News

Boxmeeting in Lugano

Bericht von Gérald Kurth

23.05.2010 - Auf Messers Schneide stand die WM-Titelverteidigung nach Version IBC zwischen Lokalmatador Roberte “Ruby” Belge und seinem Herausforderer Andrej Abramenka. In der epischen Schlacht im Padiglione Conza schenkten sich die beiden bislang ungeschlagenen Weltergewichtler nichts und gingen über die volle Distanz. Dass der Kampf am Ende unentschieden gewertet wurde und Ruby damit Titelhalter bleibt, war für den Weissrussen frustrierend. Abramenka hatte seine Qualitäten eindrücklich unter Beweis gestellt und Ruby vor dem fanatischen Publikum alles abgefordert.

Der vom BC Ascona und dem wirbligen Manager Michele Barra organisierte Kampfabend endete so zumindest mit einem sportlichen Erfolg. Die Veranstalter hatten nämlich gleich doppeltes Pech: Zum einen musste der Ukrainer Vitalij Kopylenko, einer der attraktivsten Professionals aus dem Stall Barra, wegen Handbruchs kurzfristig seinen Kampf absagen. Ausserdem hielt sich der Zuschaueraufmarsch in der Halle in Grenzen, weil gleichzeitig Lugano und Bellinzona in der Barrage um den Platz in der Super League von nächster Saison spielten. Rechtzeitig zum Hauptkampf trafen aber noch zahlreiche Fans in der Halle ein, um für ihren „Ruby“ eine Atmosphäre zu erzeugen, wie sie gerade in der Deutschschweiz leider nur selten zu erleben ist. Diese mitreissende Stimmung ist mit Sicherheit ein Grund dafür, dass das Tessiner Fernsehen Belges Kämpfe regelmässig überträgt. Dass Boxmeetings in der Deutschschweiz von SF ebenso konsequent gemieden werden, kann kaum mit dem öffentlich-rechtlichen Grundauftrag für ein grösseres Sendegebiet erklärt werden... Umgekehrt ist im Tessin exemplarisch zu beobachten, dass die potenten Sponsoren gerne dabei sind, wenn ihre Sichtbarkeit durch die Präsenz des Fernsehens gesteigert wird.
 
Die Profikämpfe
 
Cruisergewicht
Andrija Petrić (Schweiz) vs. Dimităr Stojmenov (Bulgarien)



Zwei Boxer, wie sie gegensätzlicher nicht sein könnten: Auf der einen Seite der bulgarische Puncher, der bei seinen Schlägen die Luft dermassen hörbar herauspresste, dass man einen bellenden Hund im Ring wähnte. Auf der anderen Seite der Kroate aus dem Tessin, der sich für seine Gewichtsklasse enorm leichtfüssig bewegt.

Petrić begann aus der kontrollierten Defensive mit kompakter Doppeldeckung. Schnell war klar, dass Trainer Federico Beresini seinen Schützling darauf eingestellt hatte, Stojmenov während der ersten Runden kommen zu lassen, um in der zweiten Kampfhälte von dessen kraftraubendem Stil zu profitieren. So kam es auch: Der Bulgare marschierte sofort vorwärts und setzte Petrić unter Druck. Dieser pendelte zwar die meisten Schläge aus und bewegte sich klug. Dennoch wurde er am Ende der zweiten Runde schwer getroffen und musste sich in die Pause retten. Petrić wusste, dass er auf den Punktzetteln zurück lag und wurde nun aggressiver. Er brachte zwar nun mehrere saubere Schwinger ins Ziel, arbeitete aber nie zum Körper. Dabei wäre es gerade für den motorisch überdurchschnittlichen Petrić ein Leichtes gewesen, die Deckung des langsam gewordenen Bulgaren herunter zu ziehen. Auch seine hervorragenden Uppercuts brachte er zu selten an, obwohl der Bulgare immer offener wurde. Im Bestreben, im Infight von seinem Handspeed zu profitieren, sprang Petrić gar mehrfach in Stojmenov hinein. Auch wenn dies auch auf die einsetzende Müdigkeit zurück zu führen war, muss Petrić dieses Verhalten ausmerzen. Es war ein glücklicher Zufall, dass die Köpfe der beiden – sehr fairen! – Kämpfer dabei nie zusammenstiessen. Dennoch hatten beide am Ende blutende Cuts, als der knappe Sieg von Petrić verkündet wurde. Der Tessiner hatte das Ruder insgesamt noch knapp herumgerissen und siegte durch Mehrheitsentscheid (2:l). Die Wertung der Punktrichter im Einzelnen:
 
