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Solarus Plexus

 



17.01.2010 - Die Universal Edition präsentierte den damals 27-jährigen österreichischen Komponisten
Ernst Krenek in einer etwas benebelt wirkenden Doppelbelichtung im Katalog ihres Verlagssortiments. Eine lange Zigarettespitze schien ihm endlos im Mundwinkel zu hängen. Ein faltenloser Anzug, ein faltenloses Gesicht – beinahe wirkte er wie ein jugendlicher Gangster, fest entschlossen, fortan ein seriöses Leben zu führen. Nicht anders die Fotomontage aus Jahr 1927 - Krenek wird darin von zwei weiteren Berühmtheiten seiner Zeit flankiert: dem Schwergewichtsboxer MaxSchmeling und dem Flieger Charles Lindbergh. 1.)

Kreneks ’burleske Operette’ «Schwergewicht oder die Ehre der Nation» entstand im selben Jahr als Trotzreaktion auf eine öffentliche Äusserung des deutschen Botschafters in den Vereinigten Staaten. Diese besagte, dass ein Kanalschwimmer oder irgendein anderer Sportheld mehr für den Ruhm Deutschlands leisten würde als alle deutschen Künstler und Gelehrten zusammen. Der Komponist reagierte prompt und schrieb eine Opernsatire über einen deutschen Meisterboxer, wobei er anscheinend den am Anfang seines Weltruhmes stehenden Max Schmeling im Auge hatte.
 
Genau am 11. September 1927 vollendete Krenek den Einakter «Schwergewicht oder die Ehre der Nation», welcher am 6. Mai 1928 in Wiesbaden zur Uraufführung gelangte. Das spritzige Feuerwerk voller Rhythmus und Sprachwitz dauert rund 15 Minuten, und nicht ohne opernästhetische Reflektionen wird dieses Werk oft mit zwei weiteren Einaktern Kreneks zu einem abendfüllenden Programm ergänzt: «Der Diktator» und «Das geheime Königreich». Als ein gemeinsames Etwas, so könnte man festhalten, kreisen alle drei Themen um Macht und Eros.
 
Ort der Handlung in «Schwergewicht oder die Ehre der Nation» ist der Trainingsraum des Boxers. Doch worum dreht sich dieser illustre, turbulente Reigen? Meisterboxer Adam Ochsenschwanz hegt den Verdacht, dass seine Frau Evelyne ihn mit dem Tanzmeister Gaston betrügt. Gaston überredet eine Studentin, sich als «Trainingspuppe» den Schlägen des wütenden Ochsenschwanz auszuliefern, während er das Muskeltrainingsgerät des Boxers unter Strom setzt. Kaum hat der Boxmeister Ochsenschwanz diese «Foltermaschine» bestiegen, klebt er an ihr fest. Ein idealer Zeitpunkt für Evelyne und Gaston, um schnell das Weite zu suchen. Ein Regierungsbeamter betritt den Trainingsraum und verkündet dem hilflos zurück gebliebenen Ochsenschwanz, er sei ausgewählt, an den Olympischen Spielen teilzunehmen – «als Ehre der Nation».
 
In einer Szene spielt sich zwischen einem Journalisten und dem Meisterboxer Ochsenschwanz folgender Dialog ab:
 
«Was sagen Sie zu Beethoven?» (Journalist)

 
«Lassen S’ mich mit diesem Dilettanten in Ruh! » (Ochsenschwanz)

 
«Lesen Sie viel?»

«Auf dem Klosett hab’ ich ‚s Abendblatt.»

«Kennen Sie Goethes Faust?»

«Die meinige ist besser!»

«Was kennen Sie von moderner Kunst?»

«Götz von Berlichingen!»

«Und von Philosophie?»

«Nix!»

«Er meint Nietzsche! Der Übermensch, der Übermensch ist da!»

«Kennen Sie Kant?»

«Ungeniessbar!»

 
Beinahe ungeniessbar, wie hier ein Schwergewichtsboxer als tumber Muskelmann ohne Grosshirn ins Groteske verzerrt wird, was zusammen mit einer schwindelnd-leichten Musik eine zusätzliche Steigerung erfährt. Bewusst ist natürlich auch der Name Ochsenschwanz gewählt. Vergegenwärtigen wir uns - ein kräftiger Ochse mag zwar im stolzen Besitze eines Schwanzes sein, etwas Wesentliches wurde ihm jedoch geraubt... es klingt eigenartig an, wenn die Rolle des Ochsenschwanzes dann von einem Bass besetzt wird. Fast möchte man dem Librettisten (Ernst Krenek selber schrieb es) das Götz von Berlichingen-Zitat unverhohlen nachrufen. Doch viel zu amüsant und leichtfüssig ist diese Burleske gestaltet, man geniesst sie mit der gehörigen Portion Humor und Ironie, ohne dahinter gleich ein sportliches Fehlverhalten zu vermuten.

«Ach, war das schön! Das Ganze erhält eine Musik, in der» – wie Krenek selber in späteren Jahren festhielt –  «ich meinem aufgestauten Verlangen nachgab, einen wirklich populären Schlager zu schreiben. Im Schwergewicht‘ schrieb ich nach Herzenslust Paso dobles, Tangos, Blues und alle solche Sachen.»

Krenek hatte in den Folgejahren nicht immer nur Grund für operettenhafte Leichtigkeit. Sein berühmtestes Bühnenwerk - «Jonny spielt auf» (1926-27) - wurde von den Nazis als «Neger-Oper» verunglimpft und nach der Machtübernahme 1933 kurzerhand vom Spielplan gestrichen. Wie viele Künstler seiner Zeit musste er Deutschland verlassen. 1937 reiste Krenek erstmals in die USA. Nach dem «Anschluss» Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland (1938) emigrierte er endgültig. Noch bis 1925 verbrachte Ernst Krenek seine Studienjahre in Wien und Berlin, denen ein Intermezzo nach Winterthur und Zürich folgte.

Krenek wurde von den Nationalsozialisten zwar als Kulturbolschewist beschimpft, nicht verschwiegen werden aber darf, dass er gleichzeitig eine grosse Sympathie für den italienischen Faschismus empfand (den er auch öffentlich bekundete), wobei er über die konkreten politischen Verhältnisse hinwegsah.
 
Ungebrochen blieben in seiner Musik die Experimentierfreudigkeit und die stete Beschäftigung mit aktuellen Stilen in der so genannten Avantgarde-Musik. Der Komponist verstarb mit 91 Jahren in Palm Springs/Kalifornien und hinterliess ein Oeuvre mit der beachtlichen Opuszahl 242. Michael Heisch


Michael Heisch, Präsident Box-Club Zürich

 
 
 
 

 




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