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Weltklasseboxen mit Buchstaben

Der Superstar und die Coiffeuse aus Oerlikon: Wie eine Begegnung mit Muhammad Ali die Schweiz verändert hat, erzählen Wortperformer Pedro Lenz und Patrik Neuhaus alias «Hohe Stirnen» treffsicher in der Kellerbühne.

bettina kugler
19.03.2010 - Die Träume wachsen ihm in den Himmel – den grössten Himmel der Welt, schliesslich ist er «the greatest»: nicht bloss ein Abwart im Hallenstadion Zürich, kein Chrampfer mit Imbissbude in Hamburg, der abends die Buben im Pfarreiheim trainiert; auch keine Coiffeuse aus Oerlikon mit eigenem Laden und Berühmtheit kaum bis nach Schwamendingen. Muhammad Ali zeigt der Welt mit Fäusten, dass der kleine Negerbub aus Louisville, Kentucky, kein Sklave ist. Cassius Clay hiess er im früheren Leben, und abends beim Gutenachtgebet, unter dem hellhäutigen Heiland am Kreuz, fragte er sich, ob selbst der liebe Gott gegen die Schwarzen sei. Jetzt ist das Boxen sein Gebet, und es tut weniger weh.
Pedro Lenz folgt Muhammad Ali mit seinem neuen Programm «Tanze wie ne Schmätterling» in die ausgebrannte Spätsommersonne der Kindheit; er beobachtet ihn in jungen Jahren im Boxkeller, bewundert Schönheit und Rebellion in seinen Bewegungen und übernimmt sie als Mann an den Buchstaben: Er tänzelt, er täuscht, geht in Deckung, hängt mit den Worten in den Seilen, sticht im entscheidenden Moment mit einer Pointe.
Boxen ist nicht einfach Draufhauen, ein Textperformer mehr als schlagfertig. Kein Zufall, dass auch die Zaubertricks des Rebellen in Boxerstiefeln am Rand der Geschichte vorkommen: Wie der Titel verspricht, ist «Tanzen wie ne Schmätterling» mehr Poesie als knallharte Volksbelustigung, weniger grölende Gaudi denn ein traulicher Quartierspaziergang durch Oerlikon mit einem Superstar.
Haarschnitt für Ali
Das Grossmaul und der Langenthaler Mundartist entpuppen sich als künstlerisch Seelenverwandte – dazu spielt Patrik Neuhaus am Klavier den Südstaatenblues, garniert Runde um Runde mit Chopin und Gershwin, und die Meute tobt. Nicht gerade wie in Kinshasa 1974 beim Kampf Alis um Leben und Tod, doch für ein handverlesenes Publikum in der Kellerbühne durchaus beachtlich. So laut, dass man die eigenen Gedanken nicht mehr verstehen kann, wird es bei den «Hohen Stirnen» naturgemäss nie.
Lenz trifft die Boxlegende 1971 vor dem Kampf gegen Jürgen Blin im Hallenstadion, schickt ihm Regula Geiger zum Haareschneiden in die Kabine, ist abwechselnd der Grösste aller Zeiten, Coiffeuse, Haustechniker des Hallenstadions und einer, der diesen Paul Leuenberger kennt. Das Plakat vom Zürcher «Boxing Day» klebt am Lesepult: ein ausgebleichtes gelbes Blatt Papier mit dem schönen, stolzen Kopf Muhammad Alis und dem seines Herausforderers. Es gehört zur Tiefenbohrung in das Lebensgefühl eines Fleckens Erde, dessen Bewohner gerade erst auf die Idee gekommen sind, Frauen an der Urne zuzulassen – und äusserst stolz darauf, dass nirgends Cokiflaschen herumliegen.
Grossmaul trifft kleine Leute
Der berühmteste Boxer der Welt kommt da gerade recht. In Rückblenden und Anekdoten, fiktiven Gesprächen in Mundart und unbeholfenem Schwyzerenglisch wird er zum Vorbild in Sachen Aufbruch und Selbstbestimmung. Die Performance lebt vom vermeintlich lächerlichen Gegensatz zwischen dem Grössten und den kleinen Leuten, die Pedro Lenz ihm zur Seite stellt – bescheiden in ihren Träumen, wahrhaftig in ihrem Staunen über den Maulhelden aus Louisville. Am Ende glaubt man den «Hohen Stirnen» ernsthaft, dass die Begegnung von Muhammad Ali und Regula Geiger ein Schräublein im Präzisionsuhrwerk der Schweiz verdreht hat. Zu viele haben das verpasst.- St. Galler Tagblatt



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