Paolo Bolognesi: 58: 57 (Petrić)
Urs Walder:          58: 57 (Petrić)
Thomas Walter:   57: 58 (Stojmenov)
 
Mittelgewicht
Ardian Krasniqi (Schweiz) vs. Francisco Javier Gonzalez Torres (Spanien)



Ein Kampf zwischen zwei vorbildlich fairen Professionals, die nach jeder Runde abklatschten und von Referee Jörg Mangott souverän begleitet wurde. Auch wenn am Ende die vielleicht die wirklich mitreissenden Aktionen fehlten und Krasniqis Sieg vielleicht einen Tick zu deutlich ausfiel: Boxerisch-technisch war die Partie von überdurchschnittlicher Qualität. Besonders Krasniqi, von seinen Trainern Engin Köseoğlu und Federico Beresini bestens vorbereitet, zog sein taktisches Konzept konsequent durch und zeigte dabei ein höchst variables Schlagrepertoire. Im Gegensatz zu seinem Gegner aus Valencia schlug Krasniqi saubere Uppercuts, Körperhaken oder auch Schwinger über die Aussenbahn. Er kann mit seinem Jab blitzschnell zustechen, steht unheimlich kompakt und hat hervorragende athletische und motorische Voraussetzungen. Eine Herausforderung wird es aber sein, dass Krasniqi bei fortgeschrittener Kampfdauer das schützende Abducken in der Vorwärtsbewegung vermeidet. Bei einem ähnlich tief stehenden Gegner wie Torres läuft Krasniqi dabei nicht nur Gefahr, sich Kopfstösse einzuhandeln, sondern beraubt sich auch der Vorteile, die er dank seiner Geschwindigkeit in der Halbdistanz ausnutzen müsste. So war es nicht überraschend, dass sich die müde gewordenen Boxer am Ende oft durch gegenseitiges Klammern neutralisierten. Auch zog Krasniqi seine Schläge in der Halbdistanz weniger oft durch, aus Angst, sofort abgekontert zu werden. Dennoch war sein klarer Punktsieg (3:0) nach sechs Runden zu keinem Zeitpunkt in Gefahr. Die Wertung im Einzelnen:
 
Urs Walder:          60:54
Paolo Bolognesi: 60:55
Thomas Walter:   60:55
 
Weltergewicht
Roberto Belge (Schweiz) vs. Andrej Abramenka (Weissrussland)
Tenor Ottavio Palmieri interpretierte in bewährter Belcanto-Manier die Nationalhymne. Und Roberto „Ruby“ Belge stand da, mit der Flagge unter dem Arm, und er strahlte Ruhe und Entschlossenheit aus. Belge wird seit einem halben Jahr in Formia vom ehemaligen italienischen Olympiasieger und WBA-Champ Patrizio Oliva betreut, konnte aber auch diesmal in der Ringecke auf die Unterstützung seines Förderers Federico Beresini zählen. Beide Boxer kamen mit einer makellosen Kampfbilanz nach Lugano: Belge hatte seine bisherigen 25 Fights allesamt gewonnen, während Abramenka ein einziges Unentschieden verbuchen musste (l4-3-l). Bemerkenswert an der Kampfbilanz der beiden Boxer ist die vergleichsweise tiefe K.O.-Quote. Dies deutete darauf hin, dass hier zwei konditionsstarke Techniker über die volle Distanz gehen würden. Und so kam es denn auch.

