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Solar Plexus

  
Michael Heisch


01.01.2010 - «Wir befinden uns im Jahre 50 v.Chr. Ganz Gallien ist von den Römern besetzt... ganz Gallien?» Halt! Wir befinden uns im Jahre 2010. Und beinahe hätten wir es versäumt, einem kleinen, schnurbärtigen Faustkämpfer nachträglich zum 50. Geburtstag zu gratulieren: «Astérix le Gaulois» wie sein französischer Kampfname lautet. Erstmals in Erscheinung trat der gallische Held am 29. Oktober 1959 mit der ersten Ausgabe der Jugendzeitschrift «Pilote», um darauf den Römern gehörig das Fürchten zu lehren. Die Sache mit dem Zaubertrank, was sportlich gesehen natürlich ein grober Doping-Verstoss ist, möge der Leser leise vergessen. Darüber haben sich die beiden Comicfigur-Schöpfer, Texter René Goscinny und Zeichner Albert Uderzo, in den bislang 34 Alben wohl kaum den Kopf zerbrochen. Schliesslich: «Cui finis est licitus, etiam media sunt licita“.»
 

Der kleingewachsene Gallier ist alles andere als ein Abklatsch der amerikanischen Comic-Supermänner. Schon sein Name Asterix verweist auf etwas ganz Besonderes: er ist nämlich ein Sternchen – der «astérisque» bezeichnet das Sternchen, das auf eine Fussnote verweist. Asterix ist so gesehen die parodistische Negativform, eine Fussnote amerikanischer Heldenverehrung. Ihm und seinem dicken Kumpel Obelix liegt es weit fern, die Welt vor aussergalaktischen Schurken zu retten. Der beiden Gallier glückselig machende Formel lautet schlicht und ergreifend: Wildschweine jagen, Feste feiern und Römer verprügeln.

Goscinny (
1926–1977) entfachte als Texter ein sprühendes Feuerwerk von Anspielungen, Parodien und Wortspielen. Er focht gekonnt mit einer Sprache, die den Fausthieb der Gallier in nichts nachstand. Goscinny verballhornte Literatur und historische Figuren, zog Bürokratie und Politik ins Absurde, kombinierte Sprichwörter, Filmszenen, Gassenhauer und jonglierte Schwindel erregend mit Redewendungen. Nebenbei lässt sein virtuoser Umgang mit lateinischen Redensarten so manchen Akademiker blass dastehen.



Die sportlichen Aktivitäten der Gallier sind aber nicht nur auf das Malträtieren römischer Eindringlinge beschränkt. Band Nummer zwölf aus dem Jahre 1972 befasst sich mit körperlichen Ertüchtigungen:
«Asterix bei den Olympischen Spielen», im französischen erschien dieser Band bereits 1968. Doch bereits die deutsche Ausgabe von «Der Kampf der Häuptlinge“ («Le Combat des Chefs», 1966) aus dem Jahre 1969 zeigt sportliche Ansätze. In jenem Band wird ein Boxkampf zwischen Majestix und Augenblix, einem romfreundlichen Häuptling eines Nachbardorfes, ausgetragen. Die beiden Kontrahenten kämpfen um die Herrschaft über Majestix’ Dorf. Durch einen verunglückten Hinkelsteinwurf von Obelix hat Miraculix das Gedächtnis verloren. Majestix muss sich nach einem Training durch Asterix wohl oder übel ohne Zaubertrank bewähren. Dieser Band spielt auf die französischen Kollaborateure während des Zweiten Weltkriegs an (ev. auch schon auf den französischen Präsidentenwahlkampf im Jahr nach der Erstveröffentlichung).

W
ährend die Römer auf einer Wiese die Arena für den Kampf der Häuptlinge aufbauen, errichten fahrende Barbaren um das Stadion herum ihre Attraktionen - unter anderem Pferdescooter, Schiessbuden, eine Holzachterbahn, Souvenirstände. Die Szenerie gleicht einem einzigen Rummelplatz, wie sie heutzutage veranstaltet wird, wenn irgendwo auf der Welt ein Profi-Boxkampf stattfindet und über TV-Senderechte und Merchandising gefeilscht wird.
 

Der Kampf beginnt mit einem Trompetenstoss – so betrachtet, ist dies die gallische Form des «Walk-in». Majestix kann sich anfangs nur durch eine besondere Lauftaktik vor einer Niederlage retten. Die Nachricht erreicht Majestix im Ring, dass Miraculix wieder gesund sei, worauf er erleichtert über diese Botschaft den atemlosen Augenblix mit einem gezielten K.o.-Schlag niederstreckt. «Ich bin der Schönste! Ich bin der Stärkste! Ich bin der Sieger!», ruft Majestix in Siegerpose der johlenden Publikumsmenge zu. Welches Grossmaul dürfte mit diesen Ausrufen wohl parodiert sein? Für einmal endet die Geschichte ohne die wundersamen Zaubertränke eines Miraculix, auch ohne nennenswerte Schürfungen und Wunden.
*Der Zweck heiligt die Mittel.

 

 

 




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