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Doktor Stahlklammer

Der Schwergewichts-Boxweltmeister Wladimir Klitschko im Madison Square Garden abermals wenig begeisternd

Ein routinemässig erkämpfter Punktesieg gegen den aufsässigen Herausforderer Bryant Jennings tut wenig für die Imageverbesserung des langen Ukrainers mit dem Übernamen Doktor Stahlhammer.

Rod Ackermann, New York, Neue Zürcher Zeitung vom 27.04.2015

Dass Wladimir Klitschko seinen Titel dank einstimmigem Punktesieg gegen den Amerikaner Bryant Jennings nun schon zum 18. Mal nacheinander verteidigt hat, lässt den Spitznamen des 39-jährigen Modellathleten mit dem Gardemass von 198 Zentimetern – Doctor Steelhammer – als gerechtfertigt erscheinen. Dass Doktor Stahlhammer in der Nacht auf Sonntag im Madison Square Garden in New York indes während der vollen Distanz von 12 Runden kämpfen musste, wobei er wegen fortgesetzten Haltens des Gegners mit einem Punkteabzug bestraft wurde, lässt an zutreffendere Übernamen denken. Zum Beispiel an Doktor Stahlklammer.

Der vor vollem Haus, jedoch unter Abwesenheit jeglicher Prominenz ausgetragene Weltmeisterschaftsfight nach Version dreier der vier führenden Weltverbände (IBO, IBF und WBA) war für den hoch favorisierten Klitschko ein mühsames Stück Arbeit, die schliesslich aber ihren verdienten Lohn fand. Das Urteil der Punktrichter fiel mit 116:111, 116:111 und 118:109 unzweideutig aus. Zwar hatte der Titelhalter den aufsässigen, mit bemerkenswertem Einsteckvermögen gesegneten und bis dahin ungeschlagenen Herausforderer schon früh entscheidend in Rückstand gebracht, doch blieb Jennings bis zur letzten Sekunde gut für einen «lucky punch» und damit eine Riesenüberraschung. Das Minus an Körperlänge (9 Zentimeter), Gewicht (10 Kilo) sowie Erfahrung (19 Profikämpfe) machte der 30-jährige Amerikaner durch unermüdlichen Angriffsgeist wett. Er erwies sich der Box-Tradition seiner Heimatstadt Philadelphia, der die Boxwelt den Schwergewichtschampion Joe Frazier verdankt, als würdig.

Die Bilanz: Wladimir Klitschko hat es bei seinem vierten Auftritt im New Yorker Tempel des Preisboxens erneut verpasst, die Herzen des amerikanischen Publikums so zu erobern, wie es von einem Weltmeister aller Klassen erwartet werden dürfte, nämlich mit einer begeisternden Performance. Stattdessen bot der nach einer Pause von sieben Jahren erstmals wieder in den USA boxende Ukrainer exakt jene berechenbare und unaufregende Vorstellung, die man seit eineinhalb Jahrzehnten von ihm kennt. Allerdings war nicht zu übersehen, dass Klitschko seine gefürchtete Rechte seltener als auch schon zum Einsatz brachte. Sollte Doktor Stahlhammer an Alterserscheinungen leiden?

Mit seinem Sieg nur mässig zufrieden, schloss der erfolgreiche Titelverteidiger einen Revanchekampf aus, da er «am Ausgang des Fights keinerlei Zweifel gelassen» habe. Ebenso wenig Zweifel bestehen daran, dass er ungeachtet der imposanten Physis sowie der bemerkenswerten Siegesserie auf immerdar ein Champion ohne Glanz und Gloria bleiben wird. Egal, wie nahe er dem seit über 60 Jahren durch Joe Louis gehaltenen Rekord von 25 erfolgreichen Titelverteidigungen nacheinander kommt.

Selbst als Appetithäppchen für den bevorstehenden «Kampf des Jahrhunderts» der beiden Weltergewichtler Floyd Mayweather junior und Manny Pacquiao vom nächsten Samstag in Las Vegas blieb der Titelkampf im «Garden» eher fade. Dass in der Arena zeitweise dennoch Stimmung aufkam, war sowohl dem mit blau-gelben Flaggen ausstaffierten Klitschko-Anhang von Amerika-Ukrainern als auch den lauten Fans von Jennings zu verdanken, die bis zuletzt einen Exploit des Challengers erhofften. Einen Exploit, der die Szene im Schwergewicht endlich ein bisschen aufgemischt hätte.




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