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Medienberichte zu Enrico Scacchia's Tod

Enrico Scacchia hat beides erlebt: das Paradies und die Hölle

Der frühere Berner Boxer ist im Alter von 56 Jahren an einem Krebsleiden gestorben

Walter Rüegsegger

Wer auf der Website der Box-Enzyklopädie «Boxing Record» den Namen Enrico Scacchia eingibt, dem fällt zuerst das Foto des Boxers auf: Es ist anders als die Porträts fast aller abgebildeten Athleten. Es zeigt den Berner nicht in der typischen Boxerpose – zwei Fäuste vor dem Gesicht, bereit zum Kampf. Nein, man sieht einen gutaussehenden, jungen Mann in einem ärmellosen Sporthemd mit zwei lustigen Kätzchen auf der rechten Schulter.

Katzen die treusten Begleiter

Dieses Bild erinnert an den Sportler, wie er auch sein konnte. Ein liebevoller und umgänglicher Mann, meistens gut aufgelegt und humorvoll. Das Bild zeigt auch, wer seine treusten und zuverlässigsten Begleiter im Leben waren – seine über alles geliebten Katzen. Nicht zu sehen und nicht zu fühlen ist die andere Seite des Boxers: Seine zuweilen aufbrausende Art, wenn er sich ungerecht behandelt fühlte. Und ungerecht behandelt fühlte sich Scacchia oft, vom Trainer, vom Schweizer Boxverband, von den Behörden, von der Justiz.

Scacchias Boxstatistik besteht aus nackten Zahlen, sie belegt seinen boxerischen Werdegang, sie sagt, dass er zwischen 1981 und 1990 52 Mal als Berufsboxer im Ring stand, dass er 41 Mal gewann, 8 Mal verlor und 3 Mal unentschieden boxte. Sie sagt, dass er 50 Prozent seiner Siege durch K. o. errang, dass er 308 Runden im Ring stand, dass er 2 Mal um den EM-Titel boxte und beide Kämpfe vorzeitig verlor. Wer nur die Statistik liest, kommt zum Schluss, dass der Berner ein talentierter Boxer war, der am Anfang der Karriere eine Siegesserie hinlegte, dass nach der ersten EM-Niederlage aber der langsame und später unaufhaltsame Abstieg begann. Eine Boxergeschichte, wie es viele gibt. Das sagen die Zahlen, und sie haben recht. Der Schweizer Boxer mit italienischen Wurzeln konnte seine zweifelsfrei vorhandenen boxerischen Fähigkeiten mit der Zeit nicht mehr ausspielen.

Am Anfang sah es allerdings so aus, als stünde der junge Bursche aus Bümpliz tatsächlich vor einer grossen Karriere. Nach den ersten Siegen verkündete er selbstbewusst, er wolle Box-Weltmeister werden. Der Boulevard nannte Scacchia «unseren Rocky aus Fleisch und Blut». Berichte über ihn und seine Frau Nadia füllten die Seiten von «Blick» und der «Schweizer Illustrierten». Der Boxer machte das Spiel der Medien bereitwillig mit und gab seine Lebensgeschichte preis.

Die traurige Zeit des Kindes geschiedener Eltern, das in Bern geboren wurde, sich in Italien heimatlos fühlte, weil es zwischen einem Waisenhaus und der Grossmutter hin- und hergeschoben wurde. Das schwierige Heranwachsen des Jünglings in der Schweiz, der in der Primarschule in Bümpliz als «Tsching­ge-Gieu» verprügelt wurde. Scacchia war wie gemacht für den Boulevard: eitel, modebewusst, gutaussehend, gesprächig, immer gut für eine Schlagzeile.

Doch mit der EM-Niederlage gegen den Marokkaner Said Skouma am 30. November 1985 begann der Abstieg des Sonnyboys. Dieser Kampf in Genf zeigte exemplarisch, warum aus Scacchia kein grosser Boxer werden konnte. Der damals erst 22 Jahre alte Berner war vom Ballyhoo rund um seine Person im Vorfeld dieses Ereignisses schlicht überfordert. Er liess fast alles mit sich geschehen. Seine Entourage war für Schweizer Verhältnisse riesig. Er wirkte nicht überheblich, aber doch sehr selbstbewusst. Aus heutiger Sicht kann vermutet werden, dass er sich schon damals seiner boxerischen Limiten bewusst war, sie zumindest im Innern ahnte, und dass er seine Unsicherheit mit einem grossen Hofstaat, bestehend aus Freunden und Mitläufern, und seiner sympathischen und auch naiven Offenherzigkeit überspielte.

