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Der etwas andere Jahresrückblick

Ueli E. Adam, Grandseigneur des Boxsports, profunder Kenner der «Noble Art Of Self-Defense» und der Schweizer Boxszene, Präsident der Medienkommission und Mitglied des Verbandsrates von SwissBoxing, formuliert höchst interessante persönliche Erkenntnisse und Einblicke zum Boxgeschehen, die dem geneigten Besucher unserer Homepage nicht vorenthalten werden sollen.

Jack Schmidli, 02.01.2019

Ueli E. Adam, 31.12.2018

Die neuen Medien erobern auch den Dialog der Kenner im Boxsport: Auf What’s App («SwissBoxing Friends») tauschen sich die profiliertesten Experten der schweizerischen Boxszene fast täglich aus.  Ich kann da nicht ganz mithalten und deshalb verfasse ich zum Jahreswechsel mein persönliches Pamphlet.

Anmerkung: Interessente Aficionados, die im Chat mitmachen möchten, melden sich bitte direkt bei Oliver Dütschler, o_duetschler@hotmail.com, 076 374 70 35.

Die Weltmeister und die Verbände:

Der NBA, 1962 in WBA umbenannte Verband ist der älteste Verband im Berufsboxen. Mit WBC, WBO und IBF wurden neue Organisationen gegründet, die heute als führende Verbände anerkannt werden. Im Zuge der Kommerzialisierung wurden und werden laufend neue Verbände gegründet. Daher gibt es viele Weltmeister, in vielen Gewichtsklassen. Dagegen ist nichts einzuwenden. Weshalb?

Berufsboxen:

Heute wird oft vergessen, woher das Berufsboxen überhaupt kommt. Es geht darum, mit dem Boxen Geld zu verdienen. Das ist nicht immer ein leichtes Vorhaben. Aber die echten Verdiener waren im Umfeld des Faustkampes zu finden. Schon früh hatte nämlich die Mafia erkannt, dass es viel einfacher ist, Boxwetten anstelle von Pferde- und anderen Wetten zu organisieren. Die straffe FBI Organisation der USA-Ostküste hat deshalb die Boxkämpfe und getürkte und gekaufte Kämpfe zu Beginn des 20. Jahrhunderts verboten. Die Organisatoren verkauften deshalb Eintrittskarten unter der Hand und die Boxfans wurden in Extrazügen in die Provinz gefahren. Dort wurde schnell ein Ring mit der nötigen Infrastruktur auf- und nach dem Kampf sofort wieder abgebaut. Um die Wetteinnahmen zu erhöhen, wurden unschlagbare Meister erfunden, die sich später gegen sehr gute Bezahlung hinlegten.

Denkmal Jack Dempsey "The Manassa Mauler"

Das ganze Prozedere war aber trotz grossem Publikumsaufmarsch sehr aufwändig. Für die perfekte Lösung sorgten die damaligen Stars der Mafia. Die Mobster Bugsy SiegelDutch Schultz und Meyer Lansky hatten entdeckt, dass in Nevada das Glücksspiel und deshalb die Wetten nicht verboten waren. Sie wählten für ihre zukünftigen Aktivitäten ein kleines Nest in Nevada aus, das sie schon bald zum heutigen Las Vegas hochzogen. Damit wurde Vegas zur Weltmetropole des Boxens – und weil die Mafia immer weitsichtig arbeitet, wurden Spielcasinos und Prostitution, vom FBI nicht verfolgbar, flankierend eingerichtet. Heute haben nur die sehr einträglichen Spielkasinos mit der begleitenden Prostitution überlebt, während das Boxen von den grossen Mediengiganten im Pay-Per-View TV (PPV) übernommen worden ist.

