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Ciriolo siegt in Nyon und hat als Profi weiterhin eine reine Weste

Gérald Kurth

22.02.2015 - Es war zwar kein glanzvoller, aber doch souveräner Sieg: Stefano Ciriolo hatte Mladen Živkov schon fast fünf Runden durch den Ring getrieben, als Referee Pierre-Alain Schneeberger ein Einsehen hatte und den Serben aus dem Kampf nahm. Dies zur Freude der wie immer lautstarken mitgereisten Fangemeinde. Der Neoprofi aus Vernier beendete damit auch seinen dritten Kampf als Profi siegreich. Ciriolo gönnt sich keine Zeit zum Ausruhen: Schon am 28. März will er vor heimischem Publikum in Carouge einen weiteren Triumph verbuchen. Auch Walid Abderrahmen, der zweite Schweizer Profi im Einsatz, fuhr gegen den ungarischen Journeyman Csaba Toth einen Sieg ein, der an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig liess: Dennoch hielt sich die Begeisterung beim Publikum wie auch beim Lausanner selber in Grenzen. Obwohl er den bemitleidenswerten Toth nach sechs Runden ordentlich verprügelt hatte, schaffte es dieser, bis zum Schlussgong zu überleben.

Eine Offenbarung der besonderen Art war hingegen der Auftritt der erst 16-jährigen Juniorin Olivia Wilson: Die Einheimische boxt erst seit etwas mehr als einem Jahr. Aber der BC Nyon hat hier ganz eindeutig einen Rohdiamanten in seinen Reihen. Wilson walzte, ohne je brachial zu werden, ihre beileibe nicht inferiore Gegnerin aus Italien einfach nieder.

Das temperamentvolle Publikum in Nyon quittierte die Auftritte von Profis und Elitekämpfern gleichermassen mit Beifall. Überhaupt kamen die knapp 300 Boxfans in der gefüllten Salle Communale auf ihre Kosten, weil das Veranstalterteam um Daniel Bonito und Diego Gianini bei der mittlerweile zwölften Auflage ihres Meetings einmal mehr abendfüllendes Programm mit zwei Profi- und elf Amateur- bzw. Elitekämpfen bot. Einmal mehr bekamen zahlreiche Kämpfer aus dem eigenen Nachwuchs die Chance für einen Auftritt, darunter auch zwei Frauen. Dieser hohe Grad an lokaler Verankerung und Identifikation erklärt auch den einmal mehr grossen Publikumsaufmarsch.
 

Die Profikämpfe

Halbmittelgewicht

Stefano Ciriolo (RS Vernier) vs. Mladen Živkov (Serbien)

Ciriolo bestritt erst seinen dritten Kampf als Professional. Seine taktischen Fortschritte werden aber immer deutlicher. Während er als erfahrener Amateur immer wie die Feuerwehr loslegte und um jeden Preis Spektakel produzieren wollte, liess er es gegen Živkov etwas ruhiger angehen. So beschnupperte Ciriolo den serbischen Gast in der ersten Runde erst einmal und setzte gemächlich einzelne Punkttreffer zum Körper. Der Serbe war zwar mehrheitlich in der Fluchtbewegung, zeigte aber auch Nehmerqualitäten. Am Ende der dritten Runde hätten diese allerdings nichts mehr genutzt: Eine tolle Serie zum Körper schloss Ciriolo mit einem perfekten Leberhaken ab, Živkov musste zu Boden. Der Gong rettete ihn aber vor dem sicheren K.O. Die überdurchschnittliche Motorik und technische Klasse des Genfers blitzten nun regelmässig auf. Noch 2014 hätte er um jeden Preis das sofortige Ende erzwingen wollen. Jetzt trieb er den Serben noch zwei Runden durch den Ring. Ciriolo will nicht mehr mit brachialer Gewalt den Knockout erzwingen, sondern setzt nun auf kumulative Schlagwirkung. Živkov hatte zu keinem Zeitpunkt eine Chance und zeigte in sämtlichen Bereichen Defizite. Es nützte ihm auch nichts, dass er sich immer wieder weit vornüber beugte und vom ungehaltenen Ciriolo auch mit vertikalen Schlägen bedacht wurde.

