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Boxpionier James Figg: Der wahre Muhammad Ali



Von Joachim Telgenbüscher, SPIEGEL ONLINE


Der Pionier des modernen Boxsports ist ein kahlköpfiger Analphabet aus London: Vor fast 300 Jahren stieg James Figg zum ersten englischen Schwergewichtschampion auf. Er wird zum Held eines brutalen Kampfes, der noch keine Regeln kennt.

James Figg, Jahrgang 1684, geboren in Thame (Oxfordshire), wurde als junger Mann von einem britischen Adeligen entdeckt, nach London geholt und machte sich dort als Kämpfer, Trainer und Promoter einen Namen. 1992 - mehr als 250 Jahre nach seinem Tod - wurde Figg in die "International Boxing Hall of Fame" aufgenommen.

Auf der hölzernen Galerie, hoch über den Köpfen von Tausend besoffenen Londonern, schwitzen die Parlamentarier unter ihren gepuderten Perücken, gleich neben den Dichtern der Stadt und Damen in Korsetten aus Walfischbein. Selbst der Premierminister hat sich in einer Sänfte nach Marylebone tragen lassen. Einem Dorf am Westrand der britischen Metropole, berühmt für seine luftigen Gärten, sommerlichen Konzerte und gepflegten Prostituierten. Heute sind die Menschen gekommen, weil sie Blut sehen wollen.

Am 6. Juni 1727 ist Kampftag im "Boarded House", der wichtigste in der Geschichte dieses aus Brettern zusammengenagelten Amphitheaters. Auf einer Plattform in der Mitte des Raumes - hell erleuchtet von der Vormittagssonne, die durch das Oberlicht fällt - steht der einzige Mann, der Politiker, Poeten und den Pöbel gleichermaßen begeistert: James Figg. Unternehmer und Analphabet, Prinzenfreund und Jahrmarktsschläger, Boxtrainer und erster Schwergewichtschampion des Vereinigten Königreichs, wenn nicht sogar der ganzen Welt.

Ein weites Leinenhemd bedeckt seinen massigen Körper, ein blaues Band windet sich um seinen rechten Oberarm. Den Schädel, wuchtig wie eine Kanonenkugel, hat Figg sich glatt rasieren lassen, damit jeder schon von Weitem die Narben aus über 200 Kämpfen sieht. Gewonnen hat er sie alle. Bis auf einen.

Ein paar Jahre ist es her, dass ihn Ned Sutton besiegt hat. Krank sei er gewesen, hat sich der Meister nach der Niederlage gerechtfertigt und Rache geschworen. Einmal hat er sich bereits revanchiert, heute soll sich endgültig entscheiden, wer der Beste im Land ist: Figg, der Liebling Londons oder Sutton, der hagere Pfeifenmacher aus der Provinz.

Die Menge ächzt

Acht Minuten prügeln sie schon mit nackten Fäusten aufeinander ein. Kein Ringrichter stoppt sie, keine Regel hält sie zurück. Es ist "bare-knuckle fighting", ein Kampf ohne Schutz und Regeln. So brutal, dass er strenggenommen gegen die Gesetze seiner Majestät verstößt. Aber seine Majestät, der alte Hannoveraner Georg I., ist selbst ein Fan. Und in London, dieser "blutrünstigen Geliebten der Abscheulichkeit", wie es ein zeitgenössischer Kirchenmann einmal schreibt, ist sowieso alles geduldet, was Geld einbringt und ein Spektakel verspricht.

Für den ersten Aufschrei in der überfüllten Arena sorgt Sutton: Er schnellt nach vorn, schlägt aber nicht zu, sondern packt Figgs Rumpf und schleudert ihn auf die Planken des Ringes. Die Menge ächzt, aber der Meister ist sofort wieder auf den Beinen und stößt nun seinerseits Sutton von den Füßen. Der wirkt benommen, als er aufsteht. Eine Finte. Ansatzlos versetzt er kurz darauf seinem Gegner einen gewaltigen Schlag gegen die Brust.

Figg taumelt, prallt gegen die hölzerne Balustrade, stürzt hinunter - und fällt doch nicht zu Boden. Ein Dutzend schmutziger Hände fängt ihn auf und schiebt ihn wieder auf das Podest. James Figg, Champion von England, kriecht zurück in den Ring, der Kampf geht weiter, und das Publikum gröhlt.

