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Haye vs. Gjergjaj: «Es wird eine Ringschlacht»

Noch zwei Tage bis zum Gong: David Haye und Arnold Gjergjaj haben sich lieb – bis es ernst gilt

Von Andreas W. Schmid, Basler Zeitung, London , 19.05.2016 

Normalerweise haben es Schwergewichtsboxer an sich, dass sie sich selber rühmen. Doch Arnold Gjergjaj ist ein höflicher Mensch und so lobte er in London drei Tage vor dem Kampf zuerst einmal seinen Gegner: «David Haye ist der grösste Boxer auf diesem Planeten.» Noch, wenn es nach ihm geht. Denn Gjergjaj fügte an der Pressekonferenz im riesigen O2-Entertainment-Komplex auch noch hinzu, dass es am Samstagabend, wenn er um 22.45 Uhr (SRF 2 live) an dieser Stätte gegen den britischen Ex-Weltmeister in den Ring steigt, «zu einer Ringschlacht kommen wird». Mit einem Ergebnis, das er bereits jetzt kennt: «Ich werde ihn besiegen.»

Auch David Haye ist mittlerweile ein sehr zuvorkommender Mensch. Vor seiner Verletzung, die ihn vor drei Jahren ereilte, war das – zumindest, wenn die Kameras ihn im Visier hatten – noch anders gewesen. Da hatte er das Grossmaul rausgehängt, sich wie ein Ekel benommen und die Gegner verhöhnt. Das ist mittlerweile nicht mehr der Fall. Produzieren sollen sich andere – zum Beispiel der 44-jährige Box-Oldie Shannon Briggs, der ebenfalls auf dem Podium sass und offenbar für den Show-Teil zuständig war.

«Er ist kein Anfänger»

Haye jedenfalls äusserte sich mit sanfter Stimme sehr freundlich über Gjergjaj. Zwar will er von ihm nicht viel gesehen haben «und ich weiss auch nicht viel über ihn» – aber der Kampf¬rekord von 29 Siegen in 29 Duellen beeindruckt ihn doch sehr. «Das ist kein Anfänger», sagte Haye, der bisher ebenfalls 29 Kämpfe bestritten hat, wovon allerdings die Mehrheit im Cruiser¬gewicht, also in einer tieferen Gewichtsklasse. Sein Gegner aus der Schweiz habe den Kampf seines Lebens vor sich und das mache ihn noch gefährlicher. «Wenn er mich besiegt, ist meine Karriere vorbei und er erscheint erst recht auf dem Radar des Schwergewichts¬boxens. Mit einem Erfolg lockt ein WM-Kampf für ihn. Er hat dann eine Bilanz von 30:0, mit 22 Knock¬-outs, wovon einer gegen David Haye. Welcher andere Boxer im Schwergewicht kann das von sich behaupten? Niemand! Sogar Wladimir Klitschko hat mich nur nach Punkten besiegt.»

Deshalb hat sich der 35-jährige Brite sehr gut vorbereitet, wie er später im Smalltalk mit Angelo Gallina, dem Promoter und Manager von Gjergjaj, erklärte. «Alles lief wunderbar», sagte er und tippte mit dem Finger auf sein Gesicht, «bis auf das blaue Auge». Dieses hatte er sich im Sparring mit einem Cruisergewichtler zugezogen. Hat am Ende sein Landsmann Lennox Lewis doch recht? Der ehemalige Weltmeister aller Klassen hatte dieser Tage kritisiert, dass Haye allzu sehr an Gewicht und Kraft zugelegt hat; tatsächlich wog Haye, als er gegen den russischen 150-Kilogramm-Berg Nikolai Walujew boxte, bloss 95 Kilogramm. Nun sind es gut zehn Kilos mehr. «Hayes stärkste Waffe war seine Schnelligkeit und Beweglichkeit», sagte Lewis, «indem er zum Kraftprotz wird, verspielt er seinen besten Vorteil.»

«Das kann jedem passieren»

Haye sah das verständlicherweise anders. Dass er so sehr an Kraft zugelegt habe und kompakter daherkomme, sei Absicht gewesen. Die stärkeren Muskeln sollen die Gefahr, dass er sich erneut an der Schulter verletzt, erheblich vermindern. «Ich bin trotzdem weiterhin sehr schnell und einer der explosivsten Boxer», gab er sich überzeugt. «Und ich weiss, dass ich damit den Besten auch in Zukunft grosse Probleme bereiten kann.» Dass er vom Sparringpartner ein Veilchen kassierte, könne jedem passieren. Das habe nichts mit mangelnder Schnelligkeit zu tun. «Lieber ein blaues Auge im Training von einem Cruisergewichtler als ein Voll¬treffer von einem Schwergewichtsboxer mit einem Dampfhammer.»

Über einen solchen verfügt ja bekanntermassen sein Gegner vom Samstag. Seine rechte Schlaghand ist die wohl stärkste Waffe von Arnold Gjergjaj. Nun geht es während der zehn Runden darum, dass diese ins Ziel findet. Der Prattler hat sich, damit dies gelingt, so intensiv wie noch nie auf einen Kampf vorbereitet und insgesamt 150 Sparring¬runden à drei Minuten absolviert. Zumindest einer dieser Trainingspartner, die sich gegen gutes Geld dafür zur Verfügung stellten, trug ebenfalls ein deutlich sichtbares Veilchen davon. «Ich bin bereit», versicherte Gjergjaj. «Ich werde gewinnen.»

«Bitte gewinne nicht!»

Das würde jene jubeln lassen, die auf ihn wetten. Wer auf ein frühes Zubeissen – sprich: einen frühen Sieg – der Kobra setzt, darf über eine Quote von 1:89 frohlocken. Gar keine Freude an einem Triumph des Gastes hätte indes der eingangs erwähnte Shannon Briggs, der an Gjergjaj appellierte: «Ich bitte dich, Haye nicht zu besiegen.» Verliert der Brite, wird es nichts mit dem versprochenen Kampf gegen den Box-Opa. Dieser wäre eigentlich für Samstag im Vorprogramm vorgesehen gewesen, er hat aber noch keinen Gegner. So zog er seine Show vor und präsentierte ein paar flotte Sprüche, sein verrücktes Lachen und – nachdem er sich seines Umhanges entledigt hatte – einen gigantischen Muskelberg.

 




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