Der Karriere-Knackpunkt

In seiner Umkleidekabine ging es damals vor dem Kampf zu und her wie zur Rushhour im Berner Hauptbahnhof. Fans, Freunde, Sponsoren und Journalisten umringten den Boxer, der seine Nervosität mit Sprüchen überspielte. Diese mangelnde Professionalität war eine der Schwächen Scacchias, die auch sein Trainer Charly Bühler nicht beheben konnte. Der Berner Trainerlegende gelang es nicht, seinen Schützling richtig auf den routinierten französischen Weltergewichtsmeister einzustellen. Skou­ma sei angeschlagen gewesen, doch Bühler habe ihm gesagt, er solle sich zurückhalten. Dieser Fehler habe ihm den Titel gekostet, so Scacchia später.

Die Niederlage war wohl der Knackpunkt in Scacchias Karriere. Der Boxer wählte fürderhin den Weg des geringsten Widerstands. Seine Trainingseinheiten glichen nicht selten einer besseren Fitnessstunde. Dazu kamen ein massiver Medikamentenmissbrauch und grosse Gewichtsschwankungen. Er wechselte die Trainer, er verliess Bern in Richtung Genf, kam wieder nach Bern zurück.

Am 26. Dezember 1986 errang Scacchia gegen den Finnen Tarmo Uusivirta ein knappes Unentschieden in einem Kampf, in dem er viele, zu viele Schläge kassieren musste. In der Kabine konnte er sich an nichts mehr erinnern. Der Ringarzt Andreas Herren sagte Jahre später, er habe aufgrund dieses und eines anderen harten Kampfs des Berners sein Amt als Ringarzt aufgegeben. Scacchia hatte durch diesen Fight seine Nehmerqualitäten eingebüsst.

Die Schmach im Ring

Nach der zweiten EM-Niederlage gegen den Niederländer Alex Blanchard acht Monate später war die Karriere Scacchias eigentlich zu Ende. Doch er wollte das nicht einsehen, er klammerte sich an immer neue Rettungsringe, er begann sich immer mehr in Widersprüchen zu verstricken. Die boxerischen Erfolge blieben aus, ja mehr noch: Es kam die Schmach im Ring dazu.

Das war im Frühling 1988, als Scacchia den Retourkampf gegen den Engländer Carlton Warren durch K. o. verlor und anschliessend den Ring kriechend auf allen vieren verliess. «Ich bin müde und mag nicht mehr», so Scacchia nach dem Kampf. Doch er boxte weiter, gegen alle Widerstände des Schweizer Boxverbandes, der ihm keine Lizenz mehr erteilte. Und so begann Scacchia einen juristischen Kleinkrieg, zunächst gegen Verbandsmitglieder, später gegen die Behörden. Er verlor fast alle Prozesse. Wegen der Drohung gegen eine hohe Berner Kantonspolitikerin wurde er ein paar Tage in die psychiatrische Klinik Waldau eingewiesen. Scacchia, der Boxer, der die Gegner auch ausserhalb des Rings suchte.

Der letzte Besuch

Beim letzten Besuch in seiner kleinen und kargen Bümplizer Wohnung vor gut zehn Jahren war es bitterkalt. Scacchia entschuldigte sich und sagte, er müsse die Fenster für seine Katze Micet­ta offen halten, weil sie auch im Winter stets an die frische Luft gehen müsse. Dass er nie einen grossen Titel gewonnen habe, bereue er nicht. Er habe erst durch die Niederlagen die Erkenntnisse gewonnen, die ihm nun den Weg wiesen. Dieser Weg führte ihn in den Glauben, die Bibel wurde sein Wegbegleiter. Er las philosophische Bücher, er befasste sich ausgiebig mit Verschwörungstheorien. In Bern arbeitete er sieben Jahre lang als Taxi-Chauffeur, er soll sehr beliebt gewesen sein. Später lebte er von der IV, bescheiden und zurückgezogen. An den traditionellen Stephanstag-Meetings war er noch ein paar Mal zugegen, später mied er den Anlass, den er mehrere Jahre lang durch seine spektakulären Kämpfe geprägt hatte.

In der Bundesstadt war Scacchia lange ein Idol. Letzten Dezember, schon im Bewusstsein seiner schweren Krebserkrankung, hat er mit einem Westschweizer Journalisten über sein Leben gesprochen. «Manchmal», so Scacchia, «könnte man denken, dass Gott Fehler macht. Die Erde ist nicht nur ein Paradies. Es gibt auch die Hölle. Ich habe beides erlebt.»

Aus dem NZZ-E-Paper vom 20.07.2019




So dramatisch war das Leben von Enrico Scacchia
 




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