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«Ich bin der beste Boxer auf diesem Planeten»

David Haye lobt Arnold Gjergjaj in den höchsten Tönen und erklärt, warum er heute Wladimir Klitschko besiegen würde
 

Von Andreas W. Schmid, Basler Zeitung
 

BaZ: David Haye, haben Sie Angst vor Schlangen?

David Haye: Nein, Angst nicht. Schön finde ich sie trotzdem nicht. Mir gefällt ihr Blick nicht, mir gefällt nicht, wie sie hinterlistig zubeissen, mir gefällt überhaupt nichts an ihnen. Ich bin froh, wenn ich diese Tiere von mir fernhalten kann.

Am 21. Mai bekommen Sie es mit einem besonders grossen Exemplar zu tun – der Kobra aus Pratteln.

Ja, das ist tatsächlich ein riesiger Kerl, der mir da gegenübersteht: zehn Kilo schwerer als ich, grosse Hände, mit unbändiger Kraft ausgestattet und unbesiegt. Das wird er alles in die Waagschale werfen und deshalb erwarte ich einen spannenden Kampf. Er gibt sich ja sehr zuversichtlich und will seinen 30. Sieg. Er hat grosse Pläne für die Zukunft und …

… David …

… deshalb muss ich bereit sein am 21. Mai und perfekt vorbereitet, damit ich an diesem Abend mein Bestes abrufen kann. Denn das ist absolut nötig gegen ihn. Er ist sehr gefährlich, mit einem grossen Punch ausgestattet und …

… David …

mit einer starken rechten Hand, die zudem sehr schnell sein kann, so schnell wie eine Schlange. Das wird nicht einfach und deshalb trainiere ich hart, damit ich ihn besiegen kann.

David, es ist nicht zu überhören: Sie zollen Gjergjaj viel Respekt. Die Reaktionen in England klangen allerdings deutlich weniger enthusiastisch, als Ihr Gegner für den Hayeday präsentiert wurde.

Sie müssen unterscheiden. Es gibt die Medien. Für die zählen nur die ganz grossen Namen wie Tyson Fury, Anthony Joshua, Deontay Wilder oder Alexander Povetkin. Mit den übrigen Boxern können oder wollen sie nicht viel anfangen und stehen ihnen sehr negativ gegenüber. Das ist bei den Boxfans anders. Diese können einschätzen, was es bedeutet, dass einer nach 29 Kämpfen noch unbesiegt ist und damit derzeit hinter Wilder die zweitlängste Siegesserie im Boxen aufweist. Sie verstehen, dass ich diese Kobra nicht einfach nur im Vorbeigehen besiegen kann, sondern dass ich absolut top sein muss.

Wird der Kampf über die volle Länge von zehn Runden gehen?

Meine Trainings sind auf zehn Runden ausgelegt. Doch unsere K.-o.-­Quoten sind hoch: Meine liegt bei 86 Prozent, jene von Gjergjaj etwas darunter. Mein Punch ist sehr hart. Wenn ich die Kobra richtig treffe, da bin ich mir sicher, wird sie sich ins Reich der Träume verabschieden.

Sie haben nicht nur einen harten Punch, sondern auch noch einen weiteren unschätzbaren Vorteil am 21. Mai: Das Publikum in der O2-Arena wird lautstark hinter Ihnen stehen.

Ganz alleine wird Gjergjaj nicht sein. Es gibt in England eine grosse kosovarische Gemeinde und auch aus der Schweiz werden sicher einige Fans einfliegen. Natürlich ist es ein Vorteil, wenn das Publikum hinter dir steht. Ich weiss, wie es für Gjergjaj sein muss. Schliesslich habe ich schon selber im Ausland geboxt, wo alle gegen mich waren. Aber da muss er durch, wenn er zur Weltklasse zählen will.

Wie sehr hat die lange Verletzungspause von dreieinhalb Jahren Sie als Boxer verändert?

Mein Körper erhielt eine wertvolle Ruhepause, um sich endlich zu erholen. Und ich hatte richtig Zeit, um mich intensiv mit dem Boxen auseinanderzusetzen. Ich habe meine Vergangenheit analysiert, um zu sehen, was ich verbessern muss, damit ich optimale Bedingungen fürs Training schaffen kann. Vor allem wollte ich nicht mehr von Verletzungen geplagt werden, denn diese waren ein grosses Problem in meiner Karriere. Und ich hatte viel Zeit für meine Familie. Heute bin ich ein sehr, sehr glücklicher Boxer, in und ausserhalb des Ringes.

Als Sie Ihre Vergangenheit analysierten, haben Sie sich sicherlich nochmals mit Ihren Provokationen vor dem Klitschko-Kampf auseinandergesetzt. Würde der neue David Haye heute nochmals dieses schreckliche T-Shirt mit den abgeschnittenen blutigen Köpfen der Klitschko-Brüder anziehen?