Da gibt irgendjemand in diesem Chaos ein Signal, dem die Masse nur zu gern gehorcht: 15 Minuten Pause. Und Portwein. Von der Galerie werden Flaschen mit dem beliebtesten Getränk der Saison hinuntergereicht und die Menge, die sich um den Ring drängt, trinkt es wie Bier. Auch die schnaufenden Kämpfer nehmen wohl einen tiefen, süßen Schluck.

Fast zwei Jahrzehnte ist es her, dass der Earl of Peterborough, ein alter Soldat und Förderer des Sports, Figg entdeckte. Auf einer Wiese in seinem Heimatdorf Thame rund 60 Kilometer flussaufwärts von London präsentierte der junge Kämpfer damals seine Künste.

Über seine Jugend ist wenig bekannt. Nur: Sie muss hart gewesen sein. Figg, geboren im Jahr 1684, wächst als jüngstes von sieben Kindern einer armen Bauernfamilie auf. Später tingelt er als Preisboxer über die Jahrmärkte der Gegend und versucht, übermütige Passanten zu einem Kampf und einer Wette zu überreden: "Hier bin ich, Jimmy Figg aus Thame, ich kämpfe gegen jeden Mann in England!" Wenn sich mal niemand traut, dann jongliert er in seiner Bude mit Knüppel, Stöcken und Schwertern.

"Meister der edlen Wissenschaft der Verteidigung"

Die Begegnung mit dem Earl ändert sein Leben radikal. Figgs adeliger Gönner nimmt ihn mit nach London und leiht ihm Geld, um auf den Feldern im Nordwesten der Stadt eine eigene Kampfschule zu gründen. Kunden für diese "Akademie der Waffen", wie Figg den Club tauft, gibt es genug. Die ersten Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts sind eine Epoche des Booms. Nach Bränden, Pestepidemien und Revolutionen nimmt Englands Aufstieg zur Weltmacht an Tempo auf. Und mit dem Vermögen von Bürgern und Adeligen wächst auch ihre Langeweile.

Die junge Elite der Stadt zahlt viel Geld, um sich von Figg verprügeln zu lassen. Genauer gesagt: vom "Meister der edlen Wissenschaft der Verteidigung", wie er sich seit 1714 nennt. Dabei bereitet Figg seine Schüler nicht nur auf die "Probe der Männlichkeit" - das Boxen - vor, sondern auch auf die beim Publikum besonders beliebte "Probe des Könnens", einem Dreikampf mit Schwert, Faust und Knüppel.

Figg nimmt keine Rücksicht und ist vielleicht gerade deshalb so erfolgreich. Wer zu ihm kommt, lernt Kampfsport, kein Hobby für verweichlichte Gentlemen. "Ich habe mein Wissen mit einem zertrümmerten Kopf und blauen Flecken an allen meinen Körperteilen erkauft", schreibt einer seiner adeligen Schüler. Figg sei "der fähigste Meister und von einem ruppigen Temperament", der niemanden verschone, "egal ob hochgeboren oder von niederem Stand" .

Eigentlich ist der Coach ein begabterer Fechter als Faustkämpfer. Doch nutzt er dieses Wissen geschickt, um auch seine Boxtechnik zu verbessern - und den Sport dadurch zu revolutionieren. Er ist der erste, der der brutalen Prügelei irischer Arbeiter etwas Finesse verleiht. Figg setzt nicht mehr auf blinde Angriffe, sondern pariert Schläge und wagt flinke Konter.

Schon bald ist er so gut im Geschäft, dass er umzieht und nördlich der späteren Oxford Street ein eigene Halle errichtet: das "Boarded House". Dort ist er Promoter und Kämpfer in einem. Jeden Mittwoch organisiert er blutige Schauspiele für die vergnügungssüchtigen Londoner: Er lässt Frauen gegeneinander antreten, Bären von Hunden zerfleischen - und steigt immer wieder selbst in den Ring, schlägt nordenglische Soldaten genauso wie irische Schreiner.

