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Solar Plexus



von Michael Heisch, Präsident BC Zürich


Klavier spielen mit Boxhandschuhen, Anschlagarten mit Faust, Unterarm und Handkante. Das Klavier als eine interessante Variante des Schlagzeugspiels, oder warum Instrumentenverwüstung ein Befreiungsschlag sein kann. Doch alles der Reihe nach.

Diese Sache mit dem Flügel: Es war an einem folgenreichen September-Wochenende im Jahr 1962. Der Künstler Ben Patterson war im Wiesbadener Museum zu einem Happening eingeladen. Was darauf folgte, verbinden viele mit der Geburtsstunde von Fluxus, und die Bilder eines ramponierten Flügels gingen damals durch die Presse. Eine Gruppe junger Leute schlug wie Berserker auf jenes Instrument ein. Die blosse Faust genügte ihnen nicht mehr, sie griffen nach Hammer und Säge.



«Eigentlich war die Sache mit dem Flügel so gar nicht geplant», sagte der heute 76jährige Fluxus-Pionier in einem Gespräch im Wiesbadener Tagblatt. Es sollte die Komposition «Piano Activities» von Philipp Corner aufgeführt werden. Und dazu zählte es, mit aussergewöhnlichen Methoden, Klänge zu erzeugen. Wie aussergewöhnlich die Methoden waren, das zeigte sich erst, als das Instrument komplett in Kleinteile zerlegt war. Manche waren schockiert, andere amüsiert. Schliesslich gilt der Flügel als das heilige Instrument. Doch für die damalige Zeit war die Zerstörung wie ein Befreiungsschlag: Sie repräsentierte den Bruch mit der Vergangenheit und eröffnete die Möglichkeit, etwas Neues zu erschaffen.



Was genau dieses Neue war, dazu gibt es unterschiedliche Interpretationen. Fluxus ist... eben sehr fliessend und schwer fassbar. Darunter sind viele sinnliche Aktivitäten zusammengefasst, und dass diese später einmal als Fluxus in die Kunstgeschichte eingehen sollten, das war den Künstlern und Musikern noch nicht klar. Vielleicht hatten die Interpreten einfach nur Paul Hindemiths Anweisung vor Augen. In seinem
«Ragtime»-Satz aus der «Suite 1922» für Klavier steht folgende Gebrauchsanweisung, wie sich der Interpret dem Instrument anzunähern habe: «Betrachte hier das Klavier als eine interessante Art Schlagzeug und handle dementsprechend».



Sylvano Bussottis Stücke sind teilweise in grafischer Notation und stellen häufig hohe Anforderungen an die Interpreten: 1959 schrieb der italienische Komponist das Klavierstück «5 Piano Pieces for David Tudor». In den 50er- und 60er-Jahren war David Tudor schlicht der Inbegriff des Tasten-Berserkers, der einfach alles spielen konnte. Dutzende von Stücken waren ihm gewidmet und trugen den Titel «for David Tudor». Sein Name war nicht einfach nur ein Name, sondern eine «personalisierte Instrumentationsanweisung». Bussottis grafische Notationen sehen wie filigrane Zeichnungen aus. Weit verstreut liegen die Noten da, aufgebogen oder verknotet die Notenlinien. Alles jedoch kein reiner Selbstzweck, sondern eine Aufforderung an den Interpreten, sich beim Spielen etwas einfallen zu lassen.

Über Tudors entfesseltes Klavierspiel wusste auch der Komponist Karlheinz Stockhausen Bescheid. Ihm quasi auf den Leib geschrieben ist das
«Klavierstück X», darin die ganzen Klangkaskaden und groben Clusterbildungen lediglich mit Faust, Handkante und Unterarm zu bewältigen sind. Im Falle von Bussottis wild gekritzeltem Klavierstück reagierte David Tudor jedenfalls so - er spielte es mit Boxhandschuhen. Michael Heisch




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