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Schattenboxen



 

Der moderne Mensch mit totalem Körpereinsatz
 
Schattenboxen
 
Ein musikalisch-szenischer Parcours – von Michael Heisch und Daniel Mouthon
In Zusammenarbeit mit dem «ensemble für neue musik Zürich»
 
15.04.2010 - Die Sängerin friert in ihrer Arie fest, nachdem sie einen Mundschutz zwischen die Zähne geschoben, diese gebleckt und sich wie ein Nummerngirl dem Publikum präsentiert hat. Behutsam begleitet von einer sich zart zurücknehmenden Klarinette fangen zwei Boxerinnen an, ihre vorher pantomimisch-stilisierten Bewegungsabläufe langsam zu intensivieren, bis sie schliesslich mit vollem Risiko Serien von Uppercuts gegen ihr eigenes Kinn schlagen. Perkussionist und Tastenmann gruppieren sich, mit Kopfschutz und Frottiertuch um den Hals, mit ihren Musikerkollegen vor der gierigen Fotografenmeute zum Siegerbild.


 

Es ist wahrlich keine leichte Kost, die uns die Komponisten Michael Heisch (nicht zufällig auch Boxer und Präsident des BC Zürich) und Daniel Mouthon in der Dramaturgie von Tobias Gerber vorsetzen. In höchst ambitionierter Weise verquicken die beiden in ihrer Performance unterschiedlichste menschliche Ausdrucksformen, um so neue Spannungsfelder von äusseren und inneren Zuständen zu erzeugen: Musik, Tanz, Boxen, Ballett, gesungener und gesprochener Text, Pantomime, Gesang, Skulptur, Slapstick, visuelle Performance, kurz: Aktionskunst in all ihren Ausprägungen.

Es liegt auf der Hand, dass Michael Heisch nach Möglichkeiten dafür gefahndet hat, seine beiden Passionen zu verschmelzen: die Musik und das Boxen. Was auf den ersten Blick vielleicht etwas künstlich daherkommt, erweist sich als Angebot völlig neuer Lesarten des sozialen Menschen zwischen Zusammenarbeit und Gegnerschaft. Dabei wird keine Geschichte, bzw. „Inhalte“ im landläufigen Sinn erzählt. „Schattenboxen“ entwickelt keine Handlung hin zu ihrem Höhepunkt, um dann uns Zuseher mit einer Moral von der Geschichte nach Hause zu entlassen. Wir sind vielmehr gehalten, unsere herkömmlichen Seh- und Hörgewohnheiten abzulegen und uns möglichst auf neue, paradoxe Ton- und Bildnachbarschaften, ja Kollisionen einzulassen. Dass bei einem solchen Zugang dramaturgische oder choreographische Elemente mitunter keine organische Verbindung zu ihrer klanglichen Umgebung herstellen können und fast autistisch für sich ablaufen, ist der Preis, den Heisch und Mouthon bewusst bezahlen. So verweist das regelmässige, fast leitmotivische Bandagieren der Hände zu keinem Moment auf mehr als sich selbst. Etwas überraschend verpufft auch der mehrfach zitierte „Boxer“ von Simon & Garfunkel eigentümlich im Leeren, weil er in geradezu didaktischer Weise musikalischen Ausdruck und Gedanken zur Rolle des Boxers in der Gesellschaft verbindet. An anderer Stelle werden Gedanken zum boxenden und sozialen Menschen formuliert und, gleichsam wie in einer Bachschen Fuge, übereinandergelegt. Das ist zwar akustisch beeindruckend, überfordert aber den Zuseher auch, weil fast jedes Ausdrucksgefäss - Text, Klang, Bewegung, Bild - mit Bedeutung voll aufgeladen wird und gerade dadurch in der Summe an Aussagekraft einbüsst. Auch solche Elemente werden aber meist schnell - mit dem „Gong“ zur nächsten Runde! - gebrochen.