Ruppiger Figg begeistert die Menschen

Ab 1719 lässt er sich schließlich als "Champion of England" feiern. Ein Titel, den der schlaue Vermarkter vermutlich selbst für sich erfunden hat. Seine Visitenkarte entwirft William Hogarth, der berühmteste Maler seiner Zeit. Sie zeigt Figg im Ring des vollbesetzten "Boarded House" mit einem Schwert in der Hand.

Die Londoner sind vom ruppigen Figg begeistert. Die Menschen der Stadt lieben das Spektakel und die Gewalt. Selbst bei den öffentlichen Hinrichtungen, die achtmal im Jahr stattfinden, ist nicht klar, wem sie mehr dienen: der Gerechtigkeit oder der Unterhaltung. Figg kennt den Geschmack seiner Gäste. Und er weiß, was er noch braucht, damit sein Name unsterblich wird: Ein großes Match. Ein Duell der Titanen.

Er findet seinen Gegner in Ned Sutton. Vielleicht hat es sich wirklich so zugetragen, wie ein Dichter später behauptet:

"To the towns, far and near, did his valour extend
And swam down the river from Thame to Gravesend
Where lived Mr. Sutton, pipe-maker by trade
Who hearing that Figg was thought such a stout blade
Resolved to put in for a share of his fame
And so sent to challenge the champion of Thame."

Angeblich ist Figgs Ruhm mit dem Strom der Themse nach Osten gewandert, bis zum verschlafenen Küstenstädtchen Gravesend und hat dort den Ehrgeiz des jungen Pfeifenmachers geweckt. Eines ist sicher: Sutton ergreift die Chance, als sie sich bietet. Und so wird "Figg vs. Sutton" die erste große Boxserie der Geschichte.

Er ist der bessere Boxer. Aber leider der schlechtere Trinker.

Den entscheidenden dritten Kampf plant Figg dabei als "Probe des Könnens" - wohl auch, um seine eigenen Stärken optimal auszuspielen. Als Sutton und er die Fäuste an diesem 6. Juni 1727 gegeneinander erheben, haben sie den Schwertkampf schon hinter sich. Dreißig Minuten haben sie gefochten - bis Blut floss. Einmal sah es so aus, als würde Figg diese Runde verlieren, doch die Wunde an seinem Arm hatte er sich im Kampfgetümmel versehentlich selbst zugefügt. Dann traf er Sutton an der rechten Schulter. Dicke Bluttropfen fielen auf die Planken. Eins zu null für Figg.

Suttons Chancen stehen immer noch gut. Er ist der bessere Boxer. Aber leider der schlechtere Trinker.

Der Portwein scheint Sutton nicht zu bekommen. Nachdem der Kampf wieder begonnen hat, gewinnt Figg allmählich die Überhand. Schlag um Schlag trifft den Pfeifenmacher. Doch Sutton gibt nicht auf. Erst als ihn Figg mit einer Geraden gegen die Brust zu Boden schickt, auf seinen Oberkörper springt und ihn mit beiden Armen niederdrückt, unterwirft er sich: "Genug. Du bist ein tapferer Bursche und mein Meister." Zwei zu null für Figg.

Den Gesamtsieg kann Sutton nicht mehr holen, aber er will wenigstens seine Ehre verteidigen. Und hat das Publikum nicht für drei Runden bezahlt? So stellen sich die beiden Kontrahenten noch zum Stockkampf in den Ring. Es ist nicht ohne Grund Figgs stärkste Disziplin: Mit einem gewaltigen Schlag zertrümmert er kurz darauf Suttons Kniescheibe. Sein Gegner versucht noch aufzustehen. Vergeblich. Das Duell ist vorüber und Figg bleibt Champion. Er wird nie wieder in seinem Leben einen Kampf verlieren.

Und Sutton? Der kehrt nicht etwa nach Gravesend zurück, sondern schließt sich der Entourage von Figg an. Vielleicht, weil einige Monate nach dem Zweikampf eine Feuersbrunst seine Heimatstadt vernichtet, wahrscheinlicher aber ist, dass er ahnt, wie viel er von Figg noch lernen kann. Vor allem, was das Geschäftliche angeht. Denn in den letzten Jahren seiner Karriere wird Figg vor allem als Unternehmer brillieren.

