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Silva gewinnt in Ascona überzeugend und bleibt ungeschlagen



Bericht von Gérald Kurth (Text) und
Luca Passucci (Fotos), 08.11.2015

Der Abschluss war ganz nach dem Geschmack des Publikums: Lokalmatador Riccardo Silva (auf Fotos mit gelben Hosen) entschied auch seinen 11. Profikampf zu seinen Gunsten und weist weiterhin eine makellose Kampfbilanz auf (11-0-0). Dem animierten Gefecht fehlten zwar die absoluten Höhepunkte, aber Silva blieb zur Freude des begeisterten Publikums jederzeit Herr der Lage: Er streute ebenso viele technische Kabinettstückchen ein wie er seine strategische Disziplin unterstrich. Da ist noch einige Luft nach oben: Silva hat noch keinen Gegner gehabt, der seine Grenzen effektiv geritzt hätte.

Noch frenetischer war die Stimmung unter den vielen angereisten Italienern im Saal, als sich im Damenprofikampf die Mailänderin Vissia Trovato und Viviane „Golden Girl“ Obenauf aus Thun duellierten. Obenauf nahm dabei die Einladung Trovatos zum Abnützungsgefecht im fast permanenten Infight an. Und das erwies sich als fatal: Sie hatte dem Schlaghagel der athletisch beeindruckenden Trovato mit zunehmendem Kampfverlauf immer weniger entgegen zu setzen und wurde von dieser bisweilen regelrecht festgenagelt.

Boxen und Ascona – das ist eine ausgezeichnete Kombination, die einmal mehr viel Freude gemacht hat. Die ca. 600 Zuschauer in den Palestre Nuove sorgten einmal mehr für eine temperamentvolle bis fanatische Stimmung, wie man sie auf der Alpennordseite leider nur selten geniessen kann. Die Atmosphäre in vielen, teils begeisternden Fights wurde auch dadurch nicht getrübt, dass die einheimischen Boxerinnen aus Ascona und Riazzino in ihren Kämpfen den Gästen aus der Westschweiz und Italien zumeist unterlagen. Die tolle Stimmung war auch der mehr als verdiente Dank an die Adresse des familiären Teams um Marco Franscella, den Präsidenten des BC Ascona.
 

Die Profikämpfe

Weltergewicht

Riccardo Silva (CH) vs. Gaetano Guttà (ITA)

Silva ging seinen Kampf mit der üblichen sachlichen Konzentration an. Das war auch nötig, weil ihn sein Gast aus Sizilien gleich von Beginn an bedrängte. Der physisch ebenfalls hervorragend vorbereitete Guttà feuerte schnell ein paar lange Linke ab, die Silva bedrängten. Dieser löste sich aber solcher Bedrängnis jeweils mit seinem Paradeschlag, dem aus der Drehung ansatzlosen geschlagenen linken Kopfhaken. Spätestens am Ende der zweiten Runde hatte Silva den Kampf unter seine Kontrolle gebracht. Er hielt den kleineren Guttà auf Distanz und schloss vermehrt seine sauberen Konterkombinationen ab. Ab Runde 3 ging Silva nach vorne. Er begann, seinen Gegner zu umkreisen und mit seinem präzisen Jab zuzustechen. Versuchte Guttà zu kontern, so duckte sich Silva blitzschnell weg, um sofort wieder seine Kopfhaken anzubringen. In besonders inspirierten Augenblicken schlug er wie Roy Jones zu seinen besten Zeiten: Nach vorn geduckt, die Rechte auf dem Rücken, schnellte er katzenhaft empor, um einen perfekten Schwinger auf die Wange des Gegners zu drücken.



Silva variierte aber nicht nur sein Schlagrepertoire – er hatte auch immer wieder neue Laufwege im Köcher und machte sich so für Guttà vollends unberechenbar. Dass er die letzten beiden Runden vermehrt verwaltete, senkte zwar die Attraktivität des jederzeit fairen Kampfes leicht. Silva ist aber nach elf siegreichen Profikämpfen Stratege genug, um mit dem sicheren Punktevorsprung nicht der Galerie halber noch einen spektakulären Knock-out anzupeilen. Auch so konnte er den chancenlosen Guttà noch mit zahlreichen sehenswerten Schlägen – darunter ein fabelhafter Kinnhaken – zusätzlich demoralisieren. Die Wertung der drei Punktrichter spiegelt Silvas Auftritt angemessen wider:

Nic Proschek: 80:71

Paolo Bolognesi: 79:72

Thomas Walser: 80:71
 

Leichtgewicht

Viviane Obenauf (CH/BRA) vs. Vissia Trovato (CH/ITA)

Der Kampfname versprach viel – und hielt Wort: Vissia Trovato, die „Red lioness“ (auf dem Bild unten im Angriff) aus Mailand, erwies sich über sechs Runden als unglaublich harte Fighterin, der die von Res Schenk gecoachte Obenauf letztlich nicht Paroli bieten konnte. Trovato stürmte sofort los und deckte Obenauf mit einem regelrechten Schlaghagel ein. Vorübergehend schaffte es diese zwar, etwas Distanz zwischen sich und die kleinere Trovato zu bringen. Mit ihren schweren Schwingern über die Deckung der eigentlich grösseren Obenauf geschlagen schaffte es aber Trovato, ihre Gegnerin immer wieder so zu beeindrucken, dass diese stehen blieb. Das war fatal, denn die aufsässige Trovato wartete nur darauf, dass Obenauf die Einladung zur Keilerei annahm. Die Italienerin feuerte in der Nahdistanz viel mehr Schläge ab und traf Obenauf regelmässig.



