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Zur Metaphorik von Faust und Faustkampf

29.01.2010  - Peter Heisch, der Vater unseres Kolumnisten Michael Heisch, war langjähriger Korrektor einer Tageszeitung und schrieb auch  Glossen und Satiren (u.a. für den "Nebelspalter"). Auf Wunsch seines Sohnes hat Peter Heisch exklusiv für swissboxing.ch "etwas Sprachbetrachtliches über das Boxen" geschrieben. 

Ich empfehle allen Besucherinnen und Besuchern unserer Homepage die Lektüre des sehr lesenswerten Aufsatzes von Peter Heisch wärmstens. Soeben ist übrigens sein neustes Buch "wort - hülsen - früchte" erschienen. Das Buch ist im Reinhardt Verlag Basel erschienen und in jeder Buchhandlung erhältlich. 
Jack Schmidli 
 

  

Zur Metaphorik von Faust und Faustkampf

 

Gilt bereits die Hand als unabdingbares Körperwerkzeug für autonomes Handeln, von dem es schliesslich seinen Namen hat, so verdankt die der Selbstverteidigung dienliche Faust ihre Bezeichnung dem westgermanischen Wort vust, das sich aufgrund seiner gekrümmten fünf Finger offensichtlich vom Zahlwort fünf herleitet. Kaum verwunderlich daher, dass das Abhacken von Händen in archaischen Gesellschaften ein Höchstmass an Strafe darstellte, indem es die Handlungsfähigkeit eines fehlbaren Individuums empfindlich einschränkte. Die Faust spielte in der Körpersprache von jeher eine grosse Rolle. Sie symbolisiert sowohl konzentrierte Kraft wie Machtanspruch besonders in Zeiten des frühen Mittelalters, als noch das Recht des Stärkeren, das sogenannte Faustrecht, in seiner Primitivform galt. Wer nicht spurte und sich der Obrigkeit widersetzte, bekam die geballte Faust zu verspüren. Besonders schmerzhaft, wenn sie überdies die Knute hielt, jene dem russischen Vorbild entlehnte Riemenpeitsche, mit der man das aufmüpfige Volk beherrschte und zur willfährigen Raison brachte. Das mochte manch einen, der das brutale Vorgehen mit Brachialgewalt herrschender Despoten am eigenen Leib zu verspüren bekam, dazu veranlassen, seinerseits heimlich die Faust im Sack zu machen, sobald er unter enormem Druck stand und die Faust im Nacken psychisch zu verspüren bekam. Das schliesst allerdings nicht aus, dass selbst in unserer liberalen, aufgeklärten Zeit sich zuweilen jemand genötigt sieht, in aussichtslos festgefahrenen Situationen energisch mit der Faust auf den Tisch zu hauen, um uneinsichtige Schlaumeier, die es faustdick hinter den Ohren haben und sich in Anwendung billiger Tricks und Arglist heimlich ins Fäustchen lachen, den Standpunkt über ihr selbstsüchtiges Tun und Lassen klarzumachen. Immerhin vermittelte im 18. Jahrhundert das Faustpfand einem Gläubiger eine gewisse Garantie, gegenüber einem säumigen Schuldner zu seinem verbrieften Recht zu gelangen, während es sich bei Fäustel und Faustkeil um schwere Hämmer handelte, die man vorwiegend im Bergbau verwendte.

 

Eine andere Sache ist es mit dem friedlichen Einsatz der Fäuste in weich wattierten Handschuhen aus bezeichnenderweise Boxcalf genanntem Chromkalbsleder beim sportlichen, obschon nicht immer ganz unblutigen Wettstreit, der sich Boxen nennt, ausgehend vom amerikanischen Verb to box und nicht zu verwechseln mit jenen ehemals aus Buchsbaumholz gefertigten gleichnamigen Boxen, die sich zum Aufbewahren von Trophäen oder allenfalls sinnigerweise Boxershorts genannten Turnhosen eignen.

 

Der Boxsport ist gewissermassen ein plausibles Sinnbild des menschlichen Lebens, bei dem sich die Akteure schlagkräftig zusammenraufen, wozu es ausser einer guten Kondition, grosser Wendigkeit, wacher Reflexe sowie eines durchtrainierten guten Stehvermögens bedarf, um sich im Rahmen einer streng reglementierten Prügelei, die keine Tiefschläge erlaubt, auf den Beinen zu halten. Das ist beileibe nichts für Zartbesaitete, denn Boxen und Zimperlichkeit passen zueinander wie die Faust aufs Auge (ein Vergleich, den bereits Luther verwendete), nämlich überhaupt nicht. Die beiden Kontrahenten dreschen aufeinander ein nach Strich und Faden, gemäss einer Redensart, die allerdings von den Webern stammt, welche bei ihrer Tätigkeit aufpassen mussten wie die Heftlimacher.

