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Manny gegen «Money»

Am nächsten Samstag kommt es zum Showdown der Champions Manny Pacquiao alias «Pacman» und Floyd Mayweather, genannt «Money». Das Duell in Las Vegas wird als «Kampf des Jahrhunderts» gehandelt. Nie in der Geschichte des Boxens haben die Stars mehr Geld eingestrichen.

Von Bertram Job, NZZ am Sonntag

Eines muss man Floyd Mayweather jr. lassen: Er kriegt es immer hin, dass er die Nase vorn hat, lange vor dem ersten Gong. Zum 48. Vergleich in seiner makellosen Laufbahn (47 Siege) hat der Weltergewichts-Champion von WBA und WBC im Berufsboxen alle Details in den Verträgen so festlegen lassen, dass er nach aussen als der Überlegene erscheint. Er muss zuerst genannt werden, wenn Sender und Veranstalter von diesem Showdown sprechen, der am Samstag im MGM Grand Hotel Resort in Las Vegas steigt. Er wird als Zweiter in den Ring tänzeln, so wie es alle Titelverteidiger in seinem Sport halten, schon um den anderen ein bisschen warten zu lassen. Und er wird von den Anteilen beider Boxer aus Ticket- und TV-Erlösen nicht 50, sondern 60 Prozent einstreichen. Was man angesichts eines erwarteten Volumens von bis zu 300 Millionen Dollar für eine Marginalie halten könnte – wäre man nicht Mayweather.

«Was für ein Grosskotz»

Gäbe es eine Weltmeisterschaft im Verhandeln von Konditionen – der 38-jährige Profi aus Michigan mit feudalem Wohnsitz in Vegas hätte auch hier beste Chancen. Vor zehn Jahren regten sich Beobachter der Szene noch auf, als der «Pretty Boy» eine Börse von ein paar lumpigen Millionen entrüstet als «Sklavenlohn» ablehnte. «Was für ein Grosskotz», hiess es. Nun räumt der einst reaktionsschnellste Boxer des Planeten ein Vielfaches davon ab – und alle sind viel zu sehr mit Staunen beschäftigt, um zu protestieren. Wogegen auch, wenn es nun um den ultimativen Kampf im illustren Showsport geht. «Das ist der Kampf des Jahrhunderts», hatte Mayweather gesagt, als er im März mit seinem um zwei Jahre jüngeren Gegner beim einzigen Pressetermin auf dem Podium des Nokia-Theaters in Los Angeles stand – vor 900 Journalisten.

Manny Pacquiao heisst dieser Gegner, und er ist das Gegenteil von einem unbesungenen Kontrahenten, auch wenn Mayweather ihn manchmal so behandelt hat. Schliesslich bringt auch Pacquiao viele Superlative mit: Weltmeister in acht verschiedenen Limits zwischen Fliegen- und Weltergewicht, Sieger in 57 von 64 Duellen sowie Nationalheld der Philippinen. Auch er hat vom bedeutendsten Kampf in der Galaxie gesprochen, und wer etwas von seiner Vorbereitung sehen wollte, musste in Los Angeles nur früh genug in den Griffith-Park gehen. Dort absolvierte «Pacman», wie er in den USA genannt wird, fleissig seine Joggingrunden – weil er in seiner Heimat kaum noch in Ruhe gelassen wird.

Nun dürfen Puristen diskutieren, ob das schillernde Etikett angemessen ist. Lieber wäre es ihnen gewesen, beide hätten sich schon in früheren Anläufen auf diesen Gipfel einigen können. Vor vier, fünf Jahren waren beide noch bissiger, brillanter – der elegante Konterboxer Mayweather, der seine Konturen manchmal so schnell wie Quecksilber verändern kann, und der schier unzerstörbare Rechtsausleger Pacquiao, der lächelnd in harte Schlagwechsel rennt, als wären sie erfrischender Regen. Immer wenn verhandelt wurde, gab es aber zu viele Stolpersteine. Wie etwa Mayweathers Forderung nach mehreren Dopingkontrollen im Training, mit denen er den Filipino düpierte.