In normaler Haltung konnte er den regelmässigen Salven des Genfers einfach nichts entgegenhalten, so dass Referee Schneeberger nach 1:48 in der fünften Runde den Kampf abbrach. Živkov war zwar nicht in akuter Gefahr, brachte aber nach dem Ermessen des Ringrichter nicht mehr den erforderlichen Verteidigungswillen auf. Eine überzeugende Vorstellung Ciriolos. Richtig glänzen wird er allerdings erst, wenn er auf einen Gegner trifft, der ihm athletisch und technisch Paroli bietet und alles von ihm fordert.
 

Juniorweltergewicht

Walid Abderrahman (Club Lausannois de Boxe, CH) vs. Csaba Toth (UNG)

Auch Abderrahman traf auf einen Mann mit grosser Kampferfahrung: Der Ungare Toth nimmt im Prinzip jeden Kampf an und hat sich auch schon mit Auftritten in der Schweiz einen Namen gemacht – nicht als spektakulärer Siegboxer, sondern als abgebrühter Verhinderer mit Stehvermögen. Und so präsentierte er sich auch gegen Abderrahman. Der landete zwar haufenweise Treffer, konnte aber den Ungaren bis zuletzt nicht fällen. Toth kann man immerhin zugute halten, dass er seine Kampfbörse ehrlich verdiente. Er blieb bis zuletzt stehen, wenn auch dank zunehmenden Klammereinlagen. Ein anderes Mal legte er sich gemeinsam mit Abderrahman nach einem Ringergriff um die Knie auf die Bretter. Der Kampf war keine Offenbarung, auch weil Abderrahman die zwar seltenen, aber doch vorhandenen Chancen nicht ergriff, den Ungarn mit weniger, dafür präzis aus der Halbdistanz gesetzten Händen auszuknocken. So liess er sich immer wieder auf den Infight ein, wo er Serien in die am Körper angelegten Arme des Gegners abfeuerte. Diese hatten zwar in der Summe zermürbende Wirkung, waren aber selten zwingend. Je mehr Toth blutete, desto ratloser wirkte Abderrahman. An der Deutlichkeit des Punkterichterurteils gab es aber nichts zu rütteln. Speziell das Verdikt von Betrand Bossel zeigt auf, wie unterlegen Toth in diesem Kampf war - und wie nahe daran, für seine Passivität vorzeitig aus dem Kampf genommen zu werden. Für einen Profi die Höchststrafe.

Die Wertungen der Punktrichter im Einzelnen:

Bertrand Bossel:                 60:46

Fabian Guggenheim            60:50

Corrado Corsi:                    60:51

 

Elite- und Amateurkämpfe
 

54 kg

Olivia Wilson (BC Nyon) vs. Matilde Bocciato (ITA)

Die einheimische Newcomerin hat alle Anlagen für eine erfolgreiche Karriere als Boxerin, obwohl sie erst seit Herbst 2013 boxt. Das zeigte sie auch im Kampf gegen ihre gleich schwere Gegnerin Bocciato, die durchaus auch ihre Qualitäten hatte. Wilson stieg zurückhaltend in den Kampf, den Jab wie einen Stachel nach vorn gerichtet. Den setzte sie nicht oft ein, aber immer durchdacht. Zur reifen Kampfanlage kommt eine ausgezeichnete Beinarbeit: Wilson bewegt sich hervorragend, behält die Gegnerin instinktiv immer in der richtigen Distanz. Auch wenn die Präzision der Schläge – mehr als verständlich für das Juniorinnenalter – noch nicht immer genügt, schliesst Wilson ausgelöste Angriffe mit Punkttreffern ab. Auch hier verfügt sie schon über überdurchschnittliche Vorzüge: In betontem Kontrast zu ihrem feingliedrigen Körperbau schlägt Wilson sehr hart zu Kopf und Körper. So erwischte sie Bocciato denn auch in der dritten Runde mit einem knackigen Leberhaken, den die Italienerin aber wegstecken konnte. Sie schlug bis zum Ende mit, sodass sich ein höchst animierter Juniorinnenkampf auf technisch überraschend hohem Niveau entwickelte. Wenn Wilson das von ihr angeschlagene boxerische Entwicklungstempo beibehalten kann, dann wird man sehr bald wieder von ihr hören – der BC Nyon hat hier seit einiger Zeit ein echtes Juwel unter seinen Boxerinnen und Boxern – bravo!
 

