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Wenn das Hobby den Tagesablauf diktiert

Von Adrian Ruch

Die Bernerin Nicole Boss bereitet sich während 14 Wochen intensiv auf den wichtigsten Kampf in ihrem Leben vor. Am 25. April wird sie in Bümpliz gegen die beste Faustfechterin der Gegenwart um den WM-Titel kämpfen.


Bild: Raphael Moser
 

Den Heimvorteil erkauft

Nachdem sie den EM-Titel zweimal verteidigt hatte, wurde Nicole Boss vom Verband World Boxing Council zur Pflichtherausforderin für Leichtgewichts-Weltmeisterin Delfine Persoon bestimmt.

Als die Bernerin sich bereit erklärte, zum Duell mit der Belgierin anzutreten, begannen die Verhandlungen um Austragungsort und Gagen. Die Parteien konnten sich nicht einigen, worauf der WBC ein verdecktes Bietverfahren anordnete. Boss’ Manager Sascha Müller überbot die belgische Offerte um 3600 Euro und erhielt den Zuschlag.

65 Prozent des Betrags, der sich im Bereich von 40'000 bis 50'000 Franken bewegen dürfte, erhält die Championne, den Rest die Herausforderin – zumindest theoretisch. Denn Boss bekommt gar nichts. Das Geld benötigt Müller, Besitzer der Box Academy Bern, um den Event vom 25.April zu veranstalten. Die Durchführung des WM-Kampfs ist finanziell ein Kraftakt. «Ich musste jede Zitrone auspressen», sagt Müller.

Obwohl Müller die Ticketpreise gegenüber früheren Veranstaltungen um 20 Franken angehoben hatte, waren die 400 verfügbaren Eintrittskarten innert weniger Tage ausverkauft. Die Nachfrage ist deutlich grösser als das Angebot. Mit einem Lokalwechsel hätte Müller den Umsatz erheblich steigern können. «Aber der Sternensaal in Bümpliz ist unsere Heimat, unsere Kirche – dort wollen wir diesen WM-Titel holen.» Sascha Müller und Nicole Boss hoffen, dass der Heimvorteil eine entscheidende Rolle spielen wird. «Ich werde mich an nichts gewöhnen müssen, Persoon hingegen muss ihren heimischen Garten verlassen. Sie ist bisher noch nie ausserhalb Belgiens angetreten», meint Boss.

Und der Manager erzählt, die Ambiance im Sternensaal habe «etwas Furchterregendes». Vor dem Titelfight werden elf Amateurkämpfe ausgetragen, wobei die Athleten der Box Academy gegen Vertreter einer italienischen Staffel antreten.ar

2013, wenige Tage vor Weihnachten, wurde Nicole Boss Europameisterin im Leichtgewicht. Nach zwei geglückten Kämpfen als Titelverteidigerin hat sie diesen prestigeträchtigen Titel niedergelegt, freiwillig. Die Bernerin hat nicht etwa die Lust am Boxen verloren – im Gegenteil: Sie strebt nach Höherem. Am 25.April will sie im Sternensaal Bümpliz Weltmeisterin des Verbandes WBC werden. Der Kampf wird zur ultimativen Herausforderung, denn Titelhalterin Delfine Persoon gilt als Beste ihres Fachs.

Die «unbestechliche» Rangliste von Boxrec.com, die ein ausgeklügeltes Computerprogramm aufgrund der Resultate und der Qualität der Gegnerinnen errechnet, weist die Belgierin (1 Niederlage, 32 Siege, die letzten 23 in Folge) als Nummer 1 aus, nicht nur im Leichtgewicht, sondern überhaupt im Frauenboxen. Um für ihren wichtigsten Kampf gerüstet zu sein, absolviert Boss neben gut 42 Arbeitsstunden pro Woche ein Trainingsprogramm, das manch gut bezahlten Fussballprofi vor Scham erröten liesse. Diese Zeitung hat die 1,70 m grosse und 61 kg schwere Sportlerin am Dienstag nach Ostern begleitet:

5:15 Uhr: In der Wohnung von Nicole Boss und ihrem Gatten Stefan Künzi schrillt der Wecker. Die Boxerin steht zügig auf. Hunger hat sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Sie packt rasch ihre Sachen und setzt sich ins Auto.