Umso zügiger ging es jetzt, wo beide Stars in den Spätherbst der Karriere einbiegen – und vermutlich eingesehen haben, dass sie einander brauchen, um die Bank zu sprengen. Das Ganze soll Ende Januar angestossen worden sein, als sie sich bei einem Football-Spiel in Miami begegneten. Da hätten sie endlich Handynummern ausgetauscht, heisst es, und das Gespräch in Pacquiaos Hotelsuite fortgesetzt. Daraus ist ein umfangreiches Vertragswerk geworden; in ihm ist ausser der Hosengrösse des Ringrichters ziemlich alles festgelegt, was irgendwie eine Rolle spielen könnte. Gewicht und Marke der Handschuhe; der Zeitplan für die Bekanntgabe des Duells (Mayweathers Vorrecht) und der Pressetermin; Qualität und Frequenz der Dopingkontrollen während der Vorbereitung und wer sie durchführt (die amerikanische Anti-Doping-Agentur).

Der Rest kam wie von allein, durch beider grosse Namen und schwindelerregende Zahlen. 74 Millionen Dollar, die allein durch den Verkauf der 16 800 Sitze im MGM Grand gelöst wurden. Was die Sponsoren übrig liessen, ging im freien Verkauf in Minuten weg. Preise für das Pay-per-View-Abo im Fernsehen, die in neue Höhen gestiegen sind, und erwartete Vorbestellungen, die ebenfalls Rekorde versprechen (siehe nebenstehenden Text). Dazu diese besonderen Petitessen: das Merchandising-Outlet «MayPac», das seit Freitag Souvenirs und ein interaktives Videospiel anbietet. Oder der für eine Million Dollar gefertigte Championgürtel, der die Porträts der Boxer, des verstorbenen WBC-Präsidenten Jose Suleiman und der lebenden Ikone Muhammad Ali trägt. Ali und Frazier schienen das Label «Kampf des Jahrhunderts» mit ihrer ersten Begegnung in New York (1971) für sich gepachtet zu haben. Nun werden all die merkantilen Dimensionen als Beleg dafür aufgerufen, dass der 2. Mai 2015 noch grösser ist. Doch der 83-jährige Bob Arum, der damals den Kampf einfädelte, wehrt sich gegen solche Gedankenspiele – obwohl er als Pacquiaos Promoter auch jetzt kräftig mitverdient. Im März 1971 sei die Welt stillgestanden, sagte Arum. In der Tat fehlen dem Gipfel in Vegas manche Attribute, die ihn über den blossen Sport hinaus zu einem kulturellen Ereignis für den ganzen Erdball transzendieren liessen.

«Zwerg einstampfen»

Vor allem Floyd Mayweather hat nie das Format einer beeindruckenden öffentlichen Person erreicht. In Michigan unter deprimierenden sozialen Verhältnissen aufgewachsen, führt der Aufsteiger nun seinen neuen Status als bestbezahlter Sportler der Welt vor. Mehrere Hilfskräfte sind dafür abbestellt, seinen Luxuswagenpark zu wienern; kein Paar Schuhe wird angeblich ein zweites Mal angezogen. Der Hip-Hopper von eigenen Gnaden lebt nach einem gewaltsamen Übergriff, der ihn kurz in Haft brachte, getrennt von Frau und Kindern. Wenn er früher über Pacquiao sprach, kam Peinliches heraus. Sobald er «den Zwerg eingestampft» habe, postete er einmal, dürfe der «eine Sushi-Rolle für mich machen und mir Reis kochen».

Manny Pacquiao hat aber entschieden mehr vor. Auf den Philippinen unterstützt er den Bau von Schulen, Kliniken und Strassen, der Promoter Arum bezeichnet ihn als «bestes Sozialversicherungssystem der Welt» für sein Land. Der vierfache Familienvater ist politisch engagiert und strebt für die Zeit nach der Boxkarriere höhere, wenn nicht höchste Ämter an. Wie man sich aus einer Siedlung zwischen Müllbergen auf Mindanao herauskämpfen kann, hat er selbst vorgelebt. Nur seine Spielleidenschaft trübt gelegentlich das Bild eines aussergewöhnlich engagierten Menschen.

