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Das Ende einer Ära: Nicole Boss verabschiedet sich von den Fans

Bericht von Gérald Kurth (Text) und Ueli E. Adam (Fotos), 20.12.2015

Das Berner Boxjahr 2015 hat mit einem weiteren von der Box Academy veranstalteten Kampfabend einen würdigen Abschluss gefunden. Dabei wurden die sportlichen Resultate für einmal in den Hintergrund verdrängt. An diesem Abend ging nämlich offiziell eine Ära zu Ende: Das Veranstalterteam um Manager Sascha Müller und Chefcoach Vito Rana verabschiedete in einer emotionalen Zeremonie Nicole Boss, die Anfang November ihren Rücktritt vom professionellen Boxsport bekannt gegeben hatte. Boss bedankte sich sichtlich bewegt bei ihrem Team und den zahlreichen Fans, die sie in zahlreichen Kämpfen zu vielen unvergesslichen Momenten getragen hatten. Boss verwies mit berechtigtem Stolz auf ihren im Bümplizer „Sternen“ errungenen und verteidigten EBU-Titel, aber auch auf den für den Schweizer Boxsport aussergewöhnlichen WBC-Titelkampf, den sie im Frühjahr 2015 gegen Delphine Persoon, die belgische Dominatorin des Limits, verlor.

Nicole Boss wird von Sascha Müller im Ring geehrt

Die Bernerin hinterlässt eine schmerzliche Lücke im Schweizer Frauenboxen, die vorerst nur schwer geschlossen werden dürfte. Zumindest nicht von Boss selbst. Sie schloss im Ringinterview einen Rücktritt vom Rücktritt kategorisch aus, weil sie an ihren Entscheiden festhalte, wenn diese einmal gefasst seien. Sascha Müller liess es sich nicht nehmen, Nicole Boss zum Abschluss einen goldenen Nagel zu überreichen, der anlässlich ihrer Rückkehr in den Räumlichkeiten der Box Academy eingeschlagen werden soll.

Geboxt wurde daneben aber auch noch. Die Profikämpfe der beiden St. Galler Neoprofis Meuli und Herrera endeten beide vorzeitig: Der St. Galler Zino Meuli streckte Aleksandar Chukaleiski, seinen inferioren Gegner aus Bulgarien, schon nach anderthalb Minuten in der ersten Runde mit einer knallharten Kombination von linkem und rechtem Körperhaken nieder. Eine in aller Kürze technisch überzeugende Visitenkarte, die Meuli in Bern abgab.

Knockte seinen Gegner bereits in der ersten Runde aus: Zino Meuli (links im Bild)

Valentino Herrera wiederum war sichtlich darum bemüht, Stefan Sashov, den zweiten bulgarischen Gast, zum Boxen zu bewegen. Der aber beschränkte sich zuerst aufs Schattenboxen, um sich dann, als er doch zunehmend getroffen wurde, aufs Klammern und Runterdrücken zu verlegen. Referee Beat Hausammann disqualifizierte den Bulgaren nach zwei Verwarnungen in der fünften Runde zurecht, denn die Kampfgestaltung des Bulgaren war ein einziges Ärgernis. Herrera ist hoch anzurechnen, dass er gegen den geladenen Verweigerer zwar selten punktete, sich aber nie provozieren liess und bis zum Schluss fair angriff.

Der Bulgare Sashov (l) hatte vor Valentino Herrera offensichtlich (zu) viel Respekt und wurde wegen Inaktivität in der 5. Runde aus dem Kampf genommen

Attraktivere Boxkost über die volle Distanz boten dem gegenüber vor allem zwei Paarungen in den Kategorien Elite bzw. Junioren.

Der St. Galler Lazar Kostic lieferte sich gegen den Deutschen Timo Hinze den insgesamt wohl besten Fight des Abends. Kostic allerdings machte seinen um einen Kopf kleineren Gegner stärker, weil er diesen nicht konsequent mit seinem eigentlich vorzüglichen Jab aus der Distanz ausboxte. Statt dessen liess er die Führhand immer mal wieder aufreizend hängen und gab Hinze so die Gelegenheit, vorzupreschen und am Mann blitzschnelle kurze Hände abzufeuern.  Kostic reagierte aber jeweils umgehend und schlug mehrere lange Hände aus der Distanz, mit denen er am Ende die nötigen Punkte für eindeutigen Sieg (3:0 Richterstimmen) zusammentragen konnte.

Zur Sache ging es im attraktiven Juniorenkampf, brachiale Gewalt obsiegte letztlich über die feine Klinge. Zu Beginn machte es den Anschein, als könnte der St. Galler Tsirpos die Reichweitenvorteile des einheimischen Tinaj aus der kontrollierten Defensive ausgleichen. Der Puncher Tinaj jedoch schaffte es, obwohl in einem Schlagabtausch selber getroffen, Tsirpos mit einem schweren Schwinger zu Boden zu schicken. Der kam zwar wieder hoch, gab aber die ursprünglich kontrollierte Kampfgestaltung auf und versuchte, mit einzelnen Händen einen Lucky Punch zu landen. Das war der Steilpass für Tinaj: Der konnte nun leichter immer mal wieder einen seiner gewaltigen Schwinger an der vernachlässigten Deckung vorbei drehen und Tsirpos so auspunkten. Ein verdienter und überzeugender Sieg für Tinaj in einem ausgezeichneten Match zweier Junioren mit Perspektiven!

Das gewohnt zahlreich erschienene Publikum durfte sich darüber freuen, dass alle Einheimischen (Nicole von Känel, Björn Tänner, Mark Tinaj und Ronny Petersen) ihre Kämpfe gegen die Gegnerinnen und Gegner aus St. Gallen bzw. Deutschland zu ihren Gunsten entscheiden konnten. Seinen Kampf einmal mehr dominiert hätte wohl auch Mike Binggeli. Der exzellente Stilist wollte ursprünglich eigentlich seinen letzten Elitekampf bestreiten. Dazu kam es aber nicht, weil Beshir Vejseli, sein Gegner aus St. Gallen, nicht reglementskonform rasiert war und deswegen disqualifiziert werden musste. Obwohl an diesem Skandälchen völlig unschuldig, kündigte Binggeli spontan an, seinen letzten Kampf halt einfach auf die nächste Gala zu verschieben.

 




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