6:00 Uhr: Nicole Boss liegt im physiotherapeutischen Institut Olivari bereits auf dem Massagetisch. Der Chef, Michel Olivari, legt selber Hand an. Einerseits gehe es um das Lockern der Muskeln, anderseits darum, frühzeitig gesundheitliche Probleme zu antizipieren und allenfalls Massnahmen einzuleiten, erklärt Boss.

An diesem Morgen – die Boxerin hat ein verlängertes Wochenende mit vielen Sparringrunden in Karlsruhe hinter sich – muss Olivari einige Verhärtungen herausmassieren, die 35-Jährige daher ab und zu auf die Zähne beissen.

7:10 Uhr: Nicole Boss betritt den Hauptsitz der Schweizerischen Post an der Viktoriastrasse, wo sie als Direktionsassistentin tätig ist. Auf dem Weg ins Büro kauft sie sich in der Kantine eine Tasse frisch aufgegossenen Tee und ein Vollkornbrötchen. Während der Computer hochfährt, isst und trinkt die Sportlerin, die sich auf den WM-Kampf im Leichtgewicht vorbereitet.

Dann beginnt sie mit der Arbeit. «Den grössten Teil meiner Zeit im Büro verbringe ich am PC», sagt Boss. In der Znüni-Pause genehmigt sie sich einen Fruchtsaft sowie ein weiteres Brötchen. Die 35-Jährige schreibt Protokolle, koordiniert Termine, bereitet Präsentationen vor und erledigt allerlei Administratives. «Ich bin der Dreh- und Angelpunkt unseres Bereichs.»

10:30 Uhr: Nicole Boss taucht in der Box Academy Bern auf. Die wenigen Anwesenden begrüsst sie alle mit Vornamen. Ihr Trainer, Vito Rana, absolviert mit einem Hobbyboxer eine Pratzeneinheit. Normalerweise stünde nach dem Aufwärmen für Boss ein Intervalltraining auf dem Programm: 20 Serien hochintensiver Übungen – jeweils wie im Ring 2 Minuten Belastung, aber statt 1 Minute nur 45 Sekunden Pause. Überwacht wird das Ganze meistens von Stefan Künzi – doch von Ehekrach keine Spur.

«Die Zusammenarbeit klappt erfreulich gut, weil wir dasselbe Ziel haben. Er will mich weiterbringen, nicht quälen», erzählt Boss. Wegen des anstrengenden Osterwochenendes sieht der Plan ihres Gatten zwecks Regeneration für einmal nur ein Ausdauertraining mit relativ tiefem Puls vor. Manager Sascha Müller erkundigt sich derweil bei seinem Aushängeschild, wie es in Deutschland gelaufen sei und was am Abend anstehe. Boss beantwortet die zweite Frage mit einem Augenzwinkern: «Ich darf wieder einmal Männer verprügeln.»

13:00 Uhr: Nicole Boss ist zurück im Büro. Obwohl sie den Status einer Berufsboxerin hat und erfolgreich ist, bringt ihr der Sport finanziell nichts ein. «Meine Brötchen verdiene ich mit dem Job bei der Post.» Auf dem Pult steht nun nicht nur ein Computer, sondern auch ein Plastikgeschirr, gefüllt mit Poulet, Reis und Gemüse.

Während sie arbeitet, isst sie ab und zu eine kleine Portion des selber zubereiteten Menüs. Boss vermeidet «ganz ungesunde Nahrungsmittel», doch sonst achtet sie nicht speziell auf die Ernährung. Weil sie im Training viele Kalorien verbrennt, hat sie trotzdem nie Mühe, die Gewichtslimite von 61,235 kg einzuhalten.

