News

«Profiboxen war ein Abenteuer»

Stephan Dietrich, Berner-Zeitung

Der Thuner Mischa Nigg ist überraschend vom Profisport zurückgetreten. Der 28-Jährige macht gesundheitliche und berufliche Gründe für seinen Entscheid geltend

Wer Mischa Nigg eine Frage stellt, bekommt eine besonnene Antwort. Ruhig sitzt der 28-Jährige da, er wählt seine Worte mit Bedacht. Der Thuner ist Beweis dafür, dass sich Boxen und Intelligenz nicht zwangsläufig ausschliessen. «Boxen ist wie Schach», sagte Nigg einst. «Du musst vorausdenken und eine Strategie entwickeln, um deinen Gegner zu bezwingen.»

Nach rund drei Jahren als Profiboxer gab der Berner Oberländer seinen Rücktritt bekannt. Ruhig, besonnen hat er sich Gedanken über seine Zukunft gemacht, Vor- und Nachteile abgewogen und dann einen Entscheid gefällt. Schweren Herzens verabschiedet er sich von seinem Sport. Niggs Prioritäten verschieben sich vom Boxen in Richtung beruflicher Karriere und Familienplanung.

Operation notwendig

Den Ausschlag gab eine Verletzung. Mischa Nigg hatte seit langer Zeit Probleme mit der rechten Achillessehne. Vor einer Woche ist er operiert worden, es folgt eine zweimonatige Rehaphase. Erst danach hätte er sich wieder in Form bringen können, bis zum nächsten Kampf wäre mindestens ein halbes Jahr vergangen. Zu viel Zeit für Mischa Nigg. «Ich mache etwas zu 100 Prozent oder gar nicht. In diesem Fall ist mir die Gesundheit wichtiger als sportlicher Erfolg.»

10 Profikämpfe bestritt Mischa Nigg, 9 davon gewann er. Er tritt ab als Internationaler Meister der World Boxing Federation (WBF) im Supermittelgewicht.   Im Interview äussert er sich über seine kurze Karriere.

Vor ihrem ersten Kampf haben Sie gesagt, es gehe darum, herauszufinden, was für Sie im Boxen drinliege. Haben Sie Ihre Grenze gefunden?

Mischa Nigg: Ich bin mit der Karriere zufrieden. Ich habe erreicht, was ein Schweizer Boxer erreichen kann.

Das kann nicht sein, Sie haben nur 10 Kämpfe bestritten, die meisten mit K. o. gewonnen.

In der Schweiz lässt sich mit Boxen kein Geld verdienen. Ich befand mich somit stets im Spannungsfeld zwischen Sport, Beruf und Familie. Mit diesen Rahmenbedingungen habe ich mein Potenzial ausgeschöpft.

Gab es Gedanken daran, die Rahmenbedingungen zu verändern?

Klar. Nach meinem letzten Kampf mit dem Gewinn des internationalen Titels gingen einige Türen auf.

Erzählen Sie.

Es hätte Möglichkeiten gegeben, in Deutschland zu trainieren, in einem professionellen Umfeld, mit starken Sparringspartnern.

Warum haben Sie die Idee verworfen?

Ich war nicht bereit, mein Psychologiestudium auszusetzen. Für den Schritt, ausschliesslich zu boxen, war ich nicht bereit. Ich war stets froh um den beruflichen Ausgleich. Sportlich wäre es reizvoll gewesen, gegen einen Grossen zu boxen, beruflich und damit wohl auch finanziell überhaupt nicht.

Werden Sie den Entscheid jemals bereuen?

Kaum. Kurz nachdem ich mich entschieden hatte, erhielt ich eine Arbeitsstelle als wissenschaftlicher Assistent zugesprochen, und im Sommer beginne ich mit dem Masterstudium. Sie sehen, eine Türe geht zu, eine andere öffnet sich. Profiboxen war für mich ein Abenteuer. Ich trete mit einem lachenden und einem weinenden Auge ab.

Vom Sport loskommen wird Mischa Nigg sowieso nicht. Boxen war seine Lebensschule. Im Boxclub seiner Mutter Christina will er weiter ein und aus gehen. Es habe ihm stets Spass gemacht, zusammen mit Jugendlichen und Kindern zu trainieren, sagte Mischa Nigg jeweils. In Zukunft wird er als Profi im Ruhestand seine Vorbildrolle wahrnehmen müssen.

***

29.12.2015 (JS) - Mischa Nigg war sowohl als Amateur- als auch als Berufsboxer ein vorbildlicher und fairer Sportsmann, der zahlreiche Clichés über unseren Sport Lügen strafte. Er bewegte sich auch ausserhalb des Rings stets wie ein Gentleman. SwissBoxing bedauert den Rücktritt, kann die wohl begründete Entscheidung aber nachvollziehen. Wir danken dem Vorzeigeboxer herzlich für die im Ring erbrachten Leistungen und die Werbung die er für das Boxen machte. Die Schweizer Boxgemeinde wünscht Mischa für die berufliche und private Zukunft nur das Beste. Keep on fighting Champ!

 

 

 




Weitere News


© 2017, Swiss Boxing Federation