraftübungen angeboten, er lehnte ab und meinte, der Boxkeller habe alles, was er zum Arbeiten brauche.

Husarenstreich: Angelo Gallina (l.) holte Fritz Sdunek in den Box-Keller nach Basel 

Während der Trainingseinheiten war er leise und bestimmt: keine Zwischentöne, keine Verhandlung. Sachlich und durchdacht. Wir sprachen wenig während der Arbeit, alles war still. Er wollte keine Zuschauer, legte Wert auf Präzision und war um jedes Detail besorgt.

Seine Eingriffe und Anmerkungen hatten mein Boxer nicht zum ersten Mal gehört. Aber aus seinem Munde hörten sie sich anders an. In diesem Arbeitsbereich gibt es wenige Trainer auf der Welt, die nachhaltig effektiv eingreifen können. Er war einer von ihnen.

Zwei Füchse im Revier

Ich hatte Sdunek eingeladen, um mit Blick auf weitere künftige Projekte zu testen, wie gut er sich mit Arnold verstehen würde, sportlich wie persönlich. Das Letztere hat sich in fünf Minuten erledigt. Boxer und Trainer von diesem Kaliber sind Füchse in ihrem Revier. Hier hatten sich zwei getroffen, die sich von Anfang an verstanden. Die Zusammenarbeit war eine Augenweide.

Auch die anschliessenden Analysen und Gespräche waren von grosser Qualität und von viel Verständnis gekennzeichnet. Sdunek schätzte unsere Arbeit und wünschte sich die eine oder andere Verbesserung. Diskussionen darüber gab es keine.

Er hat auch erkannt, dass hier Potenzial vorhanden ist, und sagte das auch. Wir vereinbarten, in Kontakt zu bleiben und die nächsten Schritte anzugehen. Er gratulierte uns beiden zum EBU-Gürtel im Oktober, was mich besonders freute.

Bei einer seiner letzten Trainingseinheiten auf dieser Erde, gemeinsam mit dem Russen Ruslan Chagaev, trug er ein T-Shirt des Boxclubs Basel. Jetzt ist er von uns gegangen. Geblieben sind einzigartige Momente und Erinnerungen und die Verpflichtung, weiter zu arbeiten. Auch für dich Fritz!

Kürzlich war ich in Zürich zu Gast bei einer Buch-Vernissage zu Muhammad Alis Aufenthalt in Zürich, an der in einem Film zu sehen war, wie Ali 1971 am Uetliberg trainierte oder auch nach Basel kam, um Autogramme zu schreiben.

Ich habe noch ein 7 Minuten langes Interview von Fritz Sdunek mit unserem Dokumentarfilmer Peter Basler auf meinem Handy, in dem er über unsere Arbeit und über Arnold «the cobra» Gjergjaj spricht. Mir wurde sofort bewusst: Hier hat wieder ein Stück Boxgeschichte stattgefunden.




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