17:30 Uhr: Nach einer kurzen Autofahrt kommt Nicole Boss zu Hause an. Zeit zum Entspannen bleibt ihr allerdings kaum. Rasch füllt sie die Trommel der Waschmaschine und programmiert den Waschgang – und schon muss sie wieder abrauschen.

Nicole Boss trifft an diesem Dienstag zum zweiten Mal im Boxkeller ein, in dem neben diversen Pokalen und dem von Boss gewonnenen EM-Gürtel auch die mit einer Unterschrift versehenen Boxhandschuhe, die Schwergewichtschampion Wladimir Klitschko beim WM-Fight in Bern trug, ausgestellt sind. In der Box Academy herrscht nun reger Betrieb. Auf einem Crosstrainer bringt Boss ihren Kreislauf in Gang, danach malträtiert sie vor einem Bild von Muhammad Ali konzentriert einen schwarzen Boxsack.

Dann steigt sie, die sagt, das seriöse, gut aufgebaute Training sei das A und O, zum Sparring in den Ring. Die Runden dauern wie im Wettkampf 2 Minuten, die Pausen aber nur 35 Sekunden. Die Belastung soll mindestens so hoch sein wie im Ernstfall, wenn auch der psychische Druck an der Substanz zehrt.

Boss’ Sparringpartner sind zwar Amateure, aber alles Männer und dadurch grösser sowie schwerer. «Sie haben sich bezüglich Schlaghärte gut im Griff», lobt die 35-Jährige, fügt aber an, dennoch spüre sie die Treffer. «Um diesen Sport ernsthaft zu betreiben, muss man der Nehmertyp sein.» Am Ende zieht Boss trockene Kleider an und trinkt einen stark kohlehydrat- und eiweisshaltigen Shake, «damit die Energiespeicher gleich wieder aufgefüllt werden».

20:30 Uhr: Nicole Boss ist wieder daheim, das Tagwerk ist vollbracht. Trotzdem bleibt keine Musse für einen gemütlichen TV-Abend. Nach einer erfrischenden Dusche muss die ambitionierte Boxerin die Wäsche aufhängen. «Der Fernseher läuft höchstens nebenbei», erzählt sie. Gemeinsam mit ihrem Mann, der gleichzeitig ihr Konditionstrainer ist, nimmt Boss noch das Abendessen ein.

Es gibt nichts Exklusives; auf dem Tisch stehen Joghurt mit Früchten und Brot. Kurz vor 22 Uhr sinkt Boss müde ins Bett; es war ein langer, intensiver Tag. Immerhin weiss sie, dass der Wecker am Mittwoch sie «erst» um 5.30 Uhr aus dem Schlaf reissen wird. Denn die Massage in Bümpliz steht nur am Dienstag auf dem Programm.

Der Aufwand, den Nicole Boss betreibt, ist enorm. Die Bernerin trainiert auch sonst täglich, doch in der unmittelbaren Kampfvorbereitung, die jeweils mindestens 10 Wochen dauert, ordnet sie dem Boxen alles unter. Zwölf Einheiten absolviert sie wöchentlich, zuweilen reist sie an den Wochenenden nach Karlsruhe, um mit Frauen Sparringrunden bestreiten zu können. All diese Opfer bringt sie «schlichtweg aus Freude am Sport. Das Boxen hat für mich einen grossen emotionalen Wert: Ich habe im Sport schon etliche wunderbare Momente erlebt und viele Freundschaften geschlossen.»

Boss ist durchaus etwas eitel, trotzdem schrecken sie selbst mögliche Verletzungen nicht ab. Nach dem letzten, knapp gewonnenen EM-Kampf gegen die Französin Myriam Dellal war die Bernerin im Gesicht stark gezeichnet. Mittlerweile sind die Wunden verheilt, und Nicole Boss fürchtet sich nicht, gegen Delfine Persoon um den WM-Titel zu kämpfen. «Es ist klar, ich spiele nicht Mikado oder Minigolf – doch wer gut vorbereitet ist, bei dem ist die Angst im Kampf nicht präsent.» (Berner Zeitung)

 




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