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Arnold Gjergjaj: Wie aus einem 15-jährigen Kriegsflüchtling der beste Schweizer Profiboxer wird

von Rainer SommerhalderSchweiz am Sonntag, 15.05.2016

Am Samstag stellt sich Arnold «The Cobra» Gjergjaj in London dem Weltklasse-Boxer David Haye. Der Prattler Gjergjaj ist der erste ernst zu nehmende Schweizer Profiboxer seit vielen Jahren.


 

Obwohl es hierzulande fast 50 Kämpfer mit Profilizenz gibt, spielen die Schweizer international eine marginale Rolle. In einem der drei grossen Verbände (WBC, WBA, IBF) oder in der unabhängigen Weltrangliste taucht mit Ausnahme von Gjergjaj (Rang 23) keiner in einer auch nur annähernd verheissungsvollen Position auf.

Arnold «The Cobra» Gjergjaj hat das Boxen von der Pike auf gelernt. Der 31-Jährige ist den langen, mühsamen Weg voller Verzicht und Entbehrungen gegangen. Abkürzungen hat es für ihn nie gegeben.

«Mit den entsprechenden Mitteln im Rücken wäre die Reise seit 2009 auch in der halben Zeit möglich gewesen», sagt Gjergjajs Manager und Trainer Angelo Gallina. Doch der gebürtige Kosovare mit Schweizer Pass weiss weder einen potenten Promoter hinter sich, noch pusht eine TV-Station nach deutschem Vorbild die Karriere.

60 Kämpfe als Amateur

Als 15-Jähriger beginnt Arnold – nach der Flucht vor dem Balkankrieg kaum länger als ein Jahr in der Schweiz – mit Boxen. Parallel dazu betreibt er auch Thaiboxen, doch nach einigen wenigen Kämpfen ist damit Schluss. Der kompetente Trainer Engin Köseoglu nimmt ihn beim Boxring Baden unter seine Fittiche.

Es folgt eine äusserst solide Laufbahn als Amateur mit 60 Kämpfen und drei Schweizer Meistertiteln. Seit 2008 arbeitet Gjergjaj mit Gallina zusammen. Der eigentliche Plan, eine nächste, internationale Ebene als Amateur zu erreichen, lässt sich mangels Gegnern und Kampfmöglichkeiten nicht realisieren.

Der kosovarische Pass und der Status als Flüchtling schränken Gjergjajs Reisemöglichkeiten entscheidend ein. So verpasst er 2008 infolge Visa-Problemen den geplanten Auftritt an einem grossen Turnier in London.

Nach einer Lagebeurteilung entscheidet das Basler Powerduo 2009, ins Profilager zu wechseln, «auch wenn die Bedingungen nicht gerade lukrativ sind: weniger Kämpfe und jährlich ein Budget von bis zu 150 000 Franken stemmen», wie Gallina ausführt. Eine Reise nach Berlin zum Sparring mit Marco Huck bringt die Gewissheit, dass es Arnold sportlich packen kann.

Die Kobra im Training: Zur Vorbereitung auf einen Kampf sieht sich Arnold Gjergjaj unter anderem Videos seiner Gegner an.

Sein immenses Engagement baut der 48-jährige Gallina auf drei Säulen. Erstens die Bereitschaft von Arnold, keine Ansprüche zu stellen. Zu Beginn der Profikarriere schuftet Gjergjaj wöchentlich 45 Stunden auf dem Bau. Am Abend bittet «Schleifer» Gallina zum kompromisslosen Training. Für das Sparring jettet das Duo quer durch Europa, um jede sich bietende Möglichkeit zu nutzen, Erfahrungen zu sammeln.

Der Charakter als Basis

Zweitens die Unterstützung des Boxclubs Basel. Nur durch die Solidarität eines ganzen Vereins sei es möglich gewesen, die bisher 29 Profikämpfe der Kobra überhaupt durchzuführen. Drittens der Rückhalt durch die Familie und viele treue Kleinsponsoren. Bei Bruder und Filialleiter Anton kann Arnold im Spar in Basel Teilzeit arbeiten und erhält den Freiraum, den er für die Entwicklung als Boxer braucht.

Ohne eine ganz spezielle Sache hätten für Gallina diese drei Säulen trotzdem nicht getragen: «Ich bin vor allem an Bord, weil mich Arnold charakterlich voll und ganz überzeugt. Er hat sich nie negativ über Gegner geäussert. Es gibt im Boxsport leider genügend andere Beispiele.» David Haye gehört dazu.

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