Hören Sie, ich war damals 27 Jahre alt. Also noch ein junger Schnösel. Heute bin ein reifer Mann von 35 Jahren (lacht). Ich habe Kinder und bin ruhiger geworden. Und ich habe die Einsicht gewonnen, dass die Fans doch mehr an meinen boxerischen Fähigkeiten interessiert sind als an diesem ganzen Brimborium. Damals wollte ich auf mich aufmerksam machen. Nun habe ich eine grosse Anhängerschaft, die an jeden Kampf kommt. Ich muss mich also nicht mehr wie ein Verrückter aufführen.

Diese Rolle haben dafür andere übernommen. Zum Beispiel Shannon Briggs. Erscheint er Ihnen manchmal auch in Ihren Träumen mit seinem «Let’s go Champ»?

Nein, er erscheint in der Wirklichkeit, und zwar am 21. Mai in meinem Vorprogramm. Wenn wir beide gewinnen, was hoffentlich der Fall sein wird, steigen wir gegeneinander in den Ring. Das interessiert die Fans sicher. Bis es so weit ist, bin ich jedoch voll auf den Kampf gegen die Kobra fokussiert.

Als Sie den WM-Kampf sahen, in welchem Tyson Fury Wladimir Klitschko besiegte, haben Sie sich da nicht geärgert und gedacht: Das hätte ich eigentlich in meinem Kampf vor fünf Jahren genauso machen müssen!

Nicht wirklich. Der Klitschko von damals war eine ganz andere Version als der Klitschko von heute. Mit 35 befand er sich gegen mich im besten Alter. Mit 40 hingegen wirkt er jetzt sehr alt. Der Weltmeister von 2011 feuerte gegen mich viele Schlagserien ab, der aktuelle Klitschko hingegen schlug gegen Fury nur ganz selten zu. Man sieht ihm seine lange Karriere mit den unzähligen Trainings und vielen Kämpfen und Verletzungen an. Gewinnt er den Rückkampf am 9. November, wird er mit einem guten Gefühl Schluss machen. Verliert er, macht es erst recht keinen Sinn mehr. Kämpft er hingegen weiter, gefährdet er sein Ansehen als Boxer. Denn er hat Grossartiges vollbracht.

Hat er gegen Fury im Rückkampf eine Chance?

Als er den WM-Kampf nochmals angeschaut hat, muss er sehr gelitten haben. Er weiss, dass er es besser hätte machen können. Er hat viel zu wenig Druck auf Fury ausgeübt. Nun kann er der Welt beweisen, dass er ein wirklicher Champ ist.

Würden Sie ihn heute besiegen?

Er ist wie gesagt nicht mehr derselbe wie damals. Vor allem aber glaube ich, dass ich heute stärker bin. Ich bin der beste Boxer auf diesem Planeten und möchte das in meinen nächsten Kämpfen beweisen. Dafür tue ich alles.

Und wie denken Sie über Tyson Fury?

Wir wissen immer noch sehr wenig über ihn. Als er den WM-Gürtel holte, zeigte er eine tolle Leistung, zugleich war Klitschko richtig schwach. Ich glaube, das wird im Rückkampf nicht mehr der Fall sein, auch wenn Klitschko wie gesagt allmählich alt ist. Deshalb wird sich in diesem Duell zeigen, aus welchem Holz Fury wirklich geschnitzt ist.

Sie erwähnten vorhin Ihre Familie. Ihr Sohn spielt Tennis. Können Sie mit diesem Sport etwas anfangen?

Ich bin ein grosser Tennisfan und war schon oft in Wimbledon. Andy Murray zählt zu meinen guten Freunden. Boris Becker ist sehr nett und hat sich Zeit genommen, um meinem Sohn Unterricht zu erteilen. Dabei gab er ihm taktische Tipps über die richtige Strategie im Spiel. Seitdem hat mein Sohn schon einige Turniere gewonnen, was mich natürlich freut. Tennis ist ein guter, sauberer und gesunder Sport, und das gefällt mir.

Wenn Ihr Sohn nun aber gerne boxen würde, statt Tennis zu spielen?

Ich würde seine Entscheidung respektieren. Unter einer Bedingung: Er müsste der Beste von allen werden. Damit er derjenige ist, der austeilt. Er müsste so gut werden wie Floyd Mayweather, der schnelle Reflexe hat und deshalb nur wenige Treffer kassiert. Ich liebe meinen Sohn. Es würde mir wehtun, wenn ich zusehen müsste, wie eine Faust auf sein liebliches Gesicht trifft. Deshalb bin ich ganz froh, dass er einen Sport ausübt, wo er keine Schläge einstecken muss.

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