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Darum verlor die «Cobra»

Fünf Gründe, weshalb Arnold Gjergjaj gegen David Haye unterging

Von Andreas W. Schmid, Basler Zeitung, 24.05.2016

Die K.-o.-Niederlage von Arnold Gjergjaj Samstagnacht war auch gestern noch das sportliche Gesprächsthema Nummer 1 in Basel. Wie konnte es so weit kommen, dass der Prattler Boxer gegen David Haye dermassen Schiffbruch erlitt? Die BaZ nennt fünf Gründe, die ihren Teil dazu beitrugen.

1. Die Vorbereitung

Arnold Gjergjaj hat so hart trainiert wie noch nie vor einem Fight. 150 Sparringrunden absolvierte er in den letzten Wochen, gegen Trainingspartner von guter Qualität. Daran liegt es nicht. Nimmt man eine längere Zeitspanne, kommen aber Zweifel auf, ob ­Gjergjaj genug gerüstet war für den Kampf gegen einen Weltklasseboxer wie David Haye. Gjergjaj verletzte sich im Juni 2015 in Basel gegen Denis Bakhtov schwer. Er brach sich die Hand – so ziemlich die schlimmste Verletzung eines Boxers. Gjergjaj wurde operiert, pausierte lange und nahm dann im Spätsommer das Training wieder auf.

Ab November bereitete er sich richtig auf den Kampf gegen Marino Goles vor, der ihn überhaupt nicht forderte und nach 42 Sekunden k. o. ging. Danach kamen die Weihnachtspause sowie der einmonatige Umbau seines Boxfit-Gyms in Pratteln mit 14-Stunden-Tagen, aber kaum Training. Ab Februar trainierte er wieder mehr, ab März intensiv. Nur ein kurzer Kampf innert elf Monaten sowie mehrere Monate Trainingspause – eine optimale Vorbereitung für einen solch schweren Fight sieht anders aus.

Kommt erschwerend dazu, dass er nicht die gleiche Basis hat wie beispielsweise Haye. Der Brite kann sich seit über 14 Jahren voll auf den Boxsport konzentrieren. Auch Gjergjaj ist zwar lange im Kampfsport dabei, zuerst im Thaiboxen, später im Amateurboxen, seit 2008 als Profi – hier waren die Bedingungen, weil zu wenig Geld da war, lange eher semiprofessionell. Es sind Zweifel angebracht, ob das reicht, um in der Weltspitze mitzumischen.

2. Die Taktik

Gjergjaj sagte vor dem Kampf, nach seiner Taktik gegen Haye befragt: «Zuerst einmal möchte ich ein bisschen die Lage abchecken.» Das ist legitim, das tun auch andere Boxer. Nur: Gegen Haye checkte Gjergjaj die Lage ab, indem er sich hinter der Doppeldeckung verschanzte. Er schlug keinen einzigen Jab, versuchte Haye nicht auf Distanz zu halten. Gerade das aber wäre dank seiner grösseren Reichweite zwingend gewesen. Anschauungsunterricht bot Wladimir Klitschko vor fünf Jahren, der Hayes Power verpuffen liess – mit der Führhand, stetigem Klammern und indem er ihn herunterdrückte. Gjergjaj ist sechs Zentimeter grösser als Haye, spielte das aber nicht aus. Prompt wurde er bestraft. Nach den frühen Wirkungstreffern – der erste nach 20 Sekunden – spielte die Taktik natürlich keine Rolle mehr. Damit wurde er unter seinem Wert geschlagen; so schwach, wie er in den viereinhalb Minuten aussah, ist er nicht.

3. Das Umfeld

Am Einsatz derjenigen, die dem Boxer helfen, liegt es nicht. Es ist eher so, dass gerade Gjergjajs engste Betreuer zu viel am Hut haben. Angelo Gallina beispielsweise ist als sein Trainer tätig – eigentlich bereits ein Fulltime-­Job. Doch der Kleinbasler ist für Gjergjaj auch noch als Promoter, Medienbetreuer, Geldbeschaffer und vieles mehr zuständig; daneben muss er seinen eigenen Lebensunterhalt verdienen. In den letzten Wochen vor dem Kampf wurde Gallinas Programm fast unmenschlich. Um tausend Dinge musste er sich kümmern – dazu gehörte auch, all jene abzublocken, die sich direkt mit einem Anliegen an Gjergjaj wandten. Und das waren nicht wenige.

Gallina versuchte die Bedingungen für seinen Boxer trotz wenig Geld stetig zu verbessern. So suchte er in den letzten Jahren nach Lösungen, damit sein Schützling neue Erfahrungen sammeln kann und als Boxer nochmals einen Schritt macht. Zum Beispiel mit einem längeren Aufenthalt im Ausland in einem guten Boxstall. Doch er musste akzeptieren, dass Gjergjaj das nicht will, sondern das vertraute Umfeld in Pratteln vorzieht. Was verständlich und menschlich ist – aber weitere Schritte Richtung Weltspitze erschwert hat.

4. Der Gegner

Was man bei allen Analysen nicht vergessen darf: Es stand auch noch ein Gegner im Ring. David Haye ist einer der schnellsten und explosivsten Boxer der Welt. Er wurde dreimal Weltmeister im Cruisergewicht (bis 90,72 Kilogramm) und hatte schon grosse Kaliber vor den Fäusten. Vielleicht ist er jetzt stärker als je zuvor – weil er den Boxsport nun viel seriöser betreibt. Weniger reden, dafür mehr im Ring liefern, so lautet nun seine Devise.

Angelo Gallina wiederholte stets, dass man Schritt für Schritt machen wolle – so gesehen passte David Haye als Gegner überhaupt nicht zum Weg, den er und sein Boxer seit dem ersten Kampf so behutsam eingeschlagen haben. Der Logik folgend hätte Gjergjaj zuerst Erfahrung gegen gute Boxer hinter der unmittelbaren Weltspitze sammeln müssen. Um dann für die absoluten Topleute bereit zu sein. Es gibt allerdings keine Garantie, dass dieser Weg erfolgreicher gewesen wäre. Mit einem Sieg gegen Haye hätte der 31-Jährige die Abkürzung nehmen können, das war verlockend. Nun ist er, wenn auch nicht gerade auf Feld 1, so doch arg zurückkatapultiert worden. Auf der BoxRec-Weltrangliste hält sich der Schaden in Grenzen, da ist er von der Position 23 auf Rang 41 zurückgefallen.

5. Die Premiere

16 000 Zuschauer in einer beeindruckenden Arena, wovon die grosse Mehrheit für den Gegner, ein Millionenpublikum vor den Fernsehschirmen, der erste ganz grosse Kampf – das muss alles zuerst bewältigt werden. Gjergjaj wiederholte stets, dass ihm das nichts ausmache. Seine Mimik vor dem Kampf sowie der schwache Beginn weisen allerdings darauf hin, dass er doch nervöser war, als er das erwartet hatte. Simulieren kann man solch eine Premiere nicht. Es hätte Gjergjaj schon viel geholfen, wenn er in der Vergangenheit im Vorprogramm einer grossen Veranstaltung hätte boxen können – etwa 2012 im Stade de Suisse, wo ­Wladimir Klitschko vor über 20 000 Zuschauern boxte. Doch Arnold Gjergjaj war leider nicht eingeladen.

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