 

Im Grunde genommen entspricht das, was Sportreporter gerne als Schlagabtausch bezeichnen, einer beschönigenden Darstellung; denn in Wirklichkeit geht es dabei hart zur Sache, und die beiden Sportsfreunde sind eifrig darauf bedacht, den Gegner auf die Bretter zu schicken. Dabei sieht der eine oder andere von ihnen bisweilen nicht gerade gut aus, wirkt angeschlagen oder angezählt und hängt vielleicht sogar schlaff in den Seilen. Doch solange er nicht k. o. geht, wie die auch in anderen Sparten des Konkurrenzkampfes gebräuchliche Abkürzung von knock-out lautet, scheint im Umkehrschluss alles einigermassen o. k. (okay) zu sein, ein Schlagwortkürzel undefinierbarer Herkunft im Sinne von in Ordnung, was in gewollt falscher Schreibweise vermutlich für oll correct oder, wie andere meinen, einst Order of King bedeutete. Doch wie auch immer der Fight ausgehen mag: Hauptsache ist, dass man gut über die Runden kommt im Ring, der paradoxerweise eigentlich genau besehen ein Viereck ist, vielleicht als Anspielung auf die Quadratur des Kreises, was uns oft genug als Menetekel für die trivialen Ungereimtheiten des Alltagslebens erscheint und vor schier unlösbare Probleme stellt. Schliesslich ist zu guter Letzt ein konsequent erfochtener Sieg nach Punkten auch nicht zu verachten. Wer sich allerdings den physischen Anforderungen als nicht länger gewachsen zeigt, lässt seinen Trainer das Handtuch werfen zum Zeichen der Kampfaufgabe.

 

Die Ambitioniertheit, jemanden aus dem Anzug boxen zu wollen, wovon in H. H. Kirsts berühmtem Kriegsroman "08/15", der den militärischen Schematismus auf die Rolle schiebt, die Rede ist und damit auf die totale Niederlage eines grossdeutschen Regiments anspielt, ist von vornherein aussichtslos, indem sich die beiden Kontrahenten mit nacktem Oberkörper gegenüberstehen. Wenn schliesslich in Zeitungsberichten zum Tagesgeschehen hin und wieder von fliegenden Fäusten die Rede ist, so bezieht sich das im übertragenen Sinne auf den Volkszorn, der sich an Protestversammlungen gegen Willkürmassnahmen der Regierung richtet.

 

Im Uebrigen ist der Boxsport ein ausgesprochener Klassenkampf, nicht nur aufgrund seiner verschiedenen Gewichtsklassen wie Feder-, Leicht- oder Schwergewicht, sondern auch in Anbetracht der Tatsache, dass es die Athleten dabei sowohl mit Links- als auch mit Rechtsauslegern zu tun haben analog zu erbitterten Wortgefechten unter Politikern aller Couleur. Nicht unerwähnt bleiben soll ferner, dass das alles selbstverständlich auch für die wachsende Zahl von Faustkämpferinnen gilt, denn der Boxsport ist längst nicht mehr ausschliesslich eine Domäne der Männer. Darüber hinaus wären da neuerdings noch ganz andere Spielarten von Boxevents zu verzeichnen. Während sich die Kickboxer bei der Ausübung ihrer aus Fernost stammenden sportlichen Disziplin neben ihren Fäusten auch  der Beine bedienen, wobei mit härteren Bandagen gekämpft wird, greift der Beatboxer als pseudomusikalischer Solo-Interpret zwecks Erzeugung von Schalleffekten zu Mikrofon und Verstärkeranlage. Er ist ein ausgesprochener Mundmusiker, dessen Zungenfertigkeit rhythmische Perkussionsgeräusche und unartikulierte Klangeffekte produziert, die ihm zur Untermalung von Hip-Hop- und Rapp-Interpretationen dienen, was zwar weniger die Muskulatur von Armen und Beinen stimuliert als vielmehr jene von Zunge, Gaumen und Mundhöhle. Mit handgreiflichem Boxen hat es nur insofern den Namen gemein, als es auf ein akustisch wahrnehmbares Schattenboxen mit einem breiten Spektrum verblüffender Verfremdungseffekte hinausläuft.

 

Doch wie dem auch sein mag: Wenn die Akteure des Faustkampfs vielleicht eine blutige Nase oder ein blaues Auge als Trophäe davontragen, darf der Beatboxer immerhin die Genugtuung verspüren, mit seinem kräftig rumorenden Trommelfeuer, das er den Zuhörern um die Ohren haut, zumindest die Trommelfelle seines Publikums gehörig zu strapazieren.

 

Peter Heisch

 

Informationen zum Buch:

232 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag

CHF 38.00, € 26.00

ISBN 978-3-7245-1615-6

 

Reinhardt Verlag Basel

 

in jeder Buchhandlung erhältlich

 

 

 




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