Die Thunerin konnte den enormen Druck kaum standhalten und pumpte auch entsprechend früh. Natürlich bewegte sich Trovato öfters an der Grenze der Legalität, wenn sie Obenaufs Versuche zur überlegten Gegenwehr gerne mit kurzen Klammereinlagen durchkreuzte. Diese waren zu kurz, um geahndet zu werden, aber lang genug, um Obenauf zusätzlich Kraft zu stehlen. Diese schaffte es immer weniger, sich rechtzeitig mit einem Schritt zurück wieder die Kampfhoheit zu verschaffen und aus der Distanz schlagen zu können. In der vierten Runde musste sie zu Boden. Obenauf überlebte zwar die Runde, war aber nun auf verlorenem Posten. Trovato variierte und kam vermehrt mit einzeln geschlagenen Aufwärtshaken nach vorne, die Obenauf grosse Probleme bereiteten. Auch davon liess sie sich beeindrucken, blieb immer wieder stehen und versuchte hektisch, mit der Schlagfrequenz von Trovato mitzuhalten. Diese lag am Ende auf den Punktzetteln aller Punktrichter verdientermassen vorn:

Nic Proschek: 55:58

Paolo Bolognesi: 55:58

Jörg Mangott: 56:57 (alle Trovato)
 

Die Elite- und Juniorenkämpfe (Auswahl)

60kg

Tiago Pugno (BC Riazzino) vs. Julien Calvete (BC Nyon)

Beste Werbung für das Eliteboxen: Calvete aus Nyon erwies sich einmal mehr als Angriffsboxer mit Kämpferherz, der einen grösseren Gegner konsequent in die Doppeldeckung zwingt und pausenlos bearbeitet. Der eigentlich technisch ebenso hervorragende Pugno musste sich zu sehr darauf verlassen, aus der Defensive heraus mit Schwingern vereinzelt zu punkten. Das reichte gegen einen unablässig angreifenden Calvete nicht. Hervorragende Kopf- und Körperhaken wechselten sich ab mit Schwingern über die Aussenbahn. Der kleine Waadtländer Wühler ist einfach immer für einen spektakulären Kampf gut. Zwar nimmt er aufgrund seines offenen – und jederzeit fairen - Kampfstils auch den einen oder anderen Kontertreffer. Diese fallen aber kaum ins Gewicht, weil Calvete seine Gegner über drei Grunden mit einem Schlaghagel nach allen Regeln der Kunst demoralisiert. Und so auch den körperlich überlegenen Pugno. Die eindeutige Punktewertung (3:0) für Calvete war absolut verdient
 

60 kg

Gerry Zandonella (BC Riazzino) vs. Davide Pappadà (ITA)

Auch in diesem Fight wurde eine flotte Gangart gepflegt, wobei der Sieger am Ende auch anders hätte heissen können: Pappadà verschaffte sich nämlich schnell optische Vorteile, indem er konsequent nach vorne marschierte. Allerdings – und das machte letztlich den Unterschied zu seinen Ungunsten aus – schlug er regelmässig mit den Innenhänden. Und so brachte der einheimische Zandonella einen denkbar knappen Punktevorsprung über die Runden (2:1 Richterstimmen), weil er trotz Fokus auf repräsentativer Eleganz halt eben doch auch seine Konter ins Ziel brachte. Ein fürs Publikum attraktiver Kampf, der trotz technischer Schwächen und entsprechenden Unsauberkeiten des Italieners fair geführt wurde.
 

75 kg

Marzio Franscella (BC Ascona) vs. Vincenzo Calandra (ITA)

Viele andere wären ob Calandras Physis vor Ehrfurcht erschauert. Nicht so der routinierte Franscella (auf dem Bild im roten Dress). Er liess den Gast aus Italien mal ein paar Duftmarken absetzen, von denen ihn aber keine so richtig beeindruckte. Im Gegenteil: Franscella arbeitete konsequent zu Kopf und Körper des Italieners und offenbarte damit schonungslos dessen Limiten. Weil Calandra mit seiner brachialen Gewalt im Infight immer seltener durchkam, nahm er den variablen Franscella immer mal wieder in den Schwitzkasten, um dessen Rhythmus zu brechen. Erfolglos: Der Einheimische löste sich immer wieder geschickt und stach stattdessen aus der Distanz mit seinen wirkungsvollen Jabs zu.



Ein harter und intensiver Kampf, der die zahlreiche Fangemeinde des Lokalmatadors zurecht begeisterte und einen verdienten und eindeutigen Sieger hatte: Marzio Franscella mit 3:0 Richterstimmen.
 

80 kg

Christian Pedrazzi (BC Ascona) vs. Luca Luongo (ITA)

Ein sehr ansehnlicher Kampf zwischen dem Einheimischen Pedrazzi und seinem italienischen Gast Luongo. In der ersten Runde hielt sich Luongo zurück und überliess Pedrazzi die Initiative. Der schlug zwar mehr, steckte aber schon in dieser Phase Kontertreffer ein. Dann aber suchte Luongo entschlossen die Offensive und setzte regelmässig präzise Kombinationen an Kopf und Körper Pedrazzis ab. Nicht ohne Wirkung: Pedrazzis blutete früh aus der Nase und hatte seinem hart, aber fair agierenden Gegner immer weniger entgegen zu setzen. Und doch stemmte er sich mit Bravour gegen den drohenden Niederschlag und beendete den Kampf gegen Luongo - ein Boxer mit grossem Potenzial - aufrecht.




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