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Michael Heisch, Präsident BCZ


Ein finnischer Anti-Rocky

«Ich habe die Boxer-Filme von Sylvester Stallone so gehasst – der Mann ist ein Arschloch, so dass ich auf die Idee kam, mich zu rächen und Rocky VI drehte.» Deutliche Worte des finnischen Kult-Regisseurs Aki Kaurismäki, dessen Filme oft einen lakonischen Humor haben und noch häufiger melancholische Züge tragen. Im Austeilen allerdings kennt Kaurismäki kein Pardon. Sein tiefes Misstrauen gegenüber der amerikanischen Kultur oder die persönliche Sichtweise der Dinge klingt aus dem hohen Norden auch mal so: «Finnland ist ein kleines Amerika geworden, schweizerischer als die Schweiz, Verzeihung. Ich ziehe nach Portugal.» Wo er nun seit 1990 lebt.
 
Die Finnen gelten als wortkarge Alkoholiker. Was bleibt einem in einer unwirtlichen Steppenlandschaft im Randgebiet Europas anderes übrig, als dem Alkohol zu frönen? Trinkfest sei der Finne, meint also das allgemeine Klischee. Und so durchschaubar dieses Klischee ist, so unterhaltsam ist es auch. «Der Brite trinkt Tee, der Franzose trinkt Wein, der Finne trinkt zu viel», heisst es landläufig.



Auch Aki Kaurismäki wird gerne mit solchen Vorstellungen in Verbindung gebracht. Gleichzeitig steht sein Name für das gesamthafte finnische Kino. Kaurismäki hat einen ganz eigenen Filmstil entwickelt, letztlich zeichnet ihn seine einmalige Eigenständigkeit als grossen europäischen Regisseur aus. Mit knorrigen Geschichten und verschrobenen Protagonisten grenzt er sich sowohl vom «Hollywood-Dreck» als auch von der «Kunstscheisse» à la Greenaway ab.
 
Wie Faust aufs Auge
Kaurismäki und Greenaway – ein ungleiches Paar, die beiden könnten unterschiedlicher nicht sein. Stünden die beiden im Ring, liesse sich deren cineastische Kunst des Faustfechtens dem Publikum kurz so präsentieren:
 
In der roten Ecke: Peter Greenaway, 1942 geboren in Newport, Wales, Vereinigtes Königreich. Er bevorzugt lange Totaleinstellungen. Die Arrangements sind detailverliebt und zwingen den Zuschauer zu hoher Aufmerksamkeit und genauem Hinsehen. Die Standbilder sind wie Tableaux eines altniederländischen Künstlers aus dem 15. Jahrhundert gemalt. Minuziös ist alles durchgestaltetet. Die Figuren verhalten sich kapriziös, in einer stetig spannungsgeladenen Manier. Greenaway liebt ausgeklügelte Konzepte und spleenige Zahlenspiele.
 
In der blauen Ecke: Aki Kaurismäki, 1957 in Orimattila/Finnland geboren, ist bekannt für einen kargen Erzählstil und sparsamen Bildern. Seine Helden sind die Verlierer unserer Gesellschaft. Den Figuren weht ein rauer Alltag um die Ohren. Doch Kaurismäki betrachtet sie liebevoll und niemals spöttisch. Nicht ohne bissigen Humor allerdings. Kaurismäki ist der grosse Schweiger des europäischen Autoren-Kinos. Wozu viel quasseln, wenn am Ende doch alles schief läuft?
 
Grosser Stoff, knapp erzählt
Rocky VI war 1986 das erste Musikvideo, das Aki Kaurismäki mit und für die Leningrad Cowboys drehte. Wir erinnern uns: Die Leningrad Cowboys, das ist dieser durchgeknallte Musiker-Haufen aus Helsinki, der vor allem durch ein extravagantes Äusseres - Elvis-Presley-Tollen und extrem spitze Schnabelschuhen - in unseren Breitengraden bekannt geworden ist.



In den Hauptrollen spielt der kompakte Musiker Sakari «Saku» Kuosmanen (Igor) und der schmächtige Bassist Silu Seppälä (Rocky). Kaurismäki erzählt in diesem rund achtminütigem Kurzfilm eine Geschichte, die einem abendfüllenden Spielfilm gerecht käme. Ein Kurzfilm, der obendrein der amerikanischen Kampfmaschine Sylvester Stallone gehörig das Fürchten lehrt.
 
Sibirischer Bär verhaut hühnerbrüstigen Yankee
Irgendwo in Sibirien. Dort lebt der Boxer Igor. Igor ist gross, sehr gross sogar. Er ist ein Bär von einem Mann. Auf einem Hundeschlitten jagt er über Schnee und Eis. Rocky aus den Vereinigten Staaten von Amerika fliegt mit dem Jumbojet. Rocky ist klein und schmächtig und liest auf dem Klo gerne Comics. Eigentlich ist Rocky hühnerbrüstig, und eigentlich ist Rocky nichts Weiteres als ein Papiergewicht.
 
In Helsinki kommt es zum Zweikampf. Im Hotel schwitzt Rocky im Fitnessraum. Die Manager tragen graue Anzüge und vergnügen sich an der Bar. Igor ergeht es auch nicht besser. Nichts wird ihm gegönnt. Die mampfenden Manager hauen ihm gleich eins auf die Boxhandschuhe, sobald er zu betteln beginnt.
 
Der grosse Tag ist da. Igor strotzt vor Energie. Im Ring passiert, was passieren muss: Igor ist böse und haut nieder, was ihm vor die Fäuste kommt. Rocky hängt bald in den Seilen. Eine Runde nach der anderen geht an Igor. Am Ende verlässt Rocky den Ring auf der Bahre. Igor dagegen ist immer noch böse.
 
Am nächsten Tag fährt Igor in einer schwarzen Stretch-Limousine nach Hause. Igor spielt dabei zufrieden Balalaika. Ohne dabei die Boxhandschuhe auszuziehen. Michael Heisch

Zitate aus: «Aki Kaurismäki», von Jochen Werner, Bender Verlag. «Schatten im Paradies. Die Filme von Aki Kaurismäki», Beate Rusch (Hg.), Schwarzkopf & Schwarzkopf.
 





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