Die Weltmeister:

Es ist zwar lobenswert, wenn man die Titel der kleinen Verbände nicht mit Weltmeisterehren schmückt. Aber natürlich ist das eine etwas scheinheilige Betrachtungsweise. Die grossen Verbände organisieren jedenfalls auch laufend Meister, die den Titel in keiner Weise verdienen. Der einzig wahre Weltmeistertitel könnte deshalb ganz anders organisiert werden. Die Athleten, die sich dem Boxen verschrieben haben und sich Berufsboxer nennen, müssten nach ihren finanziellen Ergebnissen eingestuft werden. Mit anderen Worten: wer die höchste Börse in seiner Gewichtsklasse einkassiert, ist der wahre Weltmeister. Dazu braucht es nur noch das Steuerbüro als bestimmende Instanz – Verbände würden überflüssig. Das Publikum will für sein Geld das sehen, was es sehen will: das ist der Massstab. Für die Schweiz heisst das: dort wo das Publikum das Matchmaking schätzt, spielt die Musik – egal von wem organisiert.

Betrogene und Sieger:

Für den Box Papst Nat Fleischer war Jack Johnson der grösste Schwergewichtler aller Zeiten. Leider war er ein schwarzer Mann und liebte weisse Frauen. Das nahm man ihm nicht nur übel – im schlimmsten Rassenkonflikt zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde er boykottiert und betrogen. Für die weisse Oberschicht war klar: es durfte keine schwarzen Weltmeister geben und Wetten wurden nach wie vor mit gekauften Kämpfern gezinkt. Das änderte mit dem grossen Star der Zwanzigerjahre: Jack Dempsey. Der in Manassa, Colorado geborene, 1.85 grosse Mann mit dem Kampfnamen «Manassa Mauler» (der Schläger aus Manassa) fegte alle Gegner aus dem Ring und ist der eigentliche Vorfahr von Mike Tyson. Vor allem aber liess er sich nicht kaufen. Damit läutete er eine neue Aera des Schwergewichtsboxens ein. Seine Geschichte allein wäre ein abendfüllendes Thema.

Jack Johnson Jack Dempsey
Mike Tyson
 
Joe Louis Muhammad Ali Rocky Marciano

Nach Dempsey eroberten sich immer mehr schwarze Klasse-Boxer den Titel. Joe Louis war vor Muhammad Ali der Grösste. Nur einer konnte zwischenzeitlich die Hegemonie der Schwarzen brechen: ein Mann wie Dempsey – Rocky Marciano.

Das Amateurboxen, Neu-Deutsch Olympisches Boxen:

Der momentan beste Boxer der Schweiz, ein auch intellektuell gut beschlagener Mann, hat kürzlich in einem Chat abfällig über die zahlreichen Schweizer Boxerinnen und Boxer gelästert, die nach einer mittelmässigen Amateur-Karriere ins Lager der Berufsboxer wechseln. Ginge es nach ihm, dürften nur noch Olympia-Sieger spätere Profis werden. Eine romantische Vorstellung! Mister Super-Box vergisst nur eines: alle wirklich herausragenden Amateure waren und sind absolute Profis. Zunächst Staats-Amateure aus Kuba und der DDR und heute umgeben von einem Umfeld, das für einen Schweizer nicht zu bezahlen ist. Die besten Trainer sorgen für ihre talentierten Schützlinge. Aber eben: das kostet – und ein Schweizer wird sich das nie leisten können. Und wie heisst der Verband der Amateure: AIBA!

Was wünsche ich mir im Neuen Jahr 2019 für die Schweiz?

Vor allem eines – das Wichtigste: FREUDE AM BOXEN. Und dann natürlich gute Ausbildner, tolle Talente und erstklassige Promoter. Da wir in einer mediatisierten Welt leben, wird es für jede Kämpferin und jeden Kämpfer wichtig sein, rasch ein mediales Profil zu erlangen. Die Medien berichten nur über Namen, die bekannt sind. Deshalb: fähige Manager und PR-Profis.

