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Premiere mit Fritz

12.12.2009 - gel. Das lichtdurchlässige Platten-Dach ist zwei Jahre alt, als die Eishalle Allmend zum multifunktionalen Stadion wird. In der Arena spielt die GGB, die Nationalliga-A-Handballer der Gymnastischen Gesellschaft Bern. Und am 24. Juni 1972 klettert ein bernisches Monument in den Ring:

Fritz Chervet, die berühmteste Schweizer «Fliege». Der Bezug auf den Zweiflügler gilt dem Fliegengewicht. In dieser Klasse stieg der schmächtige Berner Boxer in die Europa- und Weltklasse auf.

Die stille Art Chervets
Der Kampf gegen den Spanier Kid Romero ist 1972 die erste erfolgreiche EM-Titelverteidigung von Fritz Chervet, der drei Monate zuvor in Bern erstmals Europameister geworden ist – nach Aufgabe des italienischen Titelhalters Fernando Atzori in der 11. Runde. Chervet meistert Romero über 15 Runden nach Punkten, zweimal schickt er den Iberer zu Boden. 5000 Zuschauer verfolgen die EM. Aus dem Erlös der Sitzplatzkarten zwischen 15 und 75 Franken erhält der Titelhalter eine Börse von 25 000 Franken, der Herausforderer weniger als die Hälfte.

Die stille Art Chervets erinnert an eine Vergangenheit, die für Box-Freunde bis heute lebt. Wie eine Hymne klingen die melodiösen Rufe «Scherwé, Scherwé» durch die Hallen. Fritz ist der Dritte von fünf Brüdern, vier boxen. Der Familien-Clan «beizert» in der «Schönegg», wo jetzt das Hotel Ambassador steht. Im Rathaus debütiert Paul als Stadtrat (Legislative) auf der Liste der Nationalen Aktion. Fritz stürmt sogar den Palais Fédéral als Helfer der Weibel im Parlament. Dreizehn Jahre dient Chervet auffällig unauffällig, bis zu seiner Pensionierung vor drei Jahren.

Wenn er nicht im Freiburgischen schreinert, trainiert Fritz Chervet in der Boxschule des Managers Charly Bühler an der Kochergasse, vis-à-vis des Hotels Bellevue. Im Keller riecht es nach prominentem Schweiss. Donald Hess, Weinproduzent in Übersee und Spross eines lokalen Bierbrauers, zählt zu den Chervet-Donatoren der ersten Stunde. Tippette, die ständige Begleiterin des Sportlers, stammt aus dem Umfeld des Autorennfahrers Jo Siffert.

Doch Chervet meidet den medialen Boulevard. Die Stadt Bern kennt vier Tageszeitungen, alle mit einer Auflage von über 44 000 Exemplaren. Zu Informationsveranstaltungen lädt der Manager Bühler jeweils die Reporter von «Berner Tagblatt», «Bund», «Tages-Nachrichten» Münsingen und «BZ» Langnau ins Restaurant «Ringgenberg» ein. Dabei ist auch Ernst Hui, der freiberufliche Box-Reporter des Schweizer Fernsehens.

Kondition – wertvoll wie Gold
Später finden die Wäge-Zeremonien im mondänen Klub des Hotels Metropol statt. Und die Berner «Fliege» erobert die Welt. Erst füllt Chervet das Zürcher Hallenstadion, dann vermittelt der philippinische Impresario Lopez Sareal WM-Kämpfe in Asien gegen den Thailänder Chartchai Chionoi.

Doch zurück in die Stadt Bern von 1972: Chervets Name ist unter den Lauben geläufiger als der von Dällebach Kari, dem Haar schneidenden Original. Im Rink kehrt der SC Bern in die Elite zurück. Roland Dellsperger schiesst die Tore. Der Kanadier Brian Smith bricht mit hartem Schuss im Training dem eigenen Torhüter einen Finger. Paul Cadieux beginnt als 23-Jähriger seine Karriere als Spielertrainer. Die SCB-Spieler sind die lokalen Favoriten, die grösste Popularität aber geniesst Fritz.

Seinen EM-Kampf gegen Romero verfolgt der Langnauer Bruno Wittwer, der für den HC La Chaux-de-Fonds stürmt. «Eine Kondition, wie sie Chervet mitbringt, wäre im Eishockey Gold wert», sagt Wittwer. «Chervet war einer der besten Defensivkünstler der Welt», erinnert sich Mario Widmer, als «Blick»-Sportchef im Boxen jahrelang ein Weltreisender. Neue Zürcher Zeitung
 



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