Am Samstag stehen mit Manny und «Money», wie Mayweather genannt wird, also zwei Boxstars mit ähnlicher Biografie, doch verschiedener Ausrichtung im Ring. Bei der Gelegenheit möchte der US-Profi dem Filipino «den Kopf weghauen», wie Leonard Ellerbe, der sonst so eloquente CEO von Mayweather Promotion, sagte. Doch das ist unwahrscheinlich: Für einen vorzeitigen Sieg gegen annähernd gleichwertige Gegner hat es bei beiden seit einigen Jahren nicht mehr gereicht. Sie sind im Spätherbst und haben vielleicht noch diesen einen, rasanten Kampf im Repertoire.

 

300 Millionen Dollar TV-Erlös erwartet

Der so titulierte «Kampf des Jahrhunderts» zwischen Floyd Mayweather jr. und Manny Pacquiao am kommenden Samstag wird als Fernsehereignis in den USA ein Joint Venture. Sowohl Showtime (Mayweather) als auch HBO als die Haussender der Kontrahenten bieten die Live-Übertragung aus Las Vegas im Pay-per-View-Verfahren an; das heisst, dass allein die Übertragung des Kampfes gekauft werden kann. Es ist erst das zweite Box-Ereignis, bei dem die Branchenführer in Sachen Live-Boxen kooperieren. Zum ersten Mal geschah dies im Sommer 2002 bei Lennox Lewis’ K.-o.-Sieg gegen Mike Tyson in Memphis. Das letzte Wort bei allen Fragen zur TV-Produktion hat dabei Showtime.

Beide Sender stellen mit Jimmy Lennon jr. (Showtime) und Michael Buffer je einen Ring-Announcer, der die einleitenden Worte vor dem ersten Gong spricht und die Boxer mit ihren Rekorden vorstellt. Man darf gespannt sein, wie sie diese Aufgabe untereinander aufteilen. Schwer vorstellbar ist, dass Buffer sich sein weltberühmtes «Let’s get ready to rumble!» von der Regie nehmen lässt – oder Lennon jr. auf sein «Let’s get it on!» verzichtet. Zu den TV- Experten am Ring zählt diesmal auch die Boxlegende Roy Jones als Gast von HBO.

Sowohl die Zuschauer am Fernseher wie auch jene in der Arena werden am Abend des 2. Mai gehörig zur Kasse gebeten. Das TV-Abo für den Kampf kostet die Box-Aficionados knapp 90 beziehungsweise 100 Dollar – je nachdem, ob sie sich für SD- oder HD-Übertragungsqualität entscheiden. Das ist eine Steigerung um rund 40 Prozent gegenüber der bisherigen Höchstmarke vom Kampf Mayweathers gegen Canelo Alvarez (2013). Trotzdem werden aller Wahrscheinlichkeit nach so viele Abos wie nie zuvor gelöst werden. Seriöse Schätzungen gehen von 3 Millionen «Buys» aus. Bis jetzt hielt das Duell zwischen Mayweather und De La Hoya (2007) den Pay-per-View-Rekord mit 2,4 Millionen. So könnten diesmal insgesamt rund 300 Millionen Dollar an Erlösen aus dem TV-Geschäft herausspringen. In Grossbritannien wird der Kampf von Sky Sports, in Deutschland und Österreich von Sky Select im PPV-Verfahren übertragen. Für die Schweiz ist kein eigener Fernseh-Deal zustande gekommen.

Die Ticketpreise für die 16 800 Sitze in der Arena des MGM Grand starten im günstigsten Fall bei 1500 Dollar und steigern sich für einen Platz im Innenraum auf hohe fünfstellige Beträge. So liegt der Durchschnittspreis bei fast 11 000 Dollar (bei der letzten Super-Bowl: etwa 10 400 Dollar). Alles in allem dürften so etwa 74 Millionen Dollar zusammenkommen – ein neuer Rekord für die sogenannte Live-Gate bei Boxveranstaltungen. Zum Vergleich: Beim mutmasslich ersten «Kampf des Jahrhunderts» 1906 in Goldfield, Nevada, der Leichtgewichts-WM zwischen Champion Joe Gans und Battling Nelson, ging es um die damals unvorstellbare Gesamtbörse von etwa 33 000 Dollar. (job.) 

 


 




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