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Boss im Ring

Die Bernerin Nicole Boss will vor heimischer Kulisse die zweite Schweizer Box-Weltmeisterin werden

Am Samstag kämpft Nicole Boss um den WBC-WM-Titel im Leichtgewicht. Obschon ihre Gegnerin als eine der Besten im Frauenboxen gilt, rechnet sich die Bernerin Chancen aus.

Walter Rüegsegger, Bern, Neue Zürcher Zeitung vom 24.04.2015

Links, rechts, links, rechts: Die drei ersten Schläge gehen in die beiden Pratzen, die der Trainer Vito Rana vor seinem Kopf hält. Dann bewegt er das rechte Schlagpolster blitzschnell nach unten, wo der vierte Schlag von Nicole Boss hart trifft. «Delfine boxt recht offen und deckt ihren Körper nur ungenügend. Deshalb haben wir im Training viel an den Körperschlägen gearbeitet», sagt die 35-jährige Nicole Boss nach der Schlagschule. Diese dauerte zehn mal zwei Minuten. Also genau so lange wie der WM-Kampf im Leichtgewicht (Limite 61,235 kg), in dem Nicole Boss morgen Samstag in Bern gegen die Belgierin Delfine Persoon antritt.

Bild: Christoph Ruckstuhl


Am Karriere-Höhepunkt

Nicole Boss kennt ihre Gegnerin bestens. Vor vier Jahren boxte sie in Lichtervelde (Belgien) gegen Persoon um den EM-Titel. Auf den Richterblättern war das Verdikt klar: Die Bernerin verlor mit zwei Mal neun und einmal zehn Punkten Differenz. «Der Kampf war ausgeglichener, als das Ergebnis vermuten lässt», sagt Nicole Boss heute. Rückblickend bezeichnet sie die Niederlage sogar als Wendepunkt in ihrer Karriere. «Ich habe damals gesehen, dass ich mit den Besten mithalten kann.» Das zeigen die anschliessend erzielten Resultate.

Von neun Kämpfen gewann Nicole Boss acht, den Ende 2013 errungenen EM-Titel verteidigte sie zweimal erfolgreich. Ihre Bilanz seit Beginn der Profikarriere 2008 lautet: 19 Kämpfe, 13 Siege, 2 Unentschieden, 4 Niederlagen. Ihre um fünf Jahre jüngere Gegnerin hat in 32 Kämpfen nur einmal verloren. Der Kampf vom Samstag ist für Nicole Boss der Karriere-Höhepunkt. Den will sie auf keinen Fall verpassen, weshalb sie fest an ihre Chance glaubt. «Ich bin in den letzten Jahren deutlich besser geworden», sagt sie selbstsicher, ohne dass sie dabei überheblich wirkt.

Das bestätigt auch Vito Rana, ihr Trainer seit fünf Jahren in der Box-Akademie im Berner Lorraine-Quartier. Er ist für die technische Schulung zuständig, während Stefan Künzi, der Ehemann von Nicole Boss, den konditionellen Bereich betreut. Mit ihm ist die Boxerin in den vergangenen Monaten fünf Mal nach Karlsruhe gefahren, wo sie rund 200 Sparringrunden absolvierte – gegen stärkere Boxerinnen, als sie in der Schweiz vorhanden sind.

Auf den WM-Kampf hat sich Nicole Boss zudem 14 Wochen lang intensiv vorbereitet, insgesamt stand sie trainingsmässig 400 Runden gegen Boxer und Boxerinnen im Ring. Sogar noch in dieser Woche hat sie von Montag bis Donnerstag Sparring gemacht. Das ist ungewöhnlich so knapp vor einem Kampf, doch Nicole Boss braucht das. «So bleibe ich im Rhythmus», sagt sie. Ungewöhnlich ist auch die Tatsache, dass sie ihren Beruf als Direktionsassistentin bei der Post selbst während der harten und aufwendigen Vorbereitungszeit auf den WM-Kampf zu 100 Prozent ausübt. «Das ist nur dank meinem guten Umfeld möglich. Das Verständnis ist da, vonseiten des Arbeitgebers, von der Familie, den Freunden.» Und ihr Rezept, um den Stress zu bewältigen, ist einfach nur viel Schlaf.

Erstaunlich ist auch, dass die in Wohlen bei Bern aufgewachsene und immer noch dort wohnende Sportlerin keinen grossen Sponsor hat. Geld von den Boxkämpfen erhält sie, ausser einer kleinen Aufwandentschädigung, auch nicht. «Meine Gage geht in die Organisation der Boxkämpfe. Die Erfahrung, die ich im Ring mache, der emotionale Wert, den ich aus meinem Sport ziehe, ist mir viel wichtiger als jede Börse.»

So war es für ihren Manager Sascha Müller, den Inhaber der Box-Akademie Bern, des flächenmässig grössten Boxkellers in der Bundesstadt, überhaupt möglich, die WM nach Bern zu holen. Geboxt wird, wie fast immer, im «Sternen» Bümpliz. Dort ist Müller, ehemaliger Amateur-Schweizer-Meister im Boxen und derzeit auch Masseur des HC Fribourg-Gottéron, zu Hause, und dort hat Nicole Boss fast immer geboxt. Rund 400 Leute haben Platz im «Sternensaal», das Meeting war in kürzester Zeit ausverkauft. Viele Freunde und Mitglieder des Boxklubs sind als ehrenamtliche Helfer tätig, der familiäre Charakter entspricht dem Geist der Boxerin. In dieser Umgebung fühlt sich Nicole Boss wohl. Ihre einzige Sorge ist, den Erwartungen der Zuschauer nicht entsprechen zu können.

Auf Hochzeitsreise

Für das Schweizer Frauenboxen ist Nicole Boss geradezu ein Glücksfall. Das Publikum spürt an ihren Kämpfen, dass sie im Ring bereit ist, eine starke Leistung abzuliefern. Es spürt auch die Freude, die die Athletin am Boxsport hat, und erahnt das grosse Herzblut, mit dem sie diesen Sport ausübt. Deshalb sind in heimischer Umgebung für Nicole Boss die Aussenseiter-Chancen durchaus reell, nach Christine Nigg 1996 die zweite Schweizer Box-Weltmeisterin zu werden.

Wie immer aber auch der Kampf ausgeht: Danach holt die Boxerin mit ihrem Mann die Hochzeitsreise nach, das Ehepaar verreist für einen Monat in die USA. Und sollte Nicole Boss die Karriere im Ring fortsetzen wollen, hält der Schweizer Boxverband ihr für mindestens ein Jahr eine Ausnahmebewilligung bereit. Denn mit dem Erreichen des 35. Altersjahrs dürfen Boxer und Boxerinnen mit Schweizer Lizenz nicht mehr in den Ring steigen. 




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