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Der Preisboxer

Der Preisboxer - Salamo Arouch, der seinen Fäusten das Leben verdankte, ist 91-jährig gestorben

10.05.2009 - Moralisch war das, was er tat, anfechtbar. Doch Moral war in jenen Zeiten wenig wert. Er wollte nur überleben wie andere auch.

Zweifellos war er ein guter Boxer. «Sie nannten mich Ballerina, wegen meiner Fussarbeit», berichtete er.

Nach jenen Angaben, die am glaubwürdigsten scheinen, war er 1918 geboren in der nordgriechischen Hafenstadt Thessaloniki. Als Salamon Arouch, den letzten Buchstaben des Vornamens strich er später. Die Mutter zog 5 Kinder auf. Der Vater, ein Fischer und Hafenarbeiter, brachte ihm das Boxen bei, was der Sohn, der zwar von schmächtiger Postur war, aber kräftig, und der ebenfalls im Hafen sein Geld verdiente, sehr liebte. Fäuste konnte man immer gebrauchen.

Mit 14 bestritt er seinen ersten öffentlichen Kampf. Und er schaffte es – wie das Fachlexikon boxrec.com berichtet –, bei den Amateur-Junioren Mittelgewichts-Meister für Griechenland und den Balkan zu werden. Kurz vor dem Krieg, bevor Griechenland von den Truppen Italiens angegriffen und dann von der deutschen Wehrmacht überrollt wurde. Über Thessaloniki brach die Nacht herein. Arouch, mittlerweile Soldat, wurde verhaftet und im Mai 1943 samt seinen Eltern, dem Bruder und den drei Schwestern in einen Güterwagen verladen.

In Thessaloniki lebten 57 000 sephardische Juden (deren Vorfahren aus Spanien vertrieben worden waren). Die Gemeinde sollte in wenigen Monaten auf 2000 schrumpfen.

Der Transport ging Richtung Polen. In Auschwitz-Birkenau wurden Schwestern und Mutter gleich weggeführt. Salamo hatte die ganze Nacht zu stehen, wurde rasiert und erhielt die Nummer 136954 auf den Arm tätowiert. «Wo sind die andern?», fragt er am Ende dieses Horrortages einen Bekannten aus Saloniki. «Vergast und verbrannt», antwortet der.

Da war ein kommandierender SS, erinnerte sich Arouch, der seinen Spass haben wollte in diesem öden Lager. «Sind Boxer oder Ringer da?», fragt er die Neuankömmlinge. Und einer, der Arouch kennt, stösst ihn von hinten, du doch. Da streckt Arouch auf, zum Erstaunen des Offiziers, dass einer mit so geringer Postur sollte boxen können. «Bist du bereit, jetzt gleich zu kämpfen» – jetzt gleich, nach dieser Nacht und mit diesem Hunger? Arouch sagt Ja. Es war der Entscheid seines Lebens.

Mit dem Stecken wird ein Ring in den Boden gezeichnet. Der Offizier spielt den Schiedsrichter. Als Gegner muss ein polnischer Jude namens Chaim antreten, der öfters schon hier geboxt hat. Und Arouch siegt in der dritten Runde durch K. O.

«Du gut», sagte der Offizier. Fortan war Arouch sein Lieblingsboxer, der wöchentlich zwei-, dreimal anzutreten hatte in einer rauchgeschwängerten Lagerhalle, die als Sporthalle und Festhütte diente und wo jeden Mittwoch und Sonntag Boxkämpfe stattfanden zum Amüsement der Uniformierten und ihrer Frauen. Im Vorprogramm jonglierende Zigeuner und tanzende Hunde. Dann die Boxer, auf die man wettete. «Wie bei Hahnenkämpfen.» Die Regeln sind einfach: Der Kampf dauert, bis einer am Boden liegt und die SS genug Blut gesehen haben. Der Sieger wird mit einem Laib Brot oder Arbeitserleichterung belohnt. Dem Besiegten wartet die Gaskammer, wie allen Häftlingen, die körperlich geschwächt sind.

Der KZ-Preisboxer Arouch wog etwas über 60 Kilo. Seine Gegner kamen aus allen Gewichtsklassen. Einen 110-Kilo-Brocken, Boxer aus dem Volk der Roma, fällte er in Sekunden. Er musste. Eine Niederlage, und er wäre tot. Als Arouch, der eben eine Ruhr-Erkrankung durchgemacht hatte, zweimal nur ein Unentschieden herausholte, wurde er doch am Leben gelassen, der Gegner auch.

208 Kämpfe, wie er sich erinnern sollte, bestritt er, mochte er auch Gewissensbisse haben, dass er andere in den Tod schickte. Mitleidvoll teilte er sein Preisgeld-Brot mit andern Gefangenen. Eineinhalb lange Jahre überlebte er so. Bis angesichts der vorrückenden russischen Armee das Lager Auschwitz aufgelöst wurde.

Vergeblich suchte Arouch, befreit vom Schrecken, in andern Lagern nach Überlebenden seiner Familie. Er fand ein 17-jähriges Mädchen aus Thessaloniki, das er in Obhut nahm und später heiratete. In Israel, wohin er nach der Barbarei geflohen war, begann er noch eine Profi-Karriere, doch war er nicht mehr gut genug. Seine Fäuste seien zerschmettert und verstümmelt gewesen. Zu Erfolg kam er doch, durch die Gründung einer Firma für Schiffstransporte.

Noch einmal kehrte er nach Polen zurück. Als ein Regisseur einen Film drehte über einen Boxer, der im KZ überlebt hatte – sein Leben oder nahezu seines. Arouch war bereit, als Berater mitzuwirken. Der «Triumph des Geistes» kam 1989 heraus. Ein Schauspieler, der einen Häftling darstellte, sagte zu einem Reporter: «Ich bin sicher, Sie würden dasselbe tun wie der Boxer. Und ich würde dasselbe tun.» Willi Wottreng © NZZ am Sonntag

 

 

 


 

 

 




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