 
 

In betontem Gegensatz zu diesen etwas platten Effekten stehen die mitreissend choreographierten Szenen, wo sich die verschiedenen menschlichen Betätigungsformen tatsächlich annähern, ja so ineinander übergehen, dass sie einer Welt anzugehören scheinen. In den besten Szenen werden so musikalische (instrumentale ebenso wie sängerische) und boxerische Routine, ins Unterbewusste übergegangene Abläufe aufgebrochen und verfremdet: Der Druck auf Saite und Griffbrett ebenso wie die klassische Links-Rechts-Links-Kombination. Wird beim plötzlichen Innehalten am Instrument der Schlag ausgependelt oder durchgezogen? In solchen Tableaux beginnen die Instrumentalisten plötzlich, sich zu stilisierten Boxbewegungen durch den Raum zu bewegen, die Boxerinnen wiederum werfen nach regelrechten Ringereinlagen Kusshändchen ins Publikum oder verwandeln ihre Schlagfolgen in Perkussion. Es sind nicht mehr die Boxer, die nun schwer atmen, sondern die Instrumente.
 
Dramatisch zugespitzt wird das Ineinandergreifen der beiden Bereiche im Bild, wo das Boxerrudel ohne ersichtlichen Anlass den Kampf gegen die Instrumentalisten aufnimmt. Der wilde Schlaghagel, mit dem die Boxer ihre jeweiligen Partner in der Bildformation eindecken, wird von diesen mit zunehmend verzweifelter Kakophonie gekontert. Vier solche intensiven Runden erleben wir mit, und nach jedem Gong fächeln die Kämpfer den Musikern - auch fürs Publikum erfrischend - kühle Luft zu. Ebenso packend ist die Schlussszene, in der der Bühnerarbeiter (Johan Herak) die ganze Truppe in anderer Form aus ihrer angestammten Routine holt und Boxer mit Musikern so mischt, dass diese nur noch als Teil einer Gruppe, aber nicht mehr als hoch spezialisierte Individualisten erkennbar sind. Nachdem er jede/-n einzelne/-n in einer mehr oder weniger natürlichen Pose festfrieren lässt, werden diese inszenierten Hände in Grossaufnahme auf zwei Leinwände projiziert. Nun aber, da der Blick auf sie am klarsten ist, sie ruhig ins Bild gerückt werden, verrät nichts mehr, über welche Fertigkeiten sie verfügen. In diesem Moment geht das entstandene Stilleben weit über eine mehr oder weniger zufällige Verbindung von unterschiedlichen menschlichen Beschäftigungen hinaus. Hier sehen wir Hände in all ihren Möglichkeiten, werden aber auch mit einem Sinnbild möglicher Gleichschaltung konfrontiert: standardisierte Lebensbereiche, eingeebnete Individualitäten. Nicht zufällig ist dieses Abschlussbild ohne Ton, Bewegung und Text.

 

 

„Schattenboxen“ ist ein wagemutiges Experiment, das nicht eine Handlung folgerichtig entwickelt, sondern zwischen unterschiedlichsten Registern mäandriert und dabei sämtliche Sinne des Zuschauers anspricht. Dies erfordert – wie beim strategisch erfolgreichen Boxen auch ! – Kopf und Herz gleichermassen. Ist man offen, wird man wiederholt voll getroffen. Das ist aber für einmal gut so: Die ganze Sperrigkeit und Widerborstigkeit, die zahllosen Paradoxien und ironischen Verfremdungen dieses erstaunlichen musikalisch-szenischen Parcours’ erfährt nur, wer bereit ist, seine automatisierten Seh- und Hörgewohnheiten abzulegen. Wenn Kunst neue Bedeutungen schafft, dann sind wir in "Schattenboxen" Zeugen eines wahrhaft schöpferischen Aktes.

 
Dr. Gérald Kurth 

 

Konzept und Komposition: Michael Heisch / Daniel Mouthon

 

Produktionsleitung: Daniel Mouthon / Michael Heisch

 

Dramaturgie: Tobias Gerber

 

Moderation: Daniel Mouthon

 

Visueller Performer/ Soundscapes: Luigi Archetti

 

Video-Dokumentation: Nelly Rodriguez

 

Licht / Bühne: Johan Herak

 

Kostüme: Katja Rey

 

Musikalische Gestaltung: ensemble für neue musik zürich mit Hans-Peter 

Frehner (Flöte) / Manfred Spitaler (Klarinette) / Viktor Müller (Keyboard) / Lorenz Haas (Perkussion) / Urs Bumbacher (Violine) / Nicola Romanò (Violoncello)

 

Gesang: Jeannine Hirzel

 

Darsteller: Katrin Ritz, Sandra Steiner, Irene M. Wrabel, Tobias Gerber, Michael Heisch

 

 




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