Drei Jahre nach dem Kampf gegen Sutton gibt er seine Laufbahn ganz auf und konzentriert sich fortan auf seine Rolle als Promoter. Seinen erfolgreichsten Fight, das erste internationale Boxduell der Geschichte, organisiert er 1733: Er findet einen Gegner für den italienischen Gondoliere Tito Alberto di Carini, der angeblich eine Spur gebrochener Kiefer durch England gezogen hatte. So stark sei sein Protégé, rühmt sich Figg, dass der Fremde ihn auch dann nicht besiegen könnte "wenn er einen Schmiedehammer mit in den Ring bringen" würde. Die Geschichte "fieser Ausländer" gegen "ehrlichen Brite" zieht die Massen an. Und diesmal kommt sogar der König. Figg ist nicht länger nur der Coach der besseren Gesellschaft, er gehört dazu.

"Was habe ich getan? Ich habe ihn getötet."

Wenig später übernimmt einer seiner Schüler die Akademie, doch zu Figgs wahrem Erbe wird Jack Broughton, den er ebenfalls ausgebildet hat. Der kluge Handwerker von der Südküste aus Westengland, deutlich kultivierter als Figg, gründet seine eigene Kampfschule und steigt dort sogar gegen den Sohn des Monarchen in den Ring.

Die Geschäfte des neuen Champions laufen gut, bis ein einziger Kampf sein Leben verändert - und auch die Geschichte des Boxens: 1741 kämpft Broughton gegen einen gewissen George Stevenson. Die ersten zwei Runden dauern eine halbe Stunde. Obwohl bald schon das Blut über Stevensons Gesicht rinnt, weigert er sich aufzugeben. Schließlich landet Broughton einen Treffer unterhalb des Herzen. Stevenson bricht zusammen. Schockiert beugt sich Broughton über ihn und fragt "Guter Gott, was habe ich getan? Ich habe ihn getötet." Der Todeskampf seines Gegners dauert noch einen guten Monat. Broughton besucht ihn jeden Tag, die beiden werden Freunde. Am Ende stirbt Stevenson in Broughtons Armen.

Es ist jener Moment, an dem auch die alte Welt des "bare-knuckle fighting" zu sterben beginnt. Denn Broughton ist so geschockt, dass er zwei Jahre später die ersten Kampfregeln veröffentlicht. So verbietet er unter anderem das "purring", also das Prügeln eines Gegners, wenn dieser am Boden liegt. Außerdem schreibt er den Kämpfern eine Zwangspause vor, wenn jemand niedergeschlagen wurde. Und er führt Handschuhe ein - zumindest im Training.

Broughtons Regeln sind der erste Schritt, der aus einem Gemetzel einen Sport macht. Sie werden bis 1838 gelten. Die Ära der blutigen Anfänge, die James Figg wie kein zweiter Kämpfer geprägt hat, ist vorüber. Das Goldene Zeitalter des Boxens kann beginnen.

Der Meister selbst ist da schon nicht mehr am Leben. Als er am 8. Dezember 1734 im Alter von 50 Jahren starb - möglicherweise an den Spätfolgen seiner zahlreichen Kämpfe -, berichteten sämtliche Zeitungen der Stadt. Ein Journalist schrieb: "Am letzten Samstag fand ein Probe des Könnens statt, zwischen dem unbesiegten Helden Tod auf der einen Seite und Mr. James Figg, dem berühmten Preiskämpfer und Meister der edlen Wissenschaft der Verteidigung auf der anderen. Die Schlacht wurde von beiden Seiten hartnäckig geschlagen, aber schließlich errang Ersterer einen vollständigen Sieg und Letzterer - obwohl er sich einem überlegenen Feind beugen musste - zog sich furchtlos und trotzig zurück und starb an diesem Abend in seinem Haus in der Oxford Road."

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch "Knockout: Das Leben ist ein Kampf. Die 20 besten Geschichten vom Boxen" von Takis Würger (Herausgeber).

Zum Autor

Joachim Telgenbüscher, Jahrgang 1981, ist Redakteur beim Geschichtsmagazin "Geo Epoche". Als Student an der Universität Cambridge hat er vier Jahre in James Figgs Heimat gelebt. Geboxt hat er nicht.




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