58 kg

Julien Calvete (BC Nyon) vs. Julien Baillifard (BC Martigny)

Der Einheimische ist bekannt für seinen Willen zum unbedingten Angriffsspektakel. Dass er dabei auch sich selber nie schont, zeigte sich im Fight gegen den tapferen Baillifard erneut. Dieser hatte sich sehr gut auf den erwarteten, permanenten Angriffswirbel Calvetes eingestellt und streckte immer einzelne Hände durch die Mitte zum Kopf des mit Schwingern über die Aussenbahnen anpreschenden Calvete. Der konnte zwar mit seinen permanenten Pendelbewegungen den Kontern Baillifards oft ausweichen, steckte aber aufgrund seines unbedingten Vorwärtsdrangs auch regelmässig ein. Calvete verfügt aber auch über grosse Nehmerqualitäten und steckte deshalb die vielen Konter scheinbar mühelos weg. In der zweiten Runde wurde Baillifard von den Angriffswellen zum ersten Mal fast erdrückt und musste angezählt werden. Der Gastboxer aus Martigny bewies aber Moral und liess sich bis zuletzt von Calvetes Pressing nicht klein kriegen. Im Gegenteil: Er schlug hartnäckig mit und erzielte insgesamt für den betriebenen Aufwand mehr Ertrag. Calvete hingegen spulte, so der Eindruck, seine Angriffschoreographie mitunter in eigentümlicher Losgelöstheit von den Bewegungen seines Gegners ab. Das war stellenweise etwas viel „art pour l’art“. Dennoch: der Mehrheitsentscheid (2:1) zu Calvetes Gunsten ging letztlich völlig in Ordnung, da er optisch doch deutlich überlegen war.
 

60 kg

Fisnik Shala (BC Nyon) vs. Daniel Rodriguez (ITA)

Auch dieser Juniorenkampf war, wie die Mehrheit der Begegnungen an diesem Kampfabend, von guter Qualität und attraktiv für das Publikum: Beide Junioren bewegten sich auf einem ahnsehnlichen technischen Niveau. Der Italiener schlug zu Beginn etwas härter, zeigte deutlicher seinen Willen, Kombinationen auszulösen und abzuschliessen. So gestaltete er den Kampf in den ersten zwei Runden insgesamt leicht überlegen. In der dritten Runde kam aber Shala auf und schlug erfolgreiche Konter. Ob er am Ende den Kampf tatsächlich – so das Verdikt – mit 3:0 Richterstimmen für sich entscheiden konnte, liegt wohl im Auge des Betrachters. Wichtiger war aber, hier mit zu verfolgen, auf welchem taktischen Niveau und mit welcher Disziplin die Jünglinge ans Werk gingen. Sie liessen sich zu keinem Zeitpunkt zu unüberlegten Aktionen hinreissen, sondern schlugen ihr Repertoire. Rodriguez war eher als Angriffsboxer unterwegs, Shala hingegen ist ein agiler Konterboxer, der seine leicht überlegene Reichweite gegen Ende zunehmend in Punkte ummünzen konnte. Speziell seine präzisen Uppercuts schlugen immer öfter im Ziel ein. Und bei alledem blieb der Kampf, trotz vereinzelt aufblitzender Hitzigkeit, insgesamt sehr fair.
 

64 kg

Arber Ibishi (BC Nyon) vs. Federico Marcon (ITA)

Ein seltenes Ereignis im Amateurboxen: Der Kampf zwischen Lokalmatador Ibishi und dem Gast aus Italien war nach 2:55 in der ersten Runde schon zu Ende, nach einem lupenreinen K.O.! Vorangegangen war aber eine eindrückliche Demonstration Ibishis. Der hatte Marcon tatsächlich dreimal zu Boden geschickt, zweimal mit blitzsauberen und knallharten Leberhaken. Ein in jeder Hinsicht beeindruckender Auftritt: Der fürs Limit unglaublich hart schlagende Ibishi bereitete seine Abschlüsse gegen den bedauernswerten Italiener immer mit lehrbuchmässigen Kombinationen vor. Dass er am Ende den richtigen Schlag mit chirurgischer Präzision setzte, zeugt von grosser Klasse. Die einheimischen Fans waren von dieser, wenngleich kurzen, Vorstellung zurecht restlos begeistert. Verständlich, wenn sich Ibishi anschliessend auf die Seile kletterte, um sich feiern zu lassen.

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