Dann natürlich: gute Veranstaltungen, tolle Kämpferinnen und Kämpfer, die wirklich boxen können und keine Nieten, die von ihren Coaches hochgelobt werden, im Ring jedoch stark limitiert sind.

Und schliesslich: eine Chat-Gruppe mit dem Master Ambassador of Boxing, mit dem schweizerischen Super-Scout, Manager und Beziehungsweltmeister und ganz sicher mit dem intellektuellen Leuchtturm, der als einer der wenigen durch seine Kunst das Boxen salonfähig machen kann.

Wer ist der Autor:

  • Geboren in Bern, Rodtmattstrasse 77, aufgewachsen an der Schärerstrasse, mit direktem Blick zum Wankdorf.
     
  • Erster Kontakt mit dem Boxen: die legendären Kämpfe zwischen Joe Louis und Jersey Jo Walcott, über die im Radio Beromünster tatsächlich berichtet wurde. Später durch Heiner Gautschy, direkt aus dem Madison Square Garden.
     
  • Organisator der Breitenrain-Meisterschaft: 4 Holzpflöcke auf der Allmend, das Wäscheseil der Mutter drum herum gespannt und zwei Kategorien Kämpfer. Die Grossen und die Kleinen. Geboxt wurde mit Ski-Fäustlingen, gefüllt mit Watte. Juge unique: der Autor.
     
  • Mitglied einer Strassen-Gang mit den Häuptlingen Othmar-Märu-Tschumi und Léon-Dödle-Walker (späterer YB-Profi und Nationaltrainer) Nie auf die Strasse, ohne die Waffen: Steinschleuder, Messer, Tomahawk und Seil zum Fesseln der Gegner.
     
  • Von Hausarzt Dr. Gross zur Schulung in den Box-Keller des ABCB geschickt. Jeden Mittwoch hartes Training, unter anderem mit dem ältesten Chervet, Ernst.
     
  • Ab 16-jährig 6 Tage in der Woche im Keller beim Trainieren. Als 17-jähriger im Sparring mit Schweizermeister Schnelli ein erstes Mal KO.
     
  • Gerne hätte ich mit einer Lizenz geboxt: Bühler wollte mir diese nicht ausstellen und er hatte natürlich recht: in meinem Gewicht hatte es mindestens 7 bessere Boxer.
     
  • Deshalb ein nicht lizenzierter Kampf in Salavaux. Mein Gegner: ein gefährlich aussehender Mann namens Belli aus Italien. Angeblich mit seinem ersten Kampf. Dabei waren Augenbrauen und Nase schon schwer beschädigt. Belli siegte in der ersten Runde durch KO!
     
  • Mit 19 habe ich mit dem Boxen aufgehört – ich hatte begriffen, dass ich zu wenig gut war.
     
  • Mit 35 wurde ich zum Nachfolger des späteren Zentralpräsidenten Albert Jean Leu als Präsident des Box-Club-Biel gewählt.
     
  • Für den umstrittenen, schillernden Albert Jean Leu, mit dem ich eng befreundet war, habe ich für schweizerische Verhältnisse grosse Kisten in Bern, Biel und Zürich organisiert.
     
  • Später habe ich meinen Stamm-Club Athletic-Box-Club Bern ABCB als Präsident übernommen.
     
  • Heute Mitglied des Verbandsrates und Präsident der Medienkommission.

Eine Fussnote: keiner weiss heute mehr, woher der Begriff Chilbi-Boxer kommt. Dabei ist das ganz einfach: auf den Jahrmärkten konnte man gegen einen Mann im Zelt antreten. Sieger war derjenige, der den Gegner auf den Boden brachte. Börse: für damalige Verhältnisse astronomische 10 Franken.

Mein Onkel Fritz Burkhardt hat für Schweizer Banken in Südamerika ein Bankennetz aufgebaut. Dort ist er auch gegen einen Chilbi-Boxer angetreten und hat ihn mit einem KO besiegt. Auf solch eine Verwandtschaft kann man stolz sein.




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