Der aus der kontrollierten Defensive arbeitende Belge wurde von Abramenka sofort in die Defensive gedrängt. Der Weissrusse schlug oft und unerwartet hart, landete aber zumeist in Rubys kompakter Doppeldeckung. Schon in der zweiten Runde kämpfte Ruby mit einer Verletzung am Jochbein (unabsichtlicher Kopfstoss?), die Abramenka sofort ins Visier nahm. Am Ende der dritten Runde blutete die Belge stark, und das linke Auge begann zuzuschwellen. Belges Reaktionen auf der linken Seite erfolgten aufgrund dieser Behinderung öfter einen Bruchteil zu spät, und er wurde vom Russen mit gezielten Schwingern über die Aussenbahn mehrfach getroffen. Das Publikum spürte, dass Rubi zu diesem Augenblick auf den Punktzetteln zurücklag und ein Kampfabbruch wahrscheinlicher wurde. Getragen von der Unterstützung der Tifosi kämpfte sich der handicapierte Belge leidenschaftlich zurück. Es entwickelte sich ein offener Schlagabtausch zwischen zwei Kämpfern mit überdurchschnittlicher Bewegungsintelligenz. Am Ende hatte der Russe vermutlich total mehr zählende Punkttreffer erzielt. Titelhalter Belge aber dominierte optisch die zweite Kampfhälfte, drängte Abramenka zurück und punktete im Infight regelmässig. Hinter den Schlägen Belge, der ohnehin nicht über einen brachialen Punch verfügt, war nicht der Druck, der für ein vorzeitiges Kampfende nötig gewesen wäre. Aber seine häufig in der Umklammerung geschlagenen kurzen Haken zu Kopf oder Körper wendeten das Blatt. Letzlich ging der Weissrusse etwas zu früh davon aus, nur noch Belges Cut anpeilen und den Kampf aus der Rückwärtsbewegung heraus verwalten zu können. Insofern war das Unentschieden am Ende nicht glückhaft, sondern verdient. Belge hatte, trotz massiver Beeinträchtigung, das Diktat an sich gerissen. Gleichzeitig sind aber die jeweils unterschiedlichen Wertungen der Punkterichter Indiz dafür, dass dieser Kampf in Minsk wohl zugunsten Abramenkas ausgegangen wäre…
 
Jörg Mangott:                    113: 114 (Abramenka)
Peter Stucki:                      113: 112 (Belge)
Vencislav Nikolov:             112: 112
 
 
Die Amateurkämpfe
 
Schwergewicht
Christian Brusa (BC Ascona) vs. Sergej Kozans (BT Luganese)
Die Amateurkämpfe hatten es in der zu Beginn fast leeren Halle verständlicherweise schwer, Stimmung zu erzeugen. Allerdings waren mehrere Vorstellungen auch nicht dazu angetan, die wenigen Zuschauer auf die Profikämpfe einzustimmen. Das galt vor allem für das erste Match zwischen dem aus der roten Ecke boxenden Christian Brusa gegen Sergej Kozans. Dieser verrichtete etwas mehr Fussarbeit und landete darum auch mehr Treffer als Brusa, der ohne erkennbares Konzept aus der Defensive schlug. Weil er bald auch konditionelle Probleme bekundete, punktete Kozans regelmässig, ohne dabei die eigenen technische Mängel überdecken zu können. Kozans gewann mit 3:0 Richterstimmen. Ein wenig aussagekräftiges Ergebnis, denn Brusa war in sämtlichen Belangen inferior.
 
Halbschwergewicht
Marko Antunović (BC Ascona) vs. Milo de Lorenzi (BT Luganese)
Im Lokalderby erwies sich de Lorenzi schnell als der überlegene Boxer. Er drängte Antunović in die Defensive und arbeitete mit vielen Körpertäuschungen. Allerdings war der Luganese zu offensichtlich auf den finalen Punch aus. Er traf zwar seinen Gegner über die Aussenbahnen mehrfach. Dieser konnte aber das Geschehen im Rückwärtsgang lange einigermassen kontrollieren und ein paar Mal kontern. Als Antunović nach Punkten schon klar zurück lag, ging er in die Offensive. Weil er dabei aber eher eckig operierte und kaum je zum Körper schlug, war er für de Lorenzi leicht ausrechenbar. So entschied der Luganese den Kampf verdient mit 2:I Richterstimmen für sich.
 
Mittelgewicht
Marzio Franscella (BC Ascona) vs. Alex Hediger (BC Brugg)
Der Tessiner machte gegen seinen Gegner aus dem Aargau erstaunlich wenig aus seinen Reichweitevorteilen. Im Gegenteil: Er setzte seine unorthodoxen Faustbewegungen nicht in die nötigen Treffer um. So erarbeitete er sich zwar im Vorwärtsgang eine optische Überlegenheit gegen einen defensiv eingestellten Gegner, kam aber viel zu selten ins Ziel. Franscella hatte am Ende die Oberhand in einem Kampf zweier Boxer, deren technische Limiten an diesem Abend doch deutlich zum Vorschein kamen. Auch beim Sieger waren die zählenden Treffer weniger als Ergebnis strategischer Schlagfolgen, als vielmehr Begleitprodukt des Handgemenges in der Halbdistanz.

 




Weitere News


© 